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Die Wahrheit · 1901-01-04 · Heft 1 (4.1.1901) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1901
Issue
Heft 1 (4.1.1901)
Date
1901-01-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit. Nr. 1. Seite 6. „Die heutige Sitzung ist nicht nur die letzte im Jahre, smrdeiu auch die letzte einer Wahlperiode. Geehrte College»! Ich will aus diesem Anlässe nicht einen aussührlichen Rückblick auf die Thätigkeit des Vorstandes im abgelausenen Jahre werfen, da wir ja erst vor wenigen Wochen unseren .Bericht erstattet haben und außerdem in den Wählerversammlungen alles vorgebracht wurde, was der Vorstand unterlassen hat. Die hiebei gegebenen Lehren und Anregungen werden gewiss den Vorstand gelegentlich beschäftigen. Beim Abschluß der Bilanz können wir aber uns selbst das Zeugnis nicht versagen, das wir es an Fleiß und gutem Willen nicht fehlen ließen. Nicht nur, dass so viele Sitzungen abgehalten wurden, einzelne Herren haben «ine geradezu aufreibende Thätigkeit entfaltet. Wir geizen nicht nach Lob, aber das beruhigende Bewusstsein haben wir, dass wir mit uns selbst zufrieden sein können. Ties bedauerlich ist das Scheiden unseres College», kais. Rath Vogel, aus dem Vorstande, der durch ein Missverständnis nicht zur Wiederwahl gelangte. Der gesammte Vorstand hat ihnZ während seiner langjährigen Thätigkeit innerhalb desselben achten und schätzen gelernt und wird ihm auch nach seinem Ausscheiden ein ehrendes Andenken bewahren. (Zustimmung.) S-it vier Jahren habe ich die Ehre, Präsident der Wiener Cultusgemeinde zu sein, und danke nun dem Vorstande für das mir bisher entgegengebrachte Vertrauen. Ich habe das mir übertragene Ehrenamt mit bestem Willen, soweit mein eigenes Können reichte, verwaltet, und wenn es mir nicht gelungen sein sollte, allen Anforderungen zu entsprechen, so bitte ich nachträglich um Aitschuldigung. Ich danke für die Unterstützung meiner Thätigkeit den beiden Herren Vice-Präsidenteu und dem wackeren Bureau der Cultusgemeinde, an der Spitze den Herren I. Secvetar kais. Rath Dr. Lieben, Secretär Dr. Adler und dem Amtsvorstand Wiener. Dank gebührt auch der jüdischen Presse, die es verstanden hat, ein regeres Interesse für die Gemeindeavgelegenheiten bei den Mitgliedern der Gemeinde zu erwecken." (Am Schlüsse seiner Ausführungen wird der Präsident vom Vorstande und dem Auditorium lebhaft acclamirt.) Kais. Rath Vogel dankt dem Präsidenten für die Anerkennung seiner Thätigkeit und versichert, dass er auch in Zu- Äutst dem Präsidenten und dem gelammten Vorstande in freundschaftlicher Zuneigung zugethan fein werde. Schließlich empsiehlt er den Simmeringer Bethausverein, dessen Interessen an dieser Stelle zu vertreten, er sich öfters veranlasst sah, dem ferneren Wohlwollen des Vorstandes. Regierungsrath Dr. S t e g e r erbittet sich das Wort, vm auf zwei Momente mit kurzen Bemerkungen hinzuweisen: „Das erste Moment ist der Austritt des kais. Rath Vogel. Hier ist nicht der Ort, die Gründe seines Scheidens zu erörtern, was aber gesagt werden muss, ist, dass wir diesen Mann nicht nur im Vorstande, sondern auch im bürgerlichen Leben als einen außerordentlich liebens- und schätzenswerthen Mann und als das Haupt einer echt jüdischen Familie kennen gelernt haben und dass wir auch seinen weiteren Lebenslauf mit sympathischer Zmleigung begleiten werden. Das zweite Moment, das in der Schlusssitzung des heurigen Jahres hervorgehoben zu werden verdient, ist die Thätigkeit unseres Präsidenten. Der Ausgang der letzten Wahlperiode hat bedauerliche Erscheinungen zu Tage gefördert. So alt wie unsere Religion, ist der gewisse skeptische, nörgelnde Zug bei uns Juden. In einer Zeit, wo uns Einigkeit so dringend noth thur, haben sich Strömungen gezeigt, die nicht nur den Frieden iu der Gemeinde zu gefährden geeignet sind, sondern die Leitung geradezu lähmen. In dieser traurigen Flucht der Erscheinungen ist uns der Präsident ein leuchtendes Beispiel gewesen, und es muss aus der Mitte des Vorstandes gesagt werden, dass wir glücklich sind, ihn zu besitzen, und dass wir in seiner Person eine Bürgschaft dafür erblicken, dass in der Wiener Cultusgemeinde die Interessen des Judenthums über Alles hochgehalten werden. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, dies offen auszusprechen und ich glaube im Sinne des gesammlen Vorstandes zu ' sprechen, wenn ich dem Wunsche Ausdruck leihe, dass Herr kaif. Rath Klinger noch lange unser Präsident bleiben möge, zum Wohle der Gemeinde und zur Ehre des Cultusvorstandes. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Der Präsident dankt für diese Sympathiebezeugung und schließt um 2 Uhr Nachmittag die Sitzung. In der der öffentlichen Sitzung vorausgegangenen vertraulichen Plenarsitzung wurden nachstehende Stiftungen (Referenten die Herren Baurath v. Goldschmidt, Vicepräsident Dr. Kohn und Dr. Steiner) der Berathung und Beschlussfassung im Sinne der vorliegenden Sectionsanträge zugeführt: die Adam Herzfeld'sche Ausstattungs-Stiftung mit einem Betrage K. 240.—. die Therese Wertheim'fche Ausstattungs-Stiftung mit einem Betrage von K. 330. -; die Ignaz Klepetasch'sche Stiftung mit einem Betrage von K. 230.— an je eine arme Braut; die Abel Rappaport'sche Stiftung mit einem Betrage von jährlich K. 1000.— an einen Hörer der technischen Hochschule Wien, für die gesetzliche Studienzeit; die Widmung des Comitss der aufgelösten Abendbörfe mit einem Betrage von K. 92.— an einen Hörer der philosophischen Faeultät. Vorsteher Salo Cohn berichtet über die durch ihn erfolgte Vertretung des Cultusvorstandes bei der Generalversammlung der Mariahilfer Tempelvereines. Dieser mustergiltige Verein habe den Tempel herrlich renovirt und fasse für die die Zukunft eine Erweiterung des Gotteshauses ins Auge, für welche Herr Architekt Fleischer, der Obmann des Vereines, bereits die Pläne ausgearbeilet habe. Die Versammlung nimmt diesen Bericht mit Befriedigung zur Kenntnis. Herr Oberingenienr v. Mises reserirt namens der dritten Seetion über Ausnahme in das Versorgungshaus. Von 193 d. z. vorliegenden Gesuchen verdienen 140 Berücksichtigung. Uliter diesen sind 23 Petenten, welche sich für das zu eröffnende Siechenhalls eignen würden, Ueber Antrag der dritten Section werden zunächst 16 Männer, 15 Frauen und 5 Ehepaare, sämmtliche in hohem Greisenalter stehend, zur Aufnahme vorgemerkt. 81 berücksichtignngswerthe Gesuche müssen wegen Raummangels bis auf Weiteres unerledigt bleiben. Vicepräsident Dr. Gustav K o h n reserirt namens der Unterrichtsfection: Die beantragte Verleihung des Definitivums an eineu Religionslehrer im Sinne des bestehenden Normales wird beschlossen. Ueber Referat der Herren Dr. Steiner und Director Simon wird, entsprechend denl Anträge der Unterrichtssection, den Herren Religionsschulinfpector Moriz Kanitz und Religionslehrer Moriz Antscherl für ihr ersprießliches Wirken beim Jugendgottesdienste die Anerkennung ausgesprochen. An den Tempelverein in Simmering wird über Antrag des Vertreter-Collegiums ein Theil der pro 1901 budgetierten Subvention für anfangs Jänner zur Auszahlung angewiesen. Herr Baurath Theodor Ritter v. G o l d s ch m i d t referirt namens der III. Section über die Verleihung von Subventionen an humanitäre Vereine und Corporationen im Gesammtbetrage von K. 11.798.—. Die Anträge werden genehmigt. Der Nanette Schlesinger'schen Stiftung wird zur Deckung es Deficites pro 1900 außer der budgetierten Subvention ein außerordentlicher Beitrag von K. 400.— bewilligt. Dem ersten öffentlichen Kinderkrankeninstitute in Wien w ird gleichfalls über Antrag der III. Section pro 1900 eine Subvention von K. 300.— gewährt. Endlich werden Steuerangelegenheiten und Personalien der Beschlussfassung zugesührt. Nachwort zur Verbands-Versammlung der israel. Netigionslehrer an den öjterr. Mittelschulen?) (Von einem Lehrer.) Nur Leute, denen das „Nörgeln" Profession ist, oder die sich ganz abseits vom Getriebe der Welt gestellt haben, können *) Abgehalten am 26, December 1900 im Locale der Religionsschule der Wiener Cultusgemeinde.

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