Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1900-12-28 · Heft 48 (28.12.1900) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 48 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063013-3063061--01120-3067684
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48. Die Wahrhei!. Seite 7. £ Huldigen, dann kann man sich leicht vorstellen, wie ängstlich sie ffch bei Andersgläubigen von Speise und Trank fernhielten. Nun denke man sich einen weinfrühen Rheinländer, mit dem der jüdische Gast oder Kunde nicht eine Flasche Wein leeren, die Bürgersfrau, bei der die jüdische Nachbarin nicht eine Tasse Kaffee und ein Stückchen Kuchen genießen will. Ein Zusammen- - tafeln, ja auch nur ein gemülhliches Zusammensein mit Juden war geradezu unmöglich. Die Juden mussten sich zurückziehen, und sie waren nach dem Satze: „Wer sich in Einsamkeit * begibt, ist bald allein", von allem Verkehr ausgeschlossen, auch wenn es keine mittelalterlichen Ghettos und modernen „judenreinen" Locale gegeben hätte. Am allerschlimmsten vielleicht tvar die Wirkung auf das naive Volk. Der Bauer musste den Kopf schütteln, wenn der jüdische Händler alle ihm angebotenen Bauerngutsdelikakessen: ein Glas frische Milch, saure Milch, Käse, Schinken, Wurst rundlveg ablehnte. Er musste darin eine Beleidigung, ein Mißtrauen erblicken, sich gekränkt fühlen und dem „Mißtrauischen" seinerseits mißtrauen. Zweifellos ist ein gut Theil der überall verbreiteten Abneigung gegen die Juden auf die Sonderbarkeiten der jüdischen Speisegesetze zurückzufnhren. Die Speisegesetze haben auch die jedenfalls nicht beabsichtigte Nebenwirkung gehabt^ die fable convenue von dem jüdischen Reichthum zu erzeugAr. Gewiss gibt es sehr reiche Juden. Die Masse der Juden hingegen ist, wie im Grunde nur natürlich, arm. Das wird das Volk nie zugeben wollen. Denn — so wird die christliche Frau aus dem Volke sagen — man komme doch nur in eine jüdische Küche. Diese vielen Töpfe, Schüsseln, Teller. Löffel, Messer, Gabeln müssen doch gebraucht werden, also müssen die Juden viel zu schnabulieren haben. Die gute christliche Hausfrau weiß eben nicht, oder bedenkt nicht, dass die ärmste jüdische Hausfrau Küchen- und Tischgeschirr für Fleisch-, anderes für Milch-, eine dritte Garnitur für neutrale Gerichte und sogar noch eine vierte für das Osterfest haben muss. Dazu ist noch zu bedenken, welchen Eindruck oer Sabbath- und Festtagstisch der Juden auf die einfache christliche Nachbarin machen muss, die keine Ahnung hat, welche Entbehrungen jüdische Familien sich die ganze Woche auferlegen, um den Sabbath das Jahr hindurch und die Feste würdig zu feiern. So haben denn die jüdischen Speisegesetze den Juderl als SchntzivaU gegen Krankheiten und wirthschaftlich, sittlich und selbst ästhetisch als Erzieher gewirkt, anderseits aber auch sie unglaublich eingeengt und abgesondert. Äus dem Meiler Cultusvorstande. | A u s der Plenarsitzung des C u l t u SV o r st a nö e s vom 19. December 1900 unter d e m B o r s i tz e des Präsidenten ka i s. R a t h H. K l i n g e r. An Spenden sind eingelaufeu: Von Frau Moriz Jacoby für das israel. Altersversorgnngshaus K. 5‘33; von Herrn Dr. Alexander Marschik behufs Vertheilung an jüdische Arme K. 30'—; als Sühne eines wegen Ehrenbeleidigung Geklagten für die durch denselben dem Judeuthume zugefügte Unbill, mit dem Wunsche des Einsenders, dass der von ihm als Vertreter j Les Klägers bei Erzielung eines Vergleiches eiugeschlagene Vorj gang Nachahmung finde. j Der Vorschlag des Vorstandes der Chewra Kadischa,! Herrn Aron Bondy, Gesellschafter der Firma Jakob Neurath, j in den Vorstand dieses Vereines zu cooptireu, wird einhellig! -genehmigt.! Anlässlich der Fertigstellung des Siechenhauses wird'die j III. Sectio» beauftragt, Vorkehrungen betreffend die innere j Einrichtung des Siechenhauses vorläufig für zwei Stockwerke zu - treffen. > Die für das Jahr 1900 noch zur Verfügung stehenden Linsen des Dr. S. H. Goldschmidt'schen Legates gelangen im Sinne der testamentarischen Bestimmungen zur Verleihung. > Oberfinanzrath Dr. Rappaport referirt namens der Rechtssection betreffs einer Aeuderung der Systemisiruugsbestimmungen für die Diener der Cultusgemeinde. Die Anträge gelangen nach längerer Debatte, an welcher sich insbesondere die Herren kaiserl. Rath Dr. Moriz Hirsch, kaiserl. Rath Pollak, Dr. Spitzer und Hoffman» betheiligen, zur Annahme. Schließlich werden Steuerangelegenheiten in Derathung gezogen. * * * A u s der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 23. December 1900 unter dem Vorsitze des Präsidenten k a i s. R a t h H. K l i n g e r. Beginn der Sitzung 10 Vormittags. An Spenden sind eingelaufeu: Von Herrn Präsidenten kaiserl. Rath Klinger 200 Kronen, welche derselbe als Präsenzgebühr für die am 20. December 1900 stattgefundene Sitzung des Curatoriums der A. M. Pollak Ritter von Rudin'schen Familienstistung empfangen hat und dem Armenamt der Cultusgemeinde überwies. Von Frau Isidor Schnek 8 Bände Kompert's Werke für die Bibliothek des israel. Altersversorgungshauses. — Für die Ausspeisung armer israel. Schulkinder in der Brigittenau find eingelanfen: Von Frau Emilie Pick K. 5, von Herrn Joses Flesch K. 40; weiters für denselben Zweck zu Hauben res Herrn Dr. Alfred Berger: Anonym K. 5, von Frau Sofie Steiugraber K. 5. von Frau Sarah von ^Stern K. 20, von Herrn Jsidoro Reiß I. K. 10, von Herrn I. R. Berger (San:;luug) K. 40, von Herrn Ludwig Gersiner K. 10, N. N. K. 20. Den Spendern wird der Dank votirt. Im Einlaufe befindet sich eine Einladung des israel. Tempelvcrcines für YI. und YII. Bezirk zu der am 27. d. M. stattsiiidendeu Generalversammlung und eine Einladun^^s israel. Tempelvereines für den X. Bezirk zu der am 30. -."M. statt» findenden 25. Generalversammlung. Die Vertretung des Vorstandes bei der erstereu Generalversammlung übernimmt Herr Salo Cohn, während für die letztere die Herren Bicepraiident Dr. Kühn, Oder-Ingenieur v. Mises und Dr. Grünfeld ihre Anwesenheit in Aussicht stellen. Der Präsident bringt den vor längerer Zeit von der 1. Sectiou eingebrachteu Antrag wegen Ausnahme der durch ihr philan'.hropisches Wirken hochverdienten Baron Moriz Hirsch de Geremh und seiner Gattin Baronin Clara Hirsch de Gereuth in die Haskara zur Abstimmung und verweist auf das rückstchtlicch folcher Aufnahmen geltende Normale, wonach die Anwesenheit von 18 Vorstandsmitgliedern erforderlich und eine Debatte ausgeschlossen ist. Die sohin bei Anwesenheit von 18 Vorstandsmitgliedern vorgenommeue schriftliche Abstimmung ergibt die Annahme des vorgenannten Antrages der I. Secrion. Herr Bicepräsident Dr. Gustav Kohn referirt über die Verleihung zweier Stiftplätze im Betrage von je K. 945 ans der Jonas Freiherr von Königswart'fchen Theologenstrftung. Ueber Vorschlag des Professoren-Collegiums der israelitischtheologifchen Lehranstalt und über Beschluss des Stiftungs- Curatoriums wird die Verleihung an 2 Rabbinatscandidaten genehmigt. Herr Docent Dr. Grünseld referirt namens der III. Sectio» über Personalangelegenbeiten des israel. Spitals. Im Sinne der Scctions-Amräge wird das Moriz Freiherr von Königswart'sche Stipendium im Betrage jährlicher Kr. 840 für einen Hilfsarzt im israel. Spitale dem derzeitigen Stipendisten für ein weiteres Jahr verliehen und die Anstellung eines zweiten Hilfsarztes beschlossen. Nach Erledigung einer größeren Anzahl von Currentieu und Personalien wird die Sitzung um 2 Uhr Nachmittags geschloffen. 4«g des rer eures ' ld- >es rit "\ >ie 0r c* r e,;. « i . « 31 v'3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.