Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 48 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Me Wahrheit. m. 48 - Nathan Haläß. Wahrlich eine lange Zeit! Fünfzig Jahre in aufreibendem Dienste der Volkserziehung, mit Leib und Seele Jugendbildner, u. zw. mit warmem Eifer in des Wortes weitgehendster Bedeutung. Wem dies gegönnt ist zu erreichen, hat es sicherlich sehr verdient. In hellen Schaaren sammeln sich jetzt die tausende und abertausende Freunde, Verehrer, Schüler und Schülerinnen um einen greisen Helden auf dem Gebiete der Volkserziehung, um tintn Mann, der ein halbes Jahrhundert für Religion und Erziehung mit dem Banner immer voranging. Nathan Haläß erwarb sich während einer solch' langen Zeit die Verehrung, Hochachtung und die an Schwärmerei grenzende Liebe vieler Taufender. Seine Schülerinnen, die er so erzog und erzieht, dais dieselben treue Töchter des Vaterlandes Utld als wahre Hüterinnen unserer Religion laut den Satzungen mtferer Lehren zu frommen jüdischen Müttern wurden und werden, verehren in ihm für alle Zeilen den edelherzigen Vater und liebevollen Freund. Während feines ganzen thatem eichen Lebens opferte er mir hierauf die bedeutenden Schätze seines besten Könnens und Bestrebens. Und wenn auch an seinem Namen gewaltige Thaten sich nicht knüpfen, so ist er uns doch so werth, als wenn er diesen in das Buch der Erinnerungen mit bedeutungsvollen Heldenthaten znm Ruhme gebracht hätte. Gleich der emsigen Biene sammelte er den Blumenstaub auf dem weiten Felde der Gottesfurcht, des Wissens und der Fachkenntnis, und er sammelte diesen nicht zu seinem eigenen Genüsse, sondern darum, um hiemit das Leben der ihm anvertranten Sprösslinge zu versüßen. Haläß blieb — trotz der im ungarischen Judenthume platzgegrisfenen desolaten, parteiischen Verhältniße — ein „wahrer Jude," ein treuer Beförderer unserer angestammten Traditionen. Kein Jota ging bei ihm verloren von jener eminenten Aeußerung, mit welcher ein Großer in Israel ihn seinerzeit kennzeichnete. Er wankte auch für keinen Augenblick — selbst in der Zeit der obenerwh.. »"Entzweiung nicht — in seinem Glauben. Selbst in seinem hohen Alter schreckt er vor der schweren und anfrei Lenden geistigen Arbeit nicht zurück, mit welcher er für sich ewige Anerkennung erwirkt, jenem Kreise aber, in dessen Mitte er thätig ist, verschafft er seelisches Glück und innere Befriedigung. Seine jetzigen, sowie feine gewesenen Schüler und Schülerinnen, die dankbaren Ellern, die anhänglichen Eollegen, die ihm Achtung zollenden Bekannten und Freunde umschwärmen ihn jetzt mit Hochachtung, Liebe und Verehrung, damit sie dem in Jugendfrische strotzenden Greise den Tribut der aufrichtigsten Anhänglichkeit darbringen. Ties ist kein „Jubiläum", keine schabloncnmäßige Feier. Dies ist der Ausstuss der tiessten Anhänglichkeit seitens Jener, die mit freudevollem Herzen die Gelegenheit ergreifen, damit sie diesem Liebling in ungeschminktester Weise ihre tiefste Verehrung und Achtung entgegenbringen können. Nathan Haläß (Fischen) ist am Z. März 1834 in Apostag geboren, wo er auch die Volksschule beendete und bis zu seinem 16. Lebensjahre die Jeschiwa zu Apostag und Paks besuchte und durch glänzende Fähigkeiten und eisernen Fleiß besonders bervorraxie. Die weltlichen Wissenschaften eignete sich Haläß auf privatem Wege an und sehen wir ihn schon im Jahre 1850 an der Töt-Györker israel. Schule und im Jahre 1853 als Duna- Vecseer Lehrer wirken. Nach Ablegung der Prüfung wurde er im Jahre 1d56 an die Kajäßö-Szt.-Peterer israel. Schule zum Oberlehrer und im Jahre 1859 zum dirigirenden Lehrer der Lovas-Berenyer Schule gewählt. Nach Ablegung der Prüfung zum Oberlehrer wurde Halaß als Director der Györer (Raab) israel. Volksschule gewählt, im Jahre 1863 aber als Classenlehrer an die israel. Musterhauptschule zu S.-A.-Ujhely berufen. Im Jahre 1867 versetzte ihn der damalige Cultusminister Baron Eötvös, der den bescheidenen Lehrer mit feiner besonderen Hochschätzung auszeichnete, an die Pester israel. Musterhauptschule. An dieser Stelle wirkte Haläß 3 Jahre. Seit dem Jahre 1870 ist unser Jubilar Director an der israel. Mädchen-Volksschule und seit 1896 zugleich Director der neueröffneten Mädchen-Bürgerschule. Als guter Patriot und eifriger Beförderer der ungarischen Spr.ache richtete und richtet HaLäß. noch» heute feilt höchstes. Augenmerk auf die echt religiöse Erziehung der seiner Obhut anvertrauten Jugend. Seine Schüler, die er liebevoll undzart- | behandelt, umschwärmeu ihn mit Liebe, wie er denn überhaupt von Jung und Alt geehrt, geschätzt, geliebt und geachtet wird: Auch das Gebiet der pädagogischen Litteratur hat Haläß. mit: , mancher Perle bereichert. Seine Werke, wie: „Geschichte der * Juden »ach den Bibelepocheu," „Katechismus der jüdischen'. Religion" in 4 Theilen, ,^Indische Religions- und SittenlehrL-"' sind als ausgezeichnete Schulbücher in allen israel. Schulen, des. Landes Verbreiter. Auch als Journalist entwickelte Haläß besondere Thätigxeiti. So redigirte er im Jahre 1865 das Politische Wochenblatt;. „Zempleni Hiradö", das seinerzeit die berühmtesten Mänuerr des Comitates zu seinen Mitarbeitern zählte. Unter seiner Leitung traten ins Leben die Fachblätter „Izraelita m&gyar aeg>- tanito,“ „Izraelita hitközsegi es iskolai lapok^ Magyaihzsidö ifjusäg lapja“ und die allgemeiner Beliebtheit sich er-- freuende Jugendschrift Kincses szekrdnyke'*. Die Kölnische Zeitung über dir jnd. Lpeisegesrtze. (Schluss.) Im einfachsten jüdischen Haushalt muss die Küche mit großer t Aufmerksamkeit behandelt werden, damit keine der zahlreichen rituellen Vorschriften verletzt tverde. Das könnte nämlich unter Umständen sehr kostspielig und unbequem werden. Benutzte man einen falschen Löffel oder Topf, spritzte die überkochende Milch in ein, nahestehendes Fleischgericht, that man aus Versehen ein Stück Butter zu einem zum Fleisch zu brauchenden Gemüse oder zu einer Vorspeise, dann durfte in manchem Falle die Speise nicht genossen, das Geschirr nicht mehr gebraucht werden. Man achtete darum die Frau oder Köchin, von der gewissermaßen auch das Seelenheil abhing, die eine Art Priesterin des Hauses war. - Es ist auch nur natürlich, dass der fromme Jude, der au so vielen schönen Dingen Vorbeigehen musste, sich au große Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschnug gewöhnte. Hatte er zu Mittag ein Fleischgericht gehabt, dann musste er sechs Stunden warten, bis er seinen Vesper-Kaffee mit Milch und einem Bmterbrötcheu zu sich nehmen durfte. Denn — und das mag als Beispiel für , die sonderbare rabbiniiche Logik und Confeqnenzmacherei dienen — es ist im alten Testament verboten, das Junge in der Milch seiner Mutter zu kochen. Daraus folgerte man, das Kochen jedes Fleischgerichts mit allen Milchprodukten sei unstatthaft, sowie ferner, dass bis nach vollständiger Verdauung des Fleichgerichts keinerlei Milcherzengniffe genossen werden dürfen. Seltsamerweise nahm man es nicht so genau mit dem Fleischgenuss nach verzehrten Milchprodukten, obwohl ganz fromme Juden auch hier gewisse Grenzen zogen. Es ist begreiflich, dass den Juden auf Reisen die Ernährung außerordentliche Schwierigkeiten bereiten musste, ganz besonders in kleinen Städten. Man kann sich denken, wie sie sich nach Hause sehnten. Wer möchte bezweifeln, dass dies sehr viel dazu beigetragen hat, die vielgerühntte jüdische Familien-Anhänglichkeit zu fördern? Und noch eine andere Tugend erzeugte die rituelle Küche: die Gastlichkeit. Der Fremde war am Sabbath und an den Festtagen fast ganz aus die Gnade der ansässigen Glaubensgenossen angewiesen. Man te ilte es als religiöse Pflicht und als nobile otkieinm ansehen, an solchen Tagen Fremde eiilzttladen. Es ist durchaus nichts Seltenes, dass dort, wo sich bei den Inden noch altreligiöse Sitten erhalten haben, der routinirte Schnorrer, oft „schrecklich zu schauen" an der üppigen Festtafel mit der Familie des jüdischen „Magnaten" speist. Der Schnorrer muss schon außerordentlich wenig courfähig, der Magnat schon ein hypercivilisirter Snob sein, wenn ein Zusammenspeisen nicht stattffndel. Eine sehr ernste Folge der Speisegesetze war die durch sie bedingte Abschließung der Juden. Wenn man bedenkt, dass sehr viele Juden nicht einmal bei den eigenen Kindern speisen, wenn diese hiusichtlich der Speisegesetze schlafferen Grundsätzen