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Die Wahrheit · 1900-12-28 · Heft 48 (28.12.1900) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 48 (28.12.1900)
Date
1900-12-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Hesterr.-ungcrr. Gantoren-Aeitung. Ilr. 48. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Lynagoge und Cantor vor und »ach Anher. Von Obercantor P. Minkowsky, Odeffa. (Fortsetzung.) Mit der Uebernahme der Erbschaft verwandelte sich die Lage der neuen zwei Erben in einer ganz verkehrten Richtung. Anstatt des momentan begeisterten und stürmischen Prophelen, erschien der ruhige, nüchterne, kalte und überlegte Weise, der den Propheten ähnlich 7) seinen Titel zu jeder Zeit nach Mode wechselte 8), immer aber systematisch sich fort und fort entwickelnd, bis er das Klimax seines Ziels erreicht hatte. Nicht tu der Wüste, sondern in der Akademie der Wissenschaft zu Zamnia, Sura, Pumbadita, Ausche rc. gründete sich der Rabbi sein festes Heim, von wo aus er dem gehorchenden Volke Gesetze dictirte. Nicht in Haarmantel und Fellgürtel gehüllt, sondern in einem schönen „Iztala d’rabbanan“ niedlich gekleidet, um auch mit seinem Aeußern dem Volke zu imponireu; wie einer der größten Talmudisteu Rabdi Zochanan „koro l’monei m’chabdutei“, In der Mitte der Gemeinde lebend, hat der Rabbi nie ausgehört, als deren Haupt und Leiter betrachtet zu werden. Kein Rabbi, mag er auch einer der aufgeregtesteit Naturen gewesen und dem Volke schonungslos dessen Fehler ins Gesicht geschleudert haben, wurde so mishandelt, wie irgend ein Prophet im allen Israel, wenn er so was gewagt hätte. Für das schroffe Auftreten gegen die kriegerische Partei des Volkes, vor dem Untergange des ersten Tempels, wurde der Prophet Jeremia geohrseigt, arretirt und er haue im Sumpfe, wohin er er zuletzt geichlendert wurde, beinahe seinen Untergang gesunden. Dagegen riskirte Rabbi Jochauan ben Sakai, der vor dem Untergange des zweiten Tempels seinem Volke Subordination gegenüber den Römern — wie einst Zeremia dasselbe den Babyloniern gegenüber — auempsohten hat, in einer aufgeregteren Zeit, zwischen Zelotetl, Siklikcn und allerhand kriegslustigen Banden, als Leichnam ins feindliche Lager Hinansgetragen zu werden, und die strengsten Kriegswächter — obwohl Verdacht riechend und Untersuchung verlangend — wagten nicht einmal, den vermeintlichen tobten Körper des politisch verdächtigten Rabbi anzutasten. Kurz, die Lage des Rabbi seit seinem Auftreten war eine günstigere als diejenige des Propheten, wie auch das talmudische Axiom lautet tod spy tan«. Ganz anders gestaltete sich die Lage des zweiten Erben, des Ehasans; eine Misgeburt, ein unglückliches Wesen, das von einer Subordination zur anderen Herumgetrieben wurde, der halb Priester, halb Lewit, halb "ha., halb natP ’bam, bald als Geistlicher, bald als Akrobat sein Dasein zu fristen gezwungen war. Auch hat der anwachsende Ritus nicht wenig Schwierigkeiten zu seiner Stellung zugesügt. Anstatt des kurzgefassten und abgeschlossenen unantastbaren Ritus des ehemaligen conservativen Priesters, übernahm der Ehasan einen im Werden begriffenen Ritus, worin alle verschiedenen Secten des Iudenthums, angesangen von den Propheten, Königen, Sopherim, Mischnaiten,Amoräer, Rabbinen. Dichter, Philosophen, Poetanim, Kabbalisten,Sabbatäer, Frankisten, Neuchassidäer, Ehabadäer, Radicalreformer bis Rabbi Hirsch von Chicago und Rabbi Fogelstein aus Stettin, ihre Ideen wie in einer Schatzkammer aufgespeichert haben; ein elastischer Ritus, rer sich in der Diaspora nach verschiedenen Richtungen und cotuinetttaleu Stylen ausgebreitet hat. Außerdem waren die ungeheueren Bedingungen, die die Rabbinen auf eiitem siLl Jt'tP aufgebürdel haben, fast unerfüllbar. Vor Allem sollte er ein „Ragil" (^'N) sein. Es ist tticht nöthig zu erörtert, wie groß die Schwierigkeiten waren, Ragil zu sein in einer Zeit, wo noch 7) Nabi, Zophe, Chose, Roe. *) Sopher, CH ach am, Tanait, Emorit, Saburäer, Rabban, Morono, Pose! rc. keine Druckerei existirte und alle Gebete entweder aus Schriften oder gar auswendig vorgetragen werden mussten. Er sollte Vater von vielen Kindern und blutarm sein, dass er in seinem Hause Nichts habe. Das ist auch eine weder geringe noch angenehme Aufgabe. Er soll auch eine makellose Vergangenheit haben, submissiven Character besitzen und dem Geschmacke des Volkes zugethan sein. Er soll auch musikalisch sein und eine sympathische Stimme besitzen. Und außer all dem soll er noch eine Kleinigkeit besitzen, nämlich die Kenntnisse des öffentlichen Vorlesens in Pentateuch, Propheten, Hagiographen, weiters die Fähigkeit, in Mischna, Halacha und Agada Vorlesungen zu halten, und ganz tüchtig sein in der Lehre der Segenssprüche. Das ist fast die ganze jüdische Litteratur, die zur damaligen Zeit existirte, und das würde auch heute, ohne den gesanglichenTheil, für das beste Zeugnis eines modernen Rabbiners hinreichen. Wie viele außerordentliche Zufälle von genialer Begabung, unermüdlichem Fleiß, Hillels Geduld, Rabbi Eliesers Gedächtnis, Rabbi Zadoks Asketik, Kugros ben Lewis musikalische Fertigkeit rc. müssten sich in einer Person zusammengesundeu haben, um dieselbe als jm rt? anzttet kennen. Thatsächlich gab es feinen einzigen Ehasan in der Geschichte, der allen diesen Bedingungen nachgekommen war. Das große Programm, welches mehr zuv Zufriedenheit der Rabbinen als zum Gefallett des Volkes beabsichtigt war, musste unbedingt verschmälert werden, was eine Spaltung zwischen Rabbiner und.Volk zur Folge halte. Die Rabbinen waren bereit, auf den Theil zu verzichten, der beim Volke Hauptsache, das Volk dagegen beharrte gerade auf jeitein Tleil, der bei den Rabbinen Nebensache war. Xolono volen& musste ein Compromiss, und zwar zu Gunsten des Volkes, stattsinden. _ (Fortsetzung folgt.) Gemeinde- und Vereiusbote. Wien. Sonntag, den 30. December 1900,12 Uhr Mittags, stndet im Sitzungssaale, I., Seitenstettengasse 4, 2. Stock eine öffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israel. Cultusgemeinde mit nachstehender Tagesordnung statt: 1. Verificirnng der Protokolle über die Budgelberathung. 2. Ernennung votr Verificatoren für das Protokoll der Sitzung vom 30. December d. I. 3. Bericht der I. Section : a) Tempelverein im X. Bezirk (Referent Herr Vice-Präsident Dr. Kohn), b) Cantion für den Bethausverein „Chassidim (Referent Herr Dr. Berger), o) Aufgebote bei Trauungen (Referent Herr Dr. Steiner). 4. Bericht der II. Section: Ansuchen der Talmud-Thora-Vereinsschule. 5. Bericht der III. Section: Bericht über den Beginit der Thätigkeit des Verbandes zur Unterstützung armer, israelitischer Wöchnerinnen (Referent Herr Baurath von Goldschmidt). 6. Bericht der Y. Section: Verein „freie Vereinigung" (Referent Herr Dr. Spitzer). 7. Schlusswort des Vorsitzenden. Wien. Am 25. d. fand eine Ergänzungswahl des Vorstandes der türkischen Gemeinde statt. Der langjährige, beliebte und um die Gemeinde hochverdiente Präsident, Herr Marcus M. Rufso, wurde neuerdings einstimmig gewählt, und es ist zu erwarten, dass derselbe, bewogen durch die außerordentliche Vertrauenskundgebung der Gemeinde die auf ihn gefallene Wahl auch annehmen wird, was auch dem Wunsche Sr. Excellenz des türkischen Botschafters entsprechen würde. Weiterswurde der in der ganzen Gemeinde hochgeachtete bisherige Beirath, Herr Abraham M. Elias, einstimmig wiedergewählt, und der bekannte Großhändler, Herr Sam. Albachary, mit großer Majorität als Beirats neugewählt. In den nächsten Tagen wird sich der Vorstand constituiren. j Wie«. Im neuen Locale der Religionsschule, Seitenstettengasse 2, l ' .lt der Verband der ist. Religionslehrer an den österr. Mittelschulen am 27. d. seine zweite Generalversammlung ab, die sich seitens dev c^mpetenten Kreise besonderer Aufmerksamkeit erfreute. Da die Versamm»

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