Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 47 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-Ungar. Kantoren-Keitung. Mr. 47. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Lynagoge uud Canlor vor und nach Super. Von Obercantor P. Minkowsky, Odessa. I. Salomon Sulzer, der Reformator des modernen israelitischen Gottesdienstes, der besonders unter den Inden in Russland sich einer Popularität wie Moses Mendelsohn erfreut, ist dennock bis nun rricht nur dem Volke hierzulande, sondern auch den Comoren außer seinem „Schir Zion" fast unbekannt geblieben. Sein Leben und Wirten, seine Kämpie und Siege, seine Eigenschaften als Mensch und Kür sller sind uns bis heme eine terra iuoo§oita. Mil einem Worte, die colossale Gestalt des großen Mannes steht für uns in egyptische Finsternis gehüllt, so dass wir von irgend einem Kirchenvater, der vor anderthalb Millennien ein paar Toitscalen für die Katholiken, oder vor einigen hundert Zähren ein paar Choräle für die Luthranen componirt hat, mehr zu erzählen wissen als von dem jüdischen Tempelsürsten, dessen 10jährige Gedenkfeier Anfang dieses Jahres in Wien gefeiert tvurde. Die Ursache ist eine sehreinfache. Die Kirche hat ihre speciellen Historiker wie Tertulian, Eusebius, Photius, Wagenseil, Wackernagel, Winterfeld rc., die Synagoge aber — keine1). Während Theologie und Liturgie in der Kirche Hand in Hand gingen, und berühmte Kirchenväter wie Gregor, Hilarius, Ambrosius, Sylvester, Clemens rc. nicht nur Gebete, sondern auch Tonartei: und Melodien selbst geschaffen haben, herrschten in der Synagoge seit jeher Fehden zwischen Gaon und Peitan, und wenn der Pint nach vieler Mühe von einem Gaon tolerirt wurde, wurde er sehr oft von einem andern unbekümmert verworfen. Während in der Kirche jede Melodie, und späterhin jede Form der' Harmonie, z. B. die große Terze, und nachher der Contrapnnkt und zuletzt gar die Fuga, ohne das profane Veto des Volkes gelten;u lassen, zuerst der Canouisirung der Synoden und des eonsilium ecclesiasticum ausgesetzt waren, bevor sie in denkKirchenämtern registrirt worden sind, wurden allerhand Nigunim und L'chanim von zweifelhaften Character nach Belieben und Geschmack des gemeimm Pöbels bei ben jüdischen Minstrels (Chasonim genannt) für die Synagoge sabricin. Nun, was Wunder, dass irgend eine französischcalvinische, oder deutsch-lutherische, oder römisch-katholische Melodie uns mehr bekannt ist als der Ursprug irgend einer jüdischen Melodie? Was Wunder, wenn wir über die Melodie des Liedes: „Schönster Immanuel, Herzog der Frommen und ihr Urheber 3)" mehr Auskunft geben können als über die heiligen Neginoth von „Tal" oder „Aboda?" Was Wunder, dass, wir von der Entstehung eines „Paternoster", „Agnus bei", „Ave Maria" rc. mehr wissen als von der Entstehung der Melodie des „Abinu Malkenu", des „Kol Nidre", des „Olenu L'schabeach",^ welche noch im 12. Zahrhundert von jüdischen Frauen am L-cheiterhausen gesungen wurden b)? Die Verhältnisse der Synagoge im Allgemeinen, der niedrige Stand der Chasonim bis Sulzer, gepaart mit der feindlichen Stellung der Rabbinen ihnen gegenüber, machte es unmöglich. Dass wir aber die Biographie des großen Reformators, der uns vom Schlamme des Verfalls gereinigt, der Synagoge Weihe und Würde, den Cantoren Basis und Banner verschaffte, nicht besitzen; dass wir jetzt schon nicht mehr wissen, wer der Künstler war, der zur Seite Mannheimers stand und von Graetz anonym Übergangelt wurde 4), ist ein Unrecht, das die Nachwelt uns nicht leicht verzeihet! wird. Um jedoch auf die Epoche Sulzers zu kommen, was der Hauptzweck dieses Artikels ist müssen wir einen kleinen historischen Rückblick aus die Verhältnisse der Synagoge sowohl, wie auch ans die parallele Entwicklung des Rabvirusmus und Chafonuih vor und nach Sulzer werfen. Der Rabbi und Chajan des Züdenthums in der Diaspora, wie einst der Prophet und Priester des jerusalemischen Indenlhums, waren und sind bis beute noch Träger von entgegengesetzten Missionen in Israel geblieben 5); wie einst der Prophet, so ist nun sein Erbe, der Rabbi, "imrn und wie einst der Priester, so ist nun sein Nachfolger, der Chasan, WDsn NfrfctP* geblieben6). Unabhängig und schonungslos gegen Volk und Fürsten war der Prophet; subordinirend und volksthnmlich — der Priester. Haarmantel und Fellgürtel waren die ganze Ornamente des innerlichen und göttlichen Mannes; eine Pilussintoga (ffv",^s) von 18 Mone Morgens, und ein indisches Ornat von 800 Susim Abends, eine prachtvolle Wohnung im Tempels außer den vielen kostbaren Rubinen und werthvollen Edelsteinen rc. waren die luxuriösen Ausschmückungen des äußerlichen und menschlichen Mannes. Wie ihre Missionen, so differirten auch ihre Erfolge und Stellungen in der Gemeinde von einander. Während der Priester, der Gesandte des Volkes, der Fürsorge der Aeltesten der Gemeinde anvertraut war, irrte der verhaßte Prophet in der Wüste herum, und bei seinem Erscheinen in der Stadt wurde er von den Zungen verschrieen und von den Alten verspottet. So war das Los der beiden geistigen Kräfte im jerusalemischen Israel. _ (Fortsetzung (folgt.) verschiedene Nachrichten. Wien. Ans der P l e n a r i i tz u n g d e s Cultus- Vorstandes vom 13. D e c e m b e r 1900 unter dem Vorsitze des Präsidenten k a i s. R a t b H. K l i n g e r. An Spenden sind ein eingelanfen: von Frau Katharina Brüll, anlässlich der silbernen Hochzeit ihrer Tochter für Arme Kr. 100.—; von Frl. Hedwig Nappaport für das israe'. Altersversorgnngshans 100.—; von Frau Cäcilie Berger für Weisenkinder 6'—; Saminelspende des Herrn Gustav Wiener und Rudolf Krauß für eine Arme 275.—; von Eduard Wolf Naturalien für das israel. Allersversorgungshaus; von Frau Dr. Leopold Kohn Bücher für das israel. Altersversorgungshaus Anonym für das Armenamt 6 —; Anonym für den Armenfond 2.—. Zin Einlaufe befindet sich unter anderem eine Zuschrift des Vorstandes der Chewra Kadiicha, betreffend die Wahl des Herrn Moritz K a r v e l e s zum Präses, des Herrn Dr. Markus Spitzer zum Vice-Präses und des Herrn I. Heit zum Schriftführer dieses Vereines. (Zur Kenntnis.) Der Präsident erwähnt der allerhöchsten Auszeichnung, welche dem College» im Vorstande, Herrn Emil Horner, zutheil wurde und gibt gleichzeitig der Freude des Vorstandes über die Wiedergenesung desselben Ausdruck. (Zustimmung.) Der Präsident constatirt, dass die im Statute vorgeschriebene Reclamationsfrift behufs Einbringung von Protesten gegen die erfolgten Wahlen verstrichen und dass eine Reclamation nicht eingelaufett sei. Ueber Antrag des Referenten, Vice-Präsidenlen Dr. Alfred Stern werden sohin die am 25. November, beziehungsweise 2. und 4. December 1900 vorgenoml) Wir erachten es als unsere Pflicht, dem gegenüber zu constatiren, dass Herr Obercantor Singer in ^Wien in seiner in diesem Blatte veröffentlichte« Äkelselserie ^,,Zur Entwicklung des Synagogengesanges" als Erster die Synagoge und das Cantorat, sowie deren Vertreter geschichtlich behandelt und hiemit gewissermaßen die Grundsteine für eine Geschichte der Synagoge, mit Bezugnahme auf cantorales Wirken und Schaffen, gelegt hat. -) Zur Geschichte heiliger Tonkunst I. Bd., S. 110, von Carl. Winterfeld. Leipzig 1850. 3) Die synagogale Poesie des Mittelalters, S. 24, von Zunz. 4) Geschichte der Inden. IX. Bd., S. 463, Graetz. F Die synagogale Poesie des Mittelalters. S. 2, 5, von Zunz. c) Zur Geschichte der jüdischen Poesie rc., S. 18, von Frz. Delitzsch. 's