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Die Wahrheit · 1900-12-21 · Heft 47 (21.12.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 47 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47. Die Mahrheit. Seite 9. menen Wahlen in den Vorstand, sowie die Wahlen von 120 Vertrauensmännern agnoscirt. Der Beschluss des Vertreter-Collegiums, betreffend die Ueberreichung einer Eingabe an die statistische Centralcommission wegen Bearbeitung der aus der Volkszählung resultirenden Daten, betreffend die israel. Einwohner Wiens sür amtliche Zwecke der Cultusgemeinde und aus Kosten derselben wird zur Kenntnis genommen. Ueber 'Antrag der VI. Section und über Referat des Oberingenieurs von Mises wird dem türk.-israel. Gemeiude- Derbande eine Anzahl von Gräbern zur Belegung für Mitglieder Dieses Verbandes überlassen. Herr Dr. Adolf Stein reierirt namens der Rechtssection riber die Ausschreibung der Osias H. Schorr'schen Stiftung -für Rabbinats- und Lehramtscandidaten der israel.-theol. Lehranstalt in Wien. Die Ausschreibung wird im Sinne des Antrages der Rechts-Section mit Stimmenmehrheit beschlossen. Zum Schluffe folgen Erledigungen von Steuerrecursen. Aicn. Samstag, den 15. d., fand die außerordentlich zahlreich besuchte Generalversammlung des „Vereines zur Sammlung und Erhaltung von Denkmälern des Judenthums" statt. Der Präsident der Gesellschaft, Baurath Wilhelm Stiaßny, warf einen Rückblick auf die bisherige Thärigkeit des Vereines, gedachte weiters der verstorbenen Mitglieder und Dankte den Mitgliedern und Gönnern des Vereines für die Förderungen und Zuwendungen, die demselben zu Theil wurden. Die Mittheilung, dass die Don der Meisterhand des Architekten Fleischer angefertigten kunst- und werthvollen Reproduktionen der Agada von Serajevo von dem bisherigen Besitzer, Herrn Cultusvorsteher Salo Cohn, der Gesellschaft zum Geschenke -gemacht wurden, wurde von der Versammlung durch Erheben von den Sitzen dankend zur Kenntnis genommen. Nach Verlesung des Rechen- Ichaftsberichtes durch den Schriftführer Architekt Fleischer und nach Vortrag des Casfaberichtes durch Baurath Ritter v. Goldschmidt, hielt der Prosessor am evangelisch-theologischen Seminar in Breslau, Dr. Cornill, «inen Vortrag über das „Hohe Lied." Den Gedankengang des als Bibelforscher und Orientalist in hohem Ansehen stehenden Gelehrten lassen wir in nachstehendem Auszuge aus seinem Vortrage folgen: Dr. Cornill führte aus, dass alle Versuche, das „Hohe Lied" in mystischer Weise auszulegen, sich als undurchführbar 'herausgestellt haben; die Erklärung habe der Orient selbst gegeben. Es haben sich unter der Landbevölkerung in Syrien und Palästina höchst merkwürdige Hochzeitsgebräuche erhalten, bei denen das Lied eine Hauptrolle spielt. Gewisse feste Punkte der Feier werden stets von Liedern begleitet, und die übrigen Tage der eine volle Woche, ..Königswoche", Dauernden Hochzeitsfeier bringen auch Lieder in Hülle und Fülle, die «lle erotischen Charakters find. Die Woche der Hochzeitsfeier heißt „Königswoche", weil das im Mittelpunkte des Festes stehende Brautpaar, beziehungsweise junge Ehepaar, als „König" und „Königin" gefeiert und auch so genannt werden. Und damit ist die Erklärung des „Hohen Liedes" gegeben. Der König Salomo und die Sulamith in ihm find das junge Paar: die für die festen Punkte der Feier. Schwerttanz der Braut, Einholung und Inthronisation des jungen Ehepaares u. s. w. bestimmten Lieder sind noch deutlich zu erkennen, und was übrig bleibt, lässt sich Alles als Festlied beiden Spielen und "eiern der „Königswoche" auffassen. Zum Schlüsse wies Dr. Cornill noch darauf hin, dass der Inhalt des „Hohen Liedes" nicht frivole Tändelei, sondern Preis und Verherrlichung der ehelichen Liebe sei. Dem Vortrage wohnten bei: die Profefforen der Theologie, Dr. Bickell und Senil, Hofrath Dr- Karabacek, Direktor der kaiserl. Hosbibliothek, Baudirector Bode, Präsident der evang. Cultusgemeinde in Wien, die Gemeinderäthe C. M. Mayer und Helbig, Oberrabbiner Dr. Güdemann, die Barone Alphons und Lc-ijs Rothschild an Stelle ihres, durch frühere Verpflichtungen am Erscheinen verhinderten Vaters, des Baron Albert, Superintendent Dr. Sebereny, Baron Günzburg aus Petersburg, der Präsident der israel. Cultusgemeinde kais. Rath Heinrich Klinger mit den Vice-Präsidenten Dr. Stern und Landesschulrath Dr. Kohn, sowie den Vorstandsmitgliedern Em. Hoffmann, Salo Cohn und Oberfinanzrath Dr. Rapaport, Oberbaurath Taufsig, Schulinfpector Dr. Wolf, Professor Kanitz, die kaif. Räthe Dr. Lieben und Lichtenstadt, Decan Prof. Dr. D. H. Müller, Rector Dr. Schwarz, Prof. Dr. Büchler. Landesgerichtsrath Dr. Jacob Kohn, Amtsvorstand Wiener, Maler Prof. Horowitz, Lector M. Friedmann, Prof. Dr. Ehrmann, Regierungsrath Kulka, die Ortsschulräthe Heit und Leopold Strauß, die Schriftsteller Dr. Bloch und Dr. Löwy, die Obercantoren Singer und Gutmann, die Directoren Hecht und Heller, Ober-Jnspector Reifer, Vorsteher der Armenanstalt Josef Jelinek, Nordwestbahn-Jnspector Engel, viele Religionslehrer u. A. m. Das Museum wird an den Weihnachtsfeiertagen Dienstag und Mittwoch, und zwar von 3-6 Uhr Nachmittags sür den allgemeinen Besuch geöffnet sein. ZSie». (Verein zur Hebung der Gewerbein Wie n.) Dienstag, den 25. d. M., 7 Uhr Abends, findet in H e r n f e l d's Saallocalitäten, I., Marc Aurelstrasse 6, eine Vereinsversaunnlung mit nachfolgender Tagesordnung starr: 1. Vortrag des Herrn Dr. Alexander Ascher: „Ueber die Lage des Handwerkes in Oesterreich." 2. Freie Discnssion über „Mitel zur Verbefferung der traurigen Lage im Baugewerbe und auch aller anderen Gewerbe zur bevorstehenden Saison," eingeleitet von dein Präsidenten des Vereines. Damen willkommeil. Der Präsident: S. B r 0 d. Der Schriftführer : A. Kisck. Wie«. Die Trauung des Herrn Gotthold Friedländer, Cantor und Lehrer in Bielitz. Sohn unseres geschätzten Mitarbeiters. Herrn Rabbiner Dr. M H. Friedländer in Pisek, mit Fräulein Olga Weiner, findet am 25. December, 1l Uhr Vormittags im Hotel Löwy in Kolin statt. Saaz Wieder ist einer unserer Veteranen, ein Priester im Dienste des Herrn, ein seltener Mensch und Lehrer der Jugend aus dem Leben gegangen. Am 9. d. M. verschied hier unser emeritirter Cantor und Religionslehrer. Herr Josef K 0 ch, im Alter von 65 Jahren. Aus Münchengrätz stammend, ein Verwandter des Dichters Leopold Kompert. wurde Josef Koch vor 30 Jahren in unsere Gemeinde als Cantor und Lehrer berufen. Nachdem er volle 29V» Jahre als solcher überaus zufriedenstellend gewirkt hatte, wurde er vor einem halben Jahre in Folge eines Herzleidens dienstuntauglich, und in den wohlverdienten Ruhestand versetzt. Das am 1l. d. M. stattgehabte, wahrhaft imposante Leichenbegängnis des allgemein beliebten Beamten, an welchem sich außer der gesammte« Gemeinde auch die Lehrkörper unserer beiden Bürgerschulen, die israel. Schuljugend, die isr. Zöglinge des Gymnasiums, mit einem Worte Jung und Alt betheiligte, legte Zeugnis ab von dem Leben, den dieser Fromme, dieser Gerechte gelebt hat. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Simon Stern verstand es. am Grabe durch feine zu Herzen dringenden Worte das Wirken dieses schlichten Cautors, dieses Freundes der Jugend, dieses Freundes a er Menschen und dieses pflichtgetreuen Beamten treffend zu schildern. Die üblichen Gesänge und Recitationen celebrirten die Cantoren Herr Jgn. Erber und Herr Daniel Alt, der Amtsnachfolger des Verewigten. So lichtet sich leider allmählich die Reihe der alten Cantoren und jüdischen Lehrer. Mudapest Die Peiler israel. Religiousgemeinde hat, unterstützt durch opferwillige Menschenfreunde, in Budapest ein neues schönes Knabeuwaifeuhaus geschaffen, dessen Einweihung Samsrag, den 16. d. Vormittags 11 Uhr iu Anwesenheit von Mitgliedern der Regierung, Vertretern der Hauptstadt, der israel. Religionsgemeinde. vieler wohllhäligerj Anstalten und zahlreichen Soininitälen des öffentlichen Lebens vollzogen ward. Den ausführlichen Bericht hierüber verösfen llichen wir in nächster Nummer. Belgrad. Heute wurde zum ersten Male im Tempel der deutschen Gemeinde das Chanukafest mit einem glänzenden Gottesdienste abgehalten, und da die ganze Gemeinde und sämmtliche Vereinen unter Führung des um die Gemeinde hoch verdienten Präses der Cultusgemeinde Herrn A. Richofsky, erschienen waren, wie auch der Frauenverein, an dessen Spitze die beliebte Präsidentin Frau Schattner steht, an demselben theilnahmen, gestaltete sich das schlichte Fest zu einem wahren Volksfeste. Nach dem Minchagebet bestieg Herr Obercantor S a g h e r die Kanzel und hielt eine patriotische und von religiös nationaler Begeisterung durchglühte Festrede, welche darin gipfelte, die Heranwachsende Generation im Sinne der heldenhaften Maccabäer zu erziehen. Hierauf zündete Obercantor Sagher das Chauukalicht an und erecutirte in Begleitung eines gemischten Chores und Orgel die Chanukagefänge in erhebender Weise, Nach Beendigung der Tempelfeier begab sich das Publikum in die jüdische Schule, wo die armen Kinder mit Kleidern und Schuhen betheilt und Ansprachen und Declamationen von den Schulkindern unter Leitung des allgemein geachteten und beliebten Religionslehrer Fuchs gehalten wurden. Möge die Wiederkehr solcher religiöser Veranstaltungen das religiöse Gefühl in unserem Volke wieder beleben und stärken.

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