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Die Wahrheit · 1900-12-07 · Heft 45 (7.12.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 45 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45. Die Wahrheit. Seite 5 tritt die Hauptlehren und Gebote beider auf göttlicher Offenbarung beruhenden Religionen mit Füßen. Diese Lehren und Gebote treten Jene mit Füßen, die in unserer Zeit, welche das Jahrhundert der Aufklärung genannt wird, die Judenverfolgung in Russland inscenirt, ins Werk gesetzt haben, und mit wilder Ateocität, die ihre menschliche Verworfenheit beweist, die Verfolgung der Juden fortsetzten. Es ist, als wären die finstern Geister des Mittelalters aus dem Grabe emporgestiegen, in dem wir sie für immer begraben wähnten. Hunderttausende werden lediglich deshalb verfolgt, weil sie nicht in einem und demselben Gotteshause, zu dem Einen Gott, dem gemeinsamen Vater beten, der nicht auf den Ritus achtet, sondern auf das Herz und die Seele, der die edlen Gefühle und die Bereitwilligkeit, Gutes zu thun, belohnt, und der es nicht den sterblichen Menschen anheimgegeben, sondern es sich Vorbehalten hat, über die Empfindungen der Herzen und Gedanken, der Seele zu richten. Das menschliche Gefühl bäumt fich auf beim Lesen jener Leiden. Qualen und grausamen Verfolgungen, welche die Juden Russlands ihres Glaubens wegen erdulden müssen. Als Mensch denke ich schmerz* erfüllten Herzens an das Elend, in welches die russischen Juden durch die herzlose Grausamkeit ihrer Brüder, ihrer eigener Landsleute gestürzt wurden; als Christ fühle ich die Schamröthe bei dem Gedanken ins Antlitz steigen, dass Leute, die sich Christen nennen, ein so unmenschliches, gegen das die Liebe gebietende Grundgesetz des Christenthums verstoßendes Verfahren gegen die Bekenner jener Religion befolgen, in deren Schoß die Wiege des Christenthums stand, und welche auch wir als auf Gottes Offenbarung beruhen d anerkennen müssen, bezüglich welcher auch Jesus der Herr erklärt hat, er wolle nicht ihre Gesetze abschaffen, sondern nur erfüllen." In demselben Jahre schrieb Bischof Stroßmayer in Agram in seinem Fastenhirtenbrief folgende Worte: „Dieses zweite Wort indessen, das Wort unermesslicher Liebe und Barmherzigkeit, welches Gott zum Menschengeschlechte gesprochen, wäre ganz verfälscht worden, ja es wäre verfallen und verschwunden, wenn es Gott in seiner unermesslichen Güte und Weisheit nicht über jeden Leichtsinn, über jede Leidenschaft und Bosheit der Menschen erhoben und auf wunderbare Weise im Volke der Juden und durch dasselbe erhalten und bewahrt hätte. Dies bezeugt auf augenscheinliche, unzweifelhafte Weise das ganze Volk der Juden; dies bezeugt und bedeutet dessen ganzes politisches und religiöses System; dies bezeugt und bedeutet dessen ganzer Gottesdienst, jedes Gebot und jedes Opfer, das es Gott darbringt; das beweisen alle dessen wunderbare Bücher, besonders aber dessen Propheten, denen sowohl hinsichtlich der höheren Inspiration als auch hinsichtlich der litterarischen Schönheit und Vorzüge nichts an die Seite gestellt werden kann. . . Eine übernatürliche Bedeutung dem jüdischen Volke absprechen zu wollen, hieße willkürlich die ganze Geschichte und alle Ereignisse dieses Volkes in undurchdringliche Nacht hüllen und in ein unlösbares Räthsel verwandeln; ja. das hieße sogar die Geschichte des ganzen Menschengeschlechtes absichtlich fälschen, denn Gott wollte es, dass fein erstes, zweites und drittes Wort, das er zum menschlichen Geschlechte sprach, und in das er alle seine Wahrheit und Gerechtigkeit, allen Glauben, alles Leben und Heil des Menschengeschlechtes für immer gelegt, eine äußerliche Thal und ein sichtbares Ereignis sei, um das sich Himmel und Erde und die ganze Geschichte aller Zeiten und Völker auf unzweifelhafte und unwiderstehliche Weise drehe." In neuerer Zeit äußerte sich der Prediger Dr. Schwalb in einer seiner Kanzelreden über den Antisemitismus in folgender Weise: „Das Erste, was ich hier bemerken will, ist, was wir in unserem heutigen Text gelesen haben, nämlich: dass Jesus nicht ein Antisemit, sondern ein Freund der Juden war. Der Hauplmann von Kapernaum, so wird rrns erzählt, halte einen Sclaven, den er werth hielt. Er hatte gehört, dass Jesus Schwerkranke wunderbar heilte. Deshalb schick-e er zu dem weltberühmten Rabbi Jesu die Vorsteher der jüdischen Gemeinde und ließ ihn bitten, zu ihm, dem Heiden, dem römischen Officier kommen zu wollen, um den todtkranken Sclaven zu heilen. Zur Unterstützung dieser Bitte, zur Empfehlung des Hauprmaunes, wissen die Synagogenvorsteher nichts Wirksameres zu sagen, als was wir gelesen haben: „Der Mann ist werth, dass du ihm das gewährst, denn er hat unser Volt, das jüdische Volk, lieb, und die Synagoge hat er uns erbaut." Hört doch, Ihr Antisemiten! Sind das nicht sehr merkwürdige Worte? Dem Herrn Jesu, Eurem Heiland, empfiehlt man einen Heiden, als einen Freund des jüdischen Volkes, als einen Mann, der den Juden in Kapernaum eine Synagoge erbaut hat! In welchem Gegensatz steht doch dieser Mann zu vielen Christen früherer — nicht ganz vergangener — Zeiten, die da wähnten, dass sie sich bei Christus ein besonderes Verdienst erwerben, wenn sie den Juden ihre Synagogen niederreißen, verbrannten und auf den Trümmern einige Juden niedermetzelten! Er war ein geborener Jude, wie Luther auf dem Titelblatte einer seiner lesenswerthen Schriften es sagte: „Dass unser Herr Jesus ein geborener Jude gewesen ist." Das kann man doch nicht leugnen. Und als ein geborener Jude war ereuch ein lebendiges Glied am Körper des jüdischen Volkes, mit: dem Ganzen auch geistig, auch durch Liebe verbunden. Er yiek Israel für das auserwählte Volk seines himmlischen Vaters- Sein Gott, der himmlische Vater, der Gott, den er selbst anbetete und anbeten lehrte, war für ihn, wie er ihn manchmal nennt, „der Gott Abrahams, Jsaks und Jacobs", und aller israelitischen Propheten. Sein Gott war der eigentliche, zunächst nicht aller Völker, sondern Israels zuerst. Seinen Wille» hatte dieser Gott, nach Jesu Ueberzeugung, ausgesprochen in de» Schriften des alten Testaments, „ein Gesetz, in den Propheten und in den Psalmen." Wenn man Jesus fragte, welche Gebote man zu beobachten habe, um des ewigen Lebens theilhast zu werden, verwies er nicht auf neue, von ihm erst entdeckte Gebote, sondern auf die alten, schon in den Büchern Moses geschriebenen: „Ehre Vater und Mutter, du sollst nicht tüdten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis reden, dich nicht gelüsten lassen, liebe Gott von ganzem Herzen, deinen Nächsten wie dich selbst" — alle Worte, die da geschrieben stehen im Gesetze Moses. Der Gott Jesu war der Vater Israels, und das Reich, dessen Gründung Jesus in der ersten Zeit seiner Lehrthätigkeit selbst zu erleben, später durch sein Blut zu erkaufen hoffte, es war» das Reich, von dem die Propheten JstaekL seit Jahrhunderten schon geweissagt hattet!, das Israel seit Jahrhunderten erwartete. In Jerusalem, in der „Stadt des großen Königs," hoffte Jesus selbst als Stellvertreter seines Vaters zu herrschen, zunächst über Israel, später vielleicht über die ganze Welt. Der Mann, der so dachte, so lehrte, so gesiunt war, der gehört doch entschieden nicht blos zu den Juden, sondern zu den Freunden der Juden. Er ist, wenn irgend einer in der Welt es gewesen ist, ein entschiedener, leidenschaftlicher Philssemit gewesen u. s. w." So denken und sprechen, so fühlen und handeln, so wirken und schaffen würdige, vorurtheilsfreie, wahrheitsliebende und kenntnisreiche christliche Theologen, während ehrgeizige, habsüchtige Streber, nnausgesetzt bemüht, sind alle thörichten, lächerlichen Märchen, die tausendmal schon von autoritativer Sette j gründlich widerlegt wurden, immer aufs neue aufzufrischen und j aufzutischen, um die gefährlichsten Leidenschaften des gemeinen | wie des besseren Pöbels wachrufen und einen ganzen Volksstamm den größten Gefahren preisgeben zu können. Wenn mali die Geschichte der Juden im Mittelalter liest und da erfährt, dass es iu jenen finstern, verhängnisvollen Zeiten, wo die Geister umnachtet waren und die Herzen den Sitz wilder j zügelloser Begierden bildeten, menschliche Geschöpfe gegeben, die j beim Anblicke brennender Menschen, sogenannter Ketzer, sich er- | götzteu, rast man verwunderungsvoll aus: „Wie! ist es möglich,! nt es denkbar, dass höhere, im Ebenbilde Gottes geschaffene Wesen solch grausame Barbaren werden konnten?" Nun aber ist unsere lichtvolle, culturfreundliche Zeit eine bessere? Welch eine Fl ende, welch ein Jubel, welch ein Frohlocken herrschte beim j Volksfeste, das am 14. d. M. in 36. gefeiert wurde. O, glück- > liches Culturvolk! Fr. > P r f e k, 28. November 1900.

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