Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 45 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Mayryeu. Nr. 45. Dr. Markus Spitzer Regieruugsralb Dr. Keiurich SLrger Dr. Adolf Stein Tr. ZLarimrliuu Steiner Dr. Alfred Stern Bauratü Wilhelm Stiaßuy Gottlieö Faufsig Oderbaurath Sigmund Ganfstg *) Director Weodor Witter v Gaufstg *) Commercialraih Jonas Weil*). Betrachten wir das Wahlergebnis, namentlich mit Rücksicht auf den Zuwachs, den der Culrusvorstand durch das in der vielbesprochenen Wahlreform den Höherbesteuerten ertheilte Pluralirätswahlrechr erhalten hat, so müssen wir bekennen, dass dasselbe sreudigst zu. begrüben ist. Es sind durchwegs Männer, deren Namen einen vollen Klang haben, Männer, die in verschiedenen Berufszweigen hervorragende Stellung einnehmen, dem Judenthume zur Zierde gereichen und, was gewiss nicht hoch genug anzuschlagen ist, auch bisher dem Judenthume und dem Mischen Leben nicht serngeftanden sind. Dieses Wahlergebnis wird auch dem Präsiderrten der Cnltusgemeinde, Herrn kaiserl. Rath Heinrich Klinger, dem zum großen Theile.die Heranziehung so hervorragender Männer zur Mitwirkung im Cultusvorstande zu danken ist, vollste Genugthuung bieten für die vielen Angriffe, welchen die von ihm vertretene Wahlreform von den verschiedensten Seiten ausgesetzt war. Mögen sich nun auch die Hoffnungen, die an den Eintritt unserer Großen in den Cultusvorstand geknüpft wurden, nach jeder Richtung erfüllen zum Wohle der Wiener Cultusgemeinde. Auch die Ergänzung, die der Cultusvorstand aus den oppositionellen Parteien durch 2 Mandate erhalten hat, wird allseits mit Befriedigung ausgenommen. Beide Gewählte sind nicht Männer der Phrase, sondern Männer der wohlerwogenen Thm, und von ihrer Seite wird der Friede in der Gemeinde und im Vorstande gewiss keine Störung erleiden. Möge nun der Vorstand mit vereinten Kräften an die Arbeit gehen, und vielleicht wird dann auch mit dem neuen Jahrhundert eine neue Aera des Aufschwunges in der Cultusgemeinde beginnneu. Die Israelitische Ällian; in Wie«. Mit entgegengesetzten Empfindungen wird jeden unbefangenen Leser der in diesen Tagen zur Versendung gelangte und auch unserer heutigen Nummer beiliegende Bericht der „Israelitischen Allianz" über ihre Hilfsaction für die rumänischen Juden erfüllen. Einerseits ist es Trauer, tiefe Trauer ob der fortwährenden Verfolgung und der Heimatslosigkeit, der ein großer Theil unserer Glaubensgenoffeu noch immer ausgesetzt ist; andererseits eiu Gefühl der Freude über den in unserer Mitte trotz der stetig steigenden Anforderungen noch immer ungeschwächt lebenden und wirkenden Wohlthätigkeitssinn. Und in dem Sinne ist darum auch der ausführliche Rechenschaftsbericht der „Allianz" sowohl ein Schanddenkmal für die rumänische Bojarenwirthschaft, wie zugleich ein Ehrendocument für den jüdischen Wohlthätigkeitssinn insgesammt und für die Thätigkeit der „Allianz" insbesondere. Die „Israelitische Allianz" in Wien, an die ja stets, selbst in deu ruhigsten Zeilen, von allen Seiten bedeutende Anforderungen herantreten, die die Anstrengung aller Kräfte beanspruchen, — man lese nur die alljährlich erscheinenden Rechenschaftsberichte — hat in diesem Som'iier fast Übermenschliches geleistet, sowohl an persönlicher Aufopferung ihrer leitenden Directoren und Hilfsorgane, wie auch an Beschaffung und Vertheilung von Hilfsmitteln. Das Massenelend der ziel- und planlosen rumänischen Judenemigration hat sich eigentlich vor dem Wiener Allianz- Bureau am markantesten geäußert. Dahin pilgerte Alles, dies war eigentlich das erste Ziel der aus Rumänien in die Welt hinein Wandernden. Missverstandene Wohlthätigkeit, die gerne Fahrkarten spendet, weil sie damit am schnellsten vom Anblicke des Elends befreit wird, hat der Allianz an die Tausende der Exulanten direct an den Hals geworfen. Ein kurzes Telegramm: „Sie kommen!" und nun sorget weiter. Und die „Allianz" hat gesorgt, in einzig dastehender Weise gesorgt. Für Tausende Unterkunft, Koscherkost u. s. w. zu beschaffen, war keine Kleinigkeit, trotz der Hilfsmittel der Großstadt und der Geldmittel der „Allianz". Dazu noch die übermenschliche Geduld bei der Auswahl der zur Weiterbeförderung Befähigten, das Anhören all der tausenden von Klagen, von Vorwürfen Unzufriedener u. dgl. Den' ärgsten Sturm der ganzen Bewegung hat die „Allianz" über sich ergehen lassen müssen, sie that, was überhaupt zu thun möglich war, das Ehrenzeugnis muss ihr vor Gott und Menschen zugestanden werden. Und als sie endlich die Wiederheimbeförderung der Ausgewanderten durchführte, da geschah es erst in unabweisbarer Nothwendigkeit, geschah es, weil sie unmöglich weiter befördert werden konnten, das Feldlager in Wien aufgelassen werden musste, geschah es in jener humanen Weise, die alle Hilfsactionen der „Allianz" kennzeichnet. Um so bedauerlicher ist es daher, dass die „Allianz" trotz ihrer Leistungen Gegenstand heftigster Angriffe, und besonders seitens der „Zionisten", dieser jüngsten Wortführer des jüdischen Massenelends, gewesen ist. .Ob wohl eine noch so drastisch und reich an Rühreffecten gehaltene Jahresrevue Max Nordau's beim Congreß den rumänischen Juden so viel nützt als die thatkräftige Hilfe der Allianz? Ja, ob nicht ein beträchtlicher Theil der psychologischen Motive bei dieser überstürzten rumänischen Auswanderung auf Rechnung der Zionisten und ihrer Träumereien, oder richtiger verfrühten Hoffnungen gesetzt ist? Der Jude hängt ja sonst so unaussprechlich zäh an seinem Heimatslande; wird er es aber auch thun, wenn in die untersten Schichten der Lockruf vom palästinensischen Zukunftsstaate dringt? Fühlt sich der da heimisch, oder nicht vielmehr nur wie auf Kündigung, der hört und liest von Interventionen bei Kaisern und Königen, von Unterhandlungen mit dem Sultan, u. s. w.? Man soll in Verzweifelten keine übertriebenen Hoffnungen wecken, und neben seinen Idealen ist schon manch Unglücklicher verhungert. Allerdings, hätte die „Allianz" die rumänischen Juden nicht zurückgeschickt, sie vielmehr, von der Notwendigkeit gezwungen, ihrem Schicksale überlassen, hätten diese Tausende die Landstraßen bevölkert und wären sie als wandelnde Anklagen, ihren Jammer zur Schau tragend, durch alle Welt gezogen, — das hätte vielleicht die politische Seite der Judenfrage ins Rollen gebracht. Unterhandlungen veranlasst, und vielleicht hätten dann Europas Staatsmänner, um sich Ruhe zu schaffen, alle Juden huckepack nach Palästina befördert. Schöne Träume! Wohl dem, der in unserer sorgenvollen Zeit Zeit und Ruhe zum Träumen besitzt. Christliche Theologen über den Judenhass. In unserer stürmisch bewegten Zeit, in der trotz der nie geahnten riesigen Fortschritte, die auf allen Gebieten des culturellen Lebens gemacht wurden, das Judenthum, dieses Volk der Geschichte, dem alle civilisirten und cultivirten Völker der Erde ihre besseren Begriffe über Gott, Mensch und Welt zu verdanken haben, mit echt mittelalterlichen Waffen in Wort und Schrift angegriffen werden, dürste es nicht überflüssig sein, Stimmen würdiger christlicher Theologen über den Judenhass zu vernehmen. Im Jahre 1891 hatte der Bischof der reformirten Kirche helvetischer Confession von Komorn, Gabriel Pap, an die dortige Bevölkerung einen Aufruf zur Veranstaltung von Sammlungen für die aus Russland vertriebenen Juden erlassen, in welchem es unter Anderem hieß: „Die jüdische sowie die christliche Religion lehren, dass wir Kinder Eines Vaters, die Kinder und Geschöpfe Gottes und mithin Brüder, Gleiche sind. Brüder sind aber einander Liebe schuldig, und wer da haßt, statt zu lieben, wer das Verderben desjenigen anstrebt, dem er brüderliche Liebe schuldet, drückt der eigenen Stirn das schmachvolle Kainszeichen auf, der kann kein guter Jude, kein guter Christ sein, denn er