Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 44 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Ivayryett. Nr. 44. Fü r die 4jä h ri g e M a n d at s d a u e r: Isidor Gewitsch, Lederhändler, II. Kaiser Josefstraße 37 und Jacov S. Straßverg, Realitätenbesitzer, X., Laxenburgerstraße 34. Jede Stimme, welche auf eine nicht in die engere Wahl gebrachte Person fällt, ist ungiltig. Außerdem finden einzelne engere Wahlen für die Vertrauensmänner in den Bezirken III. und XI (Section Y) YI und YII (Section YII) und XII—XY (Section IX) statt. Der Ausgang der Stichwahlen ist bezüglich des vierjährigen Mandates schon heute entschieden. Da Herr I. Straßberg in einer Zuschrift an den Cultusvorstand von der Candivatur zurückgetreten ist, wird das Mandat in jedem Falle Herrn Isidor Gewitsch zufallen. Herr Gewitsch wurde von der zionistischen Partei candidirt, genießt aber auch bei den anderen Parteien allseitige Werthschätzung. Was das 6jährige Mandat betrifft, in welchem ein Zionist und ein Candidat der jüdischen Volkspartei in die engere Wahl kommen, würden wir für die Vahldes Herrn Hermann Eltbogen eintreten. Abgesehen davon, dass es uns als Sache der Billigkeit erschiene, wenn die Zionisten der jüdischen Volkspartei ohne jeden Wahlkampf dieses Mandat überließen, da sie ohnehin schon einen Vertreter im Cultusvorstande haben werden, darf die Thatsache in die Wagschale gelegt werden, dass Herr Ellbogen sich um Förderung der Cultus- Jnstitutionen im 20. Bezirke hohe'Vereienste erworben hat, die ihm gewiss viele Stimmen zuführen werden. Mische Toynbee-Halle. Am Jubeltage unseres geliebten Monarchen, am 2. December d. I., wird in unserer Stadt eine Wohlthätigkeits- Jnstitution ins Leben treten, die, falls ihr die Unterstützung weiterer jüdischer Kreise zu Theil wird — und daran ist bei dem ausgeprägten Wohlthätigkeitssinn unserer jüdischen Mitbürger kaum zu zweifeln — von eminenter erziehlicher Wirkung, namentlich auf die unbemittelten Glaubensgenossen zu werden verspricht. Wir meinen die auf die Jnitiatire einer hiesiger jüdischer Vereine stattfindende Eröffnung der „ersten jüdischen Toynbee-Halle" in Wien. So bescheiden die zur Verfügung stehenden Mittel, so bescheiden ist auch das freundliche, helle Parterrelocale in der Brigittenau, Webergaffe 13. Nur aus einem 260 Quadratmeter großem Saale und einem Vorzimmer für die jourhabenden Damen und Herren des Vorstandes und der Anfsichtsorgane bestehend, soll von ihm Belehrung und geistige Anregung ausgehen für diejenigen, welche darnach verlangen. Vor Allem aber sollen die Besucher einige gemüthliche Stunden in angenehmer Unterhaltung verbringen, nicht gestört durch paneipolitische Discussionen, die nur zu leicht in Streit und Hader ausarten. Principiell ist jedes politische Thema von Discussions- Abenden ausgeschlossen. Den Urhebern des Unternehmens schwebte die alte jüdische Synagoge vor, die weniger ein Betals ein Versammlungslocal gewesen, wo alle die Gemeinden berührenden Angelegenheiten besprochen, gelehrte Dissertationen vorgetragen, talmudische und das geistige Leben betreffende Fragen erörtert wurden und wo — und das war Eigenthümliche — nur der Geistesadel geachtet war. Mit Reichthum gepaart, war der Betreffende einem Fürsten gleich von seinen Glaubensgenossen geehrt, aber der Aermite durste es wagen, als Vortragender auszutreten oder seine Ansicht über schwierige Probleme zu äußern. Standen sie nicht im Widerspruch zur jüdischen Lehre, so räumte man ihm trotz seines uttscheinbaren, oftmals zerrissenen Gewandes den ihm gebührenden Platz ein, brachte mail ihm jene Achtung entgegen, die nicht durch Geld erworben werden kann. Und merkwürdig: Um mit einem Worte Alles zu sagen, was den Besuchern geboten werden soll, musste aus ein nichtjüdisches Wort gegriffen werden. „Toynbee Hall" ist heute ein Gattungsbegriff gewor en. Arnold Toyitbee, der große englische Universitäts-Ariftokrat, opferte seine Millionen für das ärmere Volk, er brachte beim Volke das alte biblische Wort zur Geltung, dass nicht vom Brode allein der Mensch sich erhalten könne, sondern dass auch die geistige Nahrung zum Leben gehöre. Er stieg hinab zum Volke, schlug seinen Katheder in Volksbäusern auf und lehrte dort die Herrlichkeiten und Errnngenschaiten der Cultur. Die Toynbee-Halle stellt sich demnach als ein Volkshaus im allerbesten Sinne des Wortes dar. Dort suchen die Reichen und Studierten Fühlung mit dem Volke, die Standesunterschiede vermischen sich und der künftigen Ausgleichung der socialen Gegensätze werden die Wege gebahnt. Wie die Idee entstanden, hier in Wien mit seiner großen armen jüdischen Bevölkerung eine solche Institution zu beginnen? Es bewahrheitete sich wieder einmal das alte Wort „es ist kein Ding so schlecht, dass nicht etwas Gutes daraus entstehen könne." Die jüdische Auswanderung aus Rumänien musste erst die Dimensionen annehmen, wie wir sie im letzten Sommer sahen. Die armen Leute mussten nach Wien kommen und — keinen Platz finden, wo sie tagsüber sich hätten aushalten können, es sei denn in den Straßen, in dunstigen Schlaisälen, auf sonuendurchglüthen Verdeck oder in erstickend heißen Laderäumen von Schleppern oder — im Wirthshanse. Das wird in Zukunft nicht mehr der Fall sein. Oeffnet auch die Toynbee-Halle ihre Pforten in der Regel erst des Abends nach Geschästsschlnss, so steht dock Nichts im Wege, dass sie unter ganz besonderen Umständen auch ivährend der Tagesstunden zum Aufenthaltsort diene. Vielleicht fließen die freiwilligen Spenden so reichlich, dass das Comite bald an der Errichtung eines jüdischen Volkshanses denken kann, ein Studentenheim oder dgl. In einem der Londoner Toynbee-Halle gehörenveit Häusern z. B. wohnen eine Anzahl junger Leute, die dort nicht nur gegen mäßiges Entgelt Kost und Logis erhalten, sondern die auch Abends die Aussicht führen, die Discussionen leiten, falls einmal der Vortragende ausbleibt, oder die in anderer Weise die Interessen der Toynbee- Halle vertreten. In Wien sind 150.000 Juden, darunter circa 500 Steuerzahler, die mit 200 Kronen und mehr zur Cultnsgemeinde veranlagt find. Vielleicht finden sich unter ihnen solche, die sich dieser neuesten Gründung annehmen. Es wäre zu hoffen Und zu wünschen. Im Uevrigen sei der nachfolgende Aufruf der Beachtung den Leser angelegentlichst empfohlen. H. B—r. Aufruf! Jüdische Mitbürger! Von altersher war es eine schöne und als Pflicht allgemein geübte jüdische Sitte, durch häufige Zusammenkünfte das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken und lebendig zu erhalten, für Sammlung und Erhebung aller zu sorgen, in dem gemeinsamen geistigen Interesse die socialen Ungleichheiten vergessen zu machen und Einrichtungen, die nur den Wohlhabenden zugänglich, auch den Minderbegüterten zu ösfilen. Aehnlichen Gedanken entstammte die seit mehreren Jahren in London eingerichtete Toynbee-Halle, ein Volkshaus im besten Sinne des Wortes; eine Stätte, an welcher die Reichen und Studierten mit den Armen und Unwissenden Fühlung suchen; ein Boden, auf dem alle Schichten der Gesellschaft sich znsammenfinden; wo die Kinder der Reichen für jene der Armen Spiele arrangiren und sich mit ihnen in kindlicher Weise ergötzen. Hier in der großen österreichischen Metropole mit ihrer zahlreichen armen jüdischen Bevölkerung eine derartige segensreich wirkende Anstalt ins Leben zu rufen, ist unsere Absicht.! Vom 2. December angesangen ist die „Jüdische Toynbee-Halle",! XX., Webergaffe 13, Parterre (imhe der Brigittabrücke), von ■ 7 bis halb 10 Uhr Abends geöffnet und jedermann zugänglich, i Die geistige Anregung, die wir bieten, soll in Vorlesungen, Vorträgen, Discussionen — mit Ausschluss von Politik — Concerten ’C. bestehen. Das Programm für die erste Woche ist wie folgt: Montag: Musik mtd Declamation. Dienstag: Discussion. Mittwoch: Jüdische Geschichte. Doitnerstag: Vortrag. Freitag: Bibelerklärnitg. Samstag: Leseabend. Sonntag: Vortrag. — Wir laden hiermit zur Eröffnungsfeier der „Ersten jüdischen Toynbee-Halle in Wien" ans Sonntag, den 2. De-