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Die Wahrheit · 1900-11-23 · Heft 43 (23.11.1900) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 43 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43 Die Wahrheit. Seile 9. Von dem vereinigten Wahlcomits des „Indischen Volks- Vereines" und der Zionisten wurden folgende Candioaten aufgestellt: a.) M i t sechsjähriger F u u c t i o n s d a u e r : Lermann Kktboge«, Kaufmann, XX, Rafaelgasse 3. Dr. Keinrich Schreiber, Rechisconsulent und Procurist, XX., Wallensteinstraße 19. Aacob S. SLraßberg, Realitäkenbesiher, X , Laxeuburgerstr. 34. Dr. Leopold Kohn, Hof- und Gerichtsadvocat, VII., Lindengasse 11. Samuel Mohr, Privatier, XII., Schönbrunnerstraße 289. Adolf Wrecher, Banqnier, XVIII., Pötzleinsdorieruraße 22. Dr. Gustav Kohn, Hof- und (Kerichtsadvocat, IX., Hahngasse 25. Wilhelm Wolkak, kaiserl. Rath und Weingroßhändler XIV., Reichsapfelgasse 8. Ir.) Mit vierjähriger F u n c t i o n s d a u e r : Astdor Hewitfch, Kaufmann, II., Kaiser Iosefstraße 37. Wohlthittrrn zur Lrherzigung. Wir erhärten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redakteur! Große Summen werden alljährlich von reichen Inden der Stadt Wien >m° Bertheilung an Arme übergeben. Ich bitte meinem Vorschläge, in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben, welcher darin gipfelt, die Wohlthäter und Erblasser aufmerksam;u machen, dass sie in ihren Zuwendungen anstatt ohne U n l e r s ch i e d d e r E o ns e s s i o ii ausdrücklich erklären, die Hälfte oder ein Driittheil j -er Spende sei an die von der i s r a e l. E n l t n s g e m e i n d e! bezeichneten armen, in Wien lebenden Juden oder an die südij scheu Humanitären Institute zu vertheilen. Civis. Gemeinde- und Veremsbole. Wien. Donnerstag den 30. November 1900, um halb 7 Uhr Abends, findet im „Weilandhose", XX. Klosterneubnrgerstraße 33, eine Generalversammlung ,der Aiitglieder red Bethauvereines Brigittenau mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht des Obmannes. 2. Wahl von 12 Vorstandsmitgliedern. 3. Beschlussfassung über Personalangelegenheilen, ch. Eventuelles. Im Falle der Beschlussunsähigkeit dieser Generalversammlung findet an demselben Tage und in demselben Locale um halb 8 Uhr eine außerordentliche Generalversammlung statt. Der Obmann: Hermann Eltbogen. Der 1. Schriftführer : Dr. Max W e i ß e n st e i u. ZSaden. (Tempelbau.) In seiner Sitzung am 14. d. hat der verstärkte Cultusausschuss einstimmig beschlossen, auf dem der Cultusgemeinde gehörigen Areale einen den jetzigen Verhältnissen der Gemeinde, wie auch den Erfordernissen des hiesigen Curortes entsprechenden Tempel zu erbauen. Für frühsallende hohe Feiertage hat sich der jetzt bestehende Tempel schon seit Jahren als viel zu klein erwiesen und war man immer genöthigt, was oft mit Calamitäten verbunden war, für den großen Andrang der Betsitzsuchenden genügende und dem Zwecke der Andachtsübung entsprechende Räume zu beschaffen, was das Ansehen und den materiellen Stand der Gemeinde zu fördern durchaus nicht geeignet war. Mit der Ausführung des erwähnten Beschlusses aber werden alle diese Calamitäten schwinden und wird, so Gott will, im neuen und größeren Tempel ein imposanter und alle Herzen erbauender Gottesdienst abgehalten werden können.' Der frommen und milden! Gesinnung der vielen und hohen Gönner unserer Cultusgemeinde wird es zu danken sein, wenn dieses zu Ehren Gottes und des Judenthums begonnene Unternehmen zur beschleunigten Ausführung gelangen wird- LichtenKadt. Bei der am 11. November stattgefundenen Wahl eines neuen Cultusvorstandes sind folgende Herren in den Ausschuss gewählt worden: Sigmund Binder in Lichtenstadt als Cultusvorsteher; Leopold S ch u l z in Neudek als Cultusvorsteher - Stellvertreter; Isaak Mayer in Lichtenstadt als Tempelvorsteher; Sebald Pick in Lichtenstadt als Caffier und Armencassa-Derwalter; JüDr. 2lnton Graf in Neudek, Rudolf L o e w e n st e i n in Schlackenwerth und Wilhelm Zentner in Schlackenwerth als Beiräthe; folgende Herren als Ersatzmänner : Philipp Mayer in Lichtenstadt, Moritz L ö w in Schlackenwerth und Wilhelm Zentner in Neudek. ZSerti«. (Sonntags-Gottesdienst.) In Berlin scheint man von einer gewissen Seite die Affimilierungsversuche ans ein Gebiet übertragen zu wollen, das selbst in tolerant und liberal denkenden Kreisen religiösen Bedenken begegnen muß. Auf Veranlassung der Petition eines Gemeindemitgliedes um einen sonntäglichen Gottesdienst war Anfang dieses Jahres von der Repräsentantenversammlung eine fünfgliedrige Commission zur Prüfung dieses Gesuches eingesetzt. Jetzt liegt der Beschluss dieses Ausschusses vor, der mit drei Stimmen gegen eine — das fünfte Commissionsmitglied fehlte bei der Abstimmung — gefasst wurde und dahin geht, der Repräsentantenversammlung die Einrichtung von religiösen Sonntags-Vorträgen in den Synagogen vorzuschlagen. Wenngleich die Ablehnung dieser Bestrebungen seitens des Vorstandes ebenso sicher ist, wie die Annahme des Beschlusses durch die Repräsentantenversammlung, die Sache also gegenstandslos, zur Zeit wenigstens, ist, wird man ter Einführung der Sonntags-Predigten wiveriprechen müssen. Das ist zwecklose Hyperreform. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbcl (Nachdruck verboten.) (-Jo. Fortsetzung.) Schon bei der ersten Begegnung mit ihr konnte die besorgte Mutter wahrnehmen, dass Frieda nichts weniger als glücklich fei Der trübe Hauch, der über ihr Gesicht ausgegossen lag, ließ auf geheimen Kummer, auf stillen Schmerz schließen. Wenn auch die junge Frau sich bemühte, ihrer Mutter bei der ersten Begrüßung einen Schimmer der Zufriedenheit mit dem ihr gewordenen Lose zu zeigen, so konnte doch das, was ihr auf dem Herzen lag, auf die Dauer von ihr nicht geheim gehalten werden. Sie begann alsbald mit der Klage über Vernachlässigung, die sie von Seite ihres Gatten erfahre, der allen möglichen Vergnügungen nachgehend, sie förmlich ignorirte und auch bis jetzt gar nicht daran gedacht, sie in die Gesellschaft einzuführen. Sie war in der ganzen ,^eit, in welcher sie verheiratet war, noch keine dreimal mit ihm ausgegangen, es schien, als vermiede er es, mit ihr in der Außenwelt sich zu zeigen. Im Hause war sein Benehmen ihr gegenüber kaum das eines zärtlichen Gatten zu nennen, zuweilen sogar verletzend. Indes kam er zum Glück selten dazu, sich ihr in dieser Weise zu zeigen. Er befand sich, wenn er nicht Dienst hatte, meist da. wo Bachus gehuldigt, dem Spiele gefröhnt wird, und was ihm früher seine Mittellosigkeit an Enthalung und Entbehrung in dieser Beziehung aufgelegt hatte, das genoß er nun in doppeltem Maße, seitdem er in den Besitz der Mitgift seiner Gattin gelangt war. Er hatte nur mit einem Theil derselben der Forderung seines Schwiegervaters, das Geld bei einem Banquier zu deponiren und nur die Zinsen zu genießen, entsprochen. Das was sich bei ihm noch flüssig befand, verbrauchte er in einer Weise, die ein baldiges Allewerden in Aussicht stellte. Einmal hatte ihm Frieda darüber Vorstellung gemacht, aber die Antwort, die ihr darauf wurde „dass er sich nicht eine Jüdin geheiratet, um dabei ein Hundeleben zu führen", und der Ton, in welchem er dies sagte, ließen sie später von dergleichen Vorhaltungen absehen. Dieses Alles erfuhr Frau Wandelowicz schon am ersten Tage ihrer Anwesenheit bei der Tochter. Sie war des Morgens eingetroffen, und als Georg Nachmittag vom Dienste heimkehrend sie vorfand, hatte er noch Taktgefühl genug, seine Schwiegermutter freundlich zu begrüßen, ja, es waren bei dem jungen Officier noch einige Gewissensscrupel vorhanden, die ihn vor der Frau verlegen machten, deren Tochter nach so kurzer Ehe kaum die gebührende Behandlung als Gattin von ihm erhielt, nicht zu sprechen von den Härten, die sie bereits von ihm erfahren. Wie gesagt, Georg zeigte sich in den ersten zwei Tagen der Mutter feiner Gattin gegenüber als ein leidlicher Schwiegersohn. Allein jede Rücksicht auf sie schwand, als sie als Anklägerin gegen ihn auftrat. (Fortsetzung folgt.)

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