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Die Wahrheit · 1900-11-23 · Heft 43 (23.11.1900) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 43 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 43. ansehnlichen Corporation anzugehören. Cs ist die Pflicht eine5 jeden Juden, mit seinen besten Kräften für das Interesse des Judemhums cinzutreten. Ich habe keine Veranlassung, mich den Angriffen, die heute gegen den Vorstand erhoben wurden, anzuschließen. Ich werde, wenn Sie mir Ihre Stimmen zuwenden, mit Ernst und gutem Willen mich zu bethätigen streben. Herr St r a ß b c r g stellt sich als Mann der That vor und erklärt, kein Programm vorzulegen. Ich bin kein Neuling in Gemeindegeschäfren. Seit 15 Jahren bin ich Vorsteher im X. Bezirke. Während dieser Zeit haben wir einen Tempel gebaut, der 100.000 fl. kostete. Ich habe ferner im X. Bezirke einen jüdischen Schulveieiu gegründet, der 160 Kinder Unterricht angedeihen läßt. In dieser Richtung würde ich mich auch weiterhin bemühen, wenn Ihr Vertrauen mich in einen grösseren Wirkungskreis berufen sollte. Dr. Wagner bekennt sich als tüchtiger Hebraist und möchte sein Wissen, gepaart mit seinem ehrlichen Willen, gerne in den Dienst der Gemeinde stellen. Hiezu sei er übrigens von seinen zahlreichen Freunden animirt worden. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Leopold Kahn: Ich bin unschuldig an meiner Candidatur, meine Gesinnungsgenossen in Mariahils haben mich als Candidaten nominirt. Ich candidire als Zionist, das heißt als Nationaljude, der über den Erfordernissen der Gegenivart nicht die Erinnerung an die Vergangenheit und den Ausblick in die Zukunft verliert. Wenn auch einmal ein junger Zionist in Begeisterung aufschäumt und Ihren Unwillen erregt, so müssen Sie doch anerkennen, dass die Zionisten die Herzen der Jugend mit Judenthnm erfüllt haben. Auf dem Gebiete der jüdischen Erziehung ist Vieles vernachlässigt worden. Da will der Zionismus bessernd eingreifen. Wir wollen, dass das Judenthnm in Wien etwas mehr hebraisirt werden soll. Wenn Sie wünschen, dass eine solche Richtung, wie ich sie repräsentire, auch im Vorstande der Wiener Cnltnsgemeinde vertreten sei, dann geben Sie mir Ihre Stimmen, und ich hoffe, das in mich gesetzte Vertrauen rechtfertigen zu können. Es folgen nunmehr einige Interpellationen. Herr Baumeister Z e r k o w i tz fragt, ob die neuen Cultusvorsieher dahin wirken wollen, dass 1. eine Enquete einberufen werde, welche über eine Reorganisation des Religionsunterrichtes in allen Schulen Beralhungrn pflege. 2. dass die Vergebung von Arbeiten in der Weise durchgeführt werde, wie cs in öffentlichen Aemtern geschieht. Dr. Alfred Stern erwidert, dass bei Vergebung von Arbeiten stets eine beschränkte Concurrenz ausgeschrieben werde, wobei selbstredend aus die Vertraitenswürdigkeit des Arbeitnehmers Rücksich genommen wird. Die eingelanfeuen Offerte werden strenge geprüft und, soweit nicht besondere Rücksichten obwalten, die Arbeit au den Mindestbietenden vergeben. Was die Enquete betrifft, erwiderte Herr Cultusvorsteher Dr. Berger, dass ohnehin ein neuer Lehrplan ausgearbeitet wurde, ait welchem alle Religionslehrer, die Jnspectoren und die Mitglieder der Schulsection theilgenommen haben. Man müsse abwarten, wie sich der neue Lehrplan in der Praxis bewähren wird. Auch sei ein neues Lehrbuch für jüdische Geschichte in Vorbereitung. Herr Bernhard H o f b a u e r fragt, für welche Stellen sich die neuen Candidaten berverben, liach dem nur ein Mandat frei sei und die acht ausgelosten Herren eine Wiederwahl anstreben. Der Vorsitzende erwidert, dass die neuen Candidaten jene Stellen für sich in Anspruch nehmen, welche durch den eventuellen Eintritt der alten Candidaten in die neue Curie frei werden. Herr H o s b a n e r richtet ferner an die Zionisten die Frage, wie sie sich zu den rituellen Fragen stellen. Ihm antwortet namens der Zionisten Herr Dr. Kahn, dass die Zionisten Jedermann in religiösen Fragen seine freie Meinung lassen. Entfernen wir uns von allen religiösen Streitigkeiten, die schon so oft zu tiefgehenden Störungen und unheilvollem Bruch im L Judenthnm geführt haben. Dass wir keine principielle Gegner religiöser Bestrebungen sind, beweist die Anwesenheit orthodoxer, russischer Rabbiner auf unseren Cougressen. Herr S. B r o d wünscht eine Solidarität der Inden auch nach der Richtung, dass bei der Vergebung von Arbeiten seitens des Einzelnen auf die jüdischen Gewerbetreibenden vollste Rücksicht genommen werde. Herr Leopold F r a n k f u r t e r bemängelt es, dass die Tempelvereine von den gespendeten Geldern einen Percentsatz für ihre Regiespesen verwenden und fordert den Cultusvorstand auf, hier Wandlung zu schaffe». Herr Vicepräfident Dr. Alfred Stern erklärt, dass diese Sache schon oft im Cnltnsvorst.mde Gegenstand der Berathung bildete. Von seinem persönlichen Standpunkte ans perhorrescire er dieseir Vorgang. Herr Feiwel interpellirt Herrn Dr. Stern, ob er seine Beschuldigungen wegen der Besudelung des Vorstandes gegen die von ihm redigirte „Welt" gerichtet habe. Herr Bernhard imeipellirt denselben Cultusvorsteher, ob er als Angehöriger der deutschliberalen Partei auf die Jugend germanisirend, oder im »aiional-jüdischen Sinne einzuwirken gewillt sei; ob er gleich allen jüdischen Gemeinden, welche den rumänischen Auswanderern hilfreich beigesprnngen sind, nicht auch der Ansicht huldige, dass es Sache der Cultusgemeind sei, bei ähnlichen Katastrophen hilfebringend beizuspringen; endlich was Dr. Stern gegenüber dem skandalösen Vorgehen einzelner Collegen in der Alliance zu thun gedenke. Dr. Stern erwidert, dass er von dem Momente seines Eintrittes in den Vorstand dafür eintrat, dass der hebräischen Sprache wieder ihr Platz in der Schitle eingeräumt werde und dies sogar in dem Statute ausgenommen wurde. Vor 18 Jahren habe er an der Grenze von Galizien den Exodus der russischen Emigranten durch volle drei Wochen unter den größten Strapazen geleitet. In der Alliance werde ein ausführlicher Bericht über die Thängkeit der Alliance gelegentlich der rumänischen Auswanderer vorbereitet. Aus diesem Berichte werde man ersehen können, was hiebei seitens der Alliance geleistet wurde. Die Cultusgemeinde selbst leiste bei solchen Anlässen das, was sie könne. Auf die Anfrage des Herr Feiwel verliest Herr Dr. Stern eine Stelle aus der „Welt", die die Richtigkeit seiner Behauptung erweisen solle. Hierauf schließt der Vorsitzende um 12 Uhr Nachts die Versammlung. Die Candidaten für die Wiener Cultnswahlen. Bei der Sonntag, den 25. November, stattfindenden Wahl sind 8 Vorstandsmitglieder von der Gesammtheit der Wahlberechtigten auf die Dauer von 6 Jahren und 1 Vorstands - Mitglied auf die Dauer von 4 Jahren zu wählen. Das Centralwahlcomitö der „Oesterr.-Israel. Union," des „Politischen Volksvereines" und der vereinigten Tempelvereine hat für diese Wahl folgende Candidaten empfohlen: a.) M i t sechsjähriger F n n c t i o n s d a u e r : Dr. Alfred Werger, Hof- und Gerichtsadvocat, I., Jndenplatz 8* Omanuel Koffmann, XVIII., Karl Ludivigstraße 27. Keinrich Klinger, kaiserl. Rath, I., Ebendorferstraße 8. Dr. Gustav Kohn, Hof- und Gerichtsadvocat, IX., Hahng. 25. Wilhelm Wollak, kaiserl. Rath, Weingroßhändler, XIV.,! Reichsapfelgasse 8. j Dr. Maximilian Steiner, I., Graben 16. j Dr. Alfred Stern, Privatier, II., Unt. Donaustraße 27. j Dr. Moriz Schnepp, prakt. Arzt, Bezirksrath, IX., Porzel- | langaffe 22 a. j b.) Mit vierjähriger Func 1 ionsdauer: i Sacoö S. Straßverg, Realitätenbesitzer, X., Laxenburgerstr. 34-

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