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Die Wahrheit · 1900-11-23 · Heft 43 (23.11.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 43 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43. Die Wahrheit. Seite 7. gisst aber, dass die Katecheten aus dem Religionsfonde bezahlt werden und dass, wenn dieser passiv ist, das Plus der Unterrichtskosten aus dem Säckel aller Steuerträger gedeckt wird. Wir haben nicht weniger als 522 Classen mit Religionslehrern zu versorgen. Hiezu verwenden wir 20 angestellte Lehrer und 58 Stundenlehrer. Das Honorar sür dieselben beträgt zusammen 53.310 Gulden, zu welchen der Bezirksschulfond 20.000 Gulden beiträgt. Wenn Herr Brunn r erklärt, dass er selbst keine religiösen Bedürfnisse habe, so verstehe ich eigentlich nicht, warum er sich für die Vermehrung der Bethäuser so lebhaft einsetzt. Seine Anfrage bezüglich der Verwaltungskosten beantworte ich dahin, dass die Gehalte der Centralkanzlei 58.900 Gulden betragen. Wir nehmen allerdings unseren Beamten gegenüber! nicht den Standpunkt rin, ivie der Fiscus; uns kann es nicht gleichgiliig Kfein, wie es unseren Beamten, eventuell deren Witwen und Waisen geht. Die Verwaltung des Armenamtes! kostet 3570 Gulden. Das Matrikelamt kostet 12.000 Gulden. Tie Kosten der Bethäuser inclusive der Gehalte aller Fuuctiouäre betragen beiläufig 100.000 Gulden. Man wirst uns vor, dass wir nicht socialpolitisch wirken. Ist es aber nicht auch eine Art Socialpolitik, wenn wir. um! gewissen Folgen der derzeitigen Stlömung zu entgegen, eine chirurgische Abtheilung in dem Spital neu errichten, oder wenn wir die bisher in Commnnalpflege gewesenen verlassenen jüdischen! Kinder einer jüdischen Pflege und Erziehung anvertrauen? Es j ist traurig, dass wir sür dieselben noch immer kein eigenes Asyl > errichten können. Schaffen Sie uns nur hinreichende Mittel und! Sie weiden sehen, wie wir socialpolitisch wirken werden. Auch! ist es unrichtig, dass der Vorstand irgend einem Candidaten den I Eintritt verwehrt. Wer nur überhaupt einen jüdischen Weg! geht, ist sür die Neuwahl willkommen. I Architekt Oscar M a m o r e k: Der Pinsident der Cultusgemeinde hat den Zionismus als zersetzend und zerstörend hingestellt. — (Widerspruch — hierauf losender Lärm). Der Vorsitzende ersucht um Nutze — (bei- Lärm hält an). Vorsitzender: Wenn nicht sofort Ruhe eintritt, werde ich die Versammlung schließen. (Es tritt Ruhe ein.) Meine Herren, ich ersuche sie augelegeutlichst, jede Unterbrechung zu vermeiden; eine Wiederholung der jetzigen stürmischen Unterbrechung wird die sofortige Schließung der Sitzung zu Folge haben. Gegenüber Herrn Mamorek stelle ich richtig, dass Herr kaiserl. Rath K l i n g e r nicht den Z i o it i s m it s als solchen, sondern einzelne Herren, welche dem Zionismus angehören, unzweideutig als verhetzende Elemente erklärt hat. Architekt Mamorek sortfahrend: Ich frage, warum man uns eine streng sachliche Opposition 1 verübelt. Wenn auch unsere Weltanschauung eine andere ist als die Ihrige, so sollten Sie nicht vergessen, dass wir auch ein warmes Herz fürs Judenthum haben. Wir haben die Jugend wieder jüdisch gemacht. Wir wollen nicht in die Gemeindestube, um einen persönlichen Vortheil zu erlangen, oder die bisherigen Spitzen zu besudeln. Redner lenkt die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die galizische Judengefahr. In der Frage der Wahlreform sind wir entschiedene Opposition. Wir finden die! Classeneintheilung unjüdisch und nicht nothwendig. Die Indolenz j der unteren Classen wird durch diese Wahlreform nur noch ge-! steigert. Man hat das facultative 5fl.-Wahlrecht eingeführt. Ich! habe verlangt, diese 5 fl. sollen vorgeschrieben werden, damit der! politische Sinn gewerkt werde. Verdienen es vielleicht solche > Forderungen, dass man uns ein zersetzendes Element nenne? j Redner theilt mit, dass die Zionisten in der Brigittenau nach j englischem Korbild eine Toynbee-Hall gegründet haben und! schliefst mit den Worten: Die Eroberung aller Cultusleitungen j ist unser Ziel, wir werden es erreichen, mögen sie es wollen,! oder nicht! > Kaiserl: Rath Heinrich Kling er: Ich habe nicht vom j Zionismus als solchem gesprochen, ich habe ausdrücklich erklärt,! dass der Zionismus mir imponirt. Nur in der Art, wie man die Cultusgemeinden erobern will, finde ich den Geist der Zersetzung und Zerstörung Herr Dr. Alfred Stern: Ich habe heute einen Brief des unglücklichen A raten erhalten, der sich wiederholt verzweifelt au mich wendet, ihm zu seinem Kinde zu verhelfen. Solche Briefe sind leider nicht vereinzelt. Denn die Fälle, dass Kinder auf dieselbe Weise ihren unglücklichen Eltern abhanden kommen, wiederholen sich. Angesichts dieser und der Vorkommnisse in den letzten Tagen streiten wir hier, ob 58.000 fl. Verwaltungskoftell zu hoch oder zu niedrig sind! Angesichts dieser erschütternden Vorfälle kommt es vor, dass Männer, deren ideales Streben ich nicht in Abrede stellen will, in öffentlichen Journalen den Cnltusvorstaud als ein Zerrbild hinstellen und sagen, dass bei demselben bei Verleihung von Stiftungen ein Protectionswesen herrsche und dass es bei der Auslosung nicht mit rechten Dingen zugehe.' Und ich frage Sie, ist das die Zeit wo Juden gegen Juden, welche die Repräsentanz der Judenschaft bilden und als solche von Behörden die Rechte der unterdrückten Glaubensgenossen zu vertreten haben, in einer solchen Weise auftreten? Ist das noch eine Kritik ooer eine Besudelung zu nennen? Der Vorstand der Wiener Cultusgeineinde muss denn doch ein großes Vertrauen besitzen, denn sonst würden in den letzten 2 Jahren nicht 70 Stifter der Gemeinde ein Vermögen von zweieinhalb Millionen Kronen anvertraul haben. Diese Stifter würden dies gewiss unterlassen, wenn auch sie der Ansicht huldigen würden, dass bei uns eine Protectionswirthschaft bestehe. Das ist nicht die Art, wie man ideale Zwecke verfolgt; so spricht man nicht von Männern, die mait als Gegner erachtet! Wir sind ein jüdischer Cultusvorstaud und haben die Angelegenheiten der jüdischen Cultusgemeiude zu administrireu und für die religiösen Bedürfnisse derselben 'zu sorgen. Deshalb kann und soll von einer systematischen Opposition im Schoße des Vorstandes keine Rede sein und hat eine solche im Vorstande nie bestanden. Wir Alle sind einig in der Liebe und Zuneigung sür unseren verehrten Präsidenten. Offen erkläre ich Ihnen, dass ich seit jeher ein Gegner der Fünfgulden-Steuer bin; wenn sie aber einmal sein muss, ist es am besten, wie sie in dem jetzigen Statute besteht. Wir müssen Alles aufbieteli, um die vielen Erecutionen, die diese Steuer nach sich ziehen würde, zu verhindern. Es hat ein Candidat, sich auf seine Jugend berufend, der Meinung Ansdruck gegeben, dass man nur Männer mit grauen Bärten und weißen Haaren in den Cultnsrath entsenden dürfe. Demgegenüber sage ich: 1^5 MMprn myja Wir wollen mit unseren Jungen und unseren Alten gehen. Dr. Heinrich Schreiber: Der Präsident der Cultnsgemeinde spielt eine zugleich beneidens- und beklagenswerthe Rolle. Es ist der in me des heutigen Vorstandes. So oft Vorwürfe erhoben werden, muss er als spanische Wand dienen. Dr. Stern hat bezüglich des Vorwurfes des Nepotismus nichts Anderes vorgebracht, als was der Cultusminister auf die begründeten Querelen in Betreff der präterirren Lehrer geantwortet hat. Die diesbezüglichen Vorwüfe waren nicht gegen die Correctheit der Verwaltungen der Stiftungen gerichtet. Ich habe meine Candidatur bereits vor Jahren ausgestellt. Die Berechtigung dazu gibt mir mein jüdisches Gefühl, meine Erfahrungen und meine langjährige Beschäftigung mit jüdischen Angelegenheiten. Ich begrüße es mit Freude, dass zwischen den verschiedenen Corporationen innerhalb der Wählerschaft eine Einigung erzielt worden ist. Ich candidire auf das Programm der Tempelvereine. Die Wahlreform ist leider nicht so ausgefallen, wie es von den Tempelvereinen erwartet wurde. Wir verlangen eine zeitgemäßere und richtigere Oekonomie des Budgets. Ich habe z. B. nichts gegen das rituelle Bad einzuwenden, nichtiger wäre aber vorerst die Errichtung von Bethäusern in solchen Bezirken, die noch kein Gotteshaus besitzen. Wir wollen keine principielle Opposition treiben, sondern uns nach besten Kräften au den Geschäften der Gemeinde betheiligeu. Dr. Emanuel Spitzer: Zahlreiche Freunde haben mich zu meiner Candidatur aufgefordert, und ich habe diesem Rufe Folge geleistet, weil ich es als Ehre betrachte, einer so hoch-

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