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Die Wahrheit · 1900-11-23 · Heft 43 (23.11.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 43 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 43. wirkt. Ich habe stets mein Möglichstes gethan, und wenn ich dem löblichen Präsidium nicht immer angenehme Sitzungen verschafft habe, so bitte ich, mir dies gefälligst zu Gute halten zu wollen. Ich halte dafür, dass die heutige Versammlung nicht so zahlreich besucht worden wäre, wenn nicht die Jugend sich so eifrig betheiligen würde, und ihr vindicire ich das Verdienst, dass selbst der verehrliche Präsident in dieser Versammlung erschienen, was früher nie der Fall gewesen ist. Ein frischer Zug schadet der Judenheit nicht. Ich kamt mir eine wohlthätig wirkende Körperschaft ohne Opposition nicht denken, da sonst jede Schaffensfreudigkeit erlahmt. Ich war der erste, der gegen das alte Statut Front gemacht hat, da uns dasselbe in den äußeren Bezirken sehr geschadet hat. Ich bin stets entschieden für die obligatorische 5 Gulden- Steuer eingetreten, weil ich einen groß.'« Werth darauf lege, die Juden politisch reif zu machen. Leider war mein Bestreben, die bezirksweise Wahl, die Bezirkscomm'ssionen vollständig durchzuführcn, nicht von ganzem Erfolg begleite!. Ich dachte mir die Bezirkscommissionen in der Weise, das:, deren Obmänner Sitz und Stimme im Cultnsraihe haben sollen, denn nur dann hätte der Culrusvorftand die Bedürsnisse der e'nzelnen Bezirken zur Genüge kennen gelernt. Sollte mich Ihr Vertrauen wieder in die Gemeinde bcruseu, dann will ich in derselben wieder wirken, so gut, wie ich es kann. (Lebhafter Leiiall.) Kaiserlicher Rath Kling er, mit stürmischem Beifalle empfangen, bemerkte eingangs seiner Rede, dass er sich das Wort erbeten habe, nicht um zu candiviren, iourcni zur Abgabe einer Erklärung. Wenn, sagte der Redner, ich Rücksichten der Bequemlichkeit oder deit Bevürsnissen meiner etwas angegriffenen Gesundheit folgen würde, könnte ich Ihnen einfach danken für das mir wieder holt bewiesene Vertrauen. So aber sind es Rücksichten anderer Natur, von denen mich leiten zu lassen ich bemüssigt bin. Dazu gehört unter Anderem, dass man die unter meinem Präsidium zu Stande gekommene Wahlresorm zum Angriffspunkte gemacht hat. Deshalb erscheint es mir als Pflicht, zu erklären, dass, wenn Sie mir wieder Ihr Veriraneu zuwenden sollten, ich bereit sein werde, Ihrem Rufe zu folgen. (Beifall.) Und nun gestatten Sie mir, geehrte Herren. Ihre Geduld für wenige Minuten in Anspruch zu nehmen. Nicht um von mir zu sprechen. Dank der von uns eingehaltenen Oeffentlichkeit, sind die Arbeiten jedes einzelnen Vorstandsmitgliedes Ihnen ja bekannt; Sie kennen zur Genüge die guten und schlechten Eigenschaften eines alten Vorstandsmitgliedes. Gestatten Sie mir aber, Ihnen sachlich vermöge meiner alten Erfahrungen zu sagen, rvelche Ergänzungen des Vorstandes mir als im Interesse der Gemeinde gelegen, nothweudig erscheinen. Wenn Sie die große Wiener Gemeinde in Betracht ziehen, werden Sie finden, dass Humanitätsanstalten ausgedehnter Art geschaffen worden sind; wir haben ein Versorgnngs- und Siechenhaus für mehr als 200 Personen errichtet; ein Spital, wie es größer und schöner kaum gedacht werden kann. Deshalb trachten Sie bei einer Ergänzung des Vorstandes ärztliche Kreise zu gewinnen. Wohl zählt der Vorstand unter seinen Mitgliedern einen hervorragenden Arzt, der sich hingebungsvoll den Aufgaben des Amtes widmet. Aber es ist doch nur Einer. Wir haben im Vorstande gewiss eilte große Auswahl von Intelligenz. Wenn Sie aber durch Ihre Wahl auch diesen Kreis erweitern werden, werde ich uns grarulireu. Was wir weiter brauchen, das sind Männer, die den Werth des Geldes verstehen und zu helfen wissen. Und nun gestatten Sie mir, auf die Wahlreform zurückzukommen. Wir sind vielfach missverstanden worden. Was den Herren, die für dieselbe gestimmt haben, vorgeschwebt hat, war, wenn gleich eine große Gemeinde, wie die unsere. Geld und wieder Geld braucht, doch nicht nur die Heranziehung der Geldkräfte: was damit am meisten bezweckt werden soll, das ist die Besiegung der Indolenz, und ich gebe mich keiner schlechten Hoffnmig hin, wenn ich sage, dass sie in drei Wochen anders urtheilen werden, wie bisher. Wenn Sie aber, meine Herren, die Vorkommnisse der letzten Tage beachten, wenn Sie sehen, in welcher Art, mit welchen Waffen die Sendlinge eines Vereines den jetzt wirkenden Vorstand angreifen, dann werden Sie den Schöpfern dieser viel angefeindeten Wahlreform eine Voraussicht, den richtigen Blick für die Zukunft, nicht absprechen. Ich kann versichern, ich besitze eine gewisse Hochachtung für den Zionismus, ich habe mir gesagt, wenn sich hervorragende Männer der Intelligenz für ihn einsetzen und diesen Gedanken propagiren, muss er gewiss einen ethischen Hintergrund haben und darum wäre zu begrüßen, wenn — da nun schon einmal auf dem Ziouisten- Congresse die Eroberung der Vorstandssitze in den Cultusgemeinden als Programmpunkt aufgestellt wurde — die Häupter dieser Bewegung sich melden würden, um in die Dienste der Gemeinde zu treten. Wenn Sie aber hören und lesen, in welcher Art dieser Eroberungskamps geführt wird, was diese Sendlinge über uns sagen, dass wir zur „traurigsten Carricatnr" „zum Zerrbilde" herabgesunken sind, dann muss ich offen erklären, dass es jedem ernst denkenden Menschen das Amt verleide, und man nach jahrelangem, opferwilligem Wirken nicht Lust hat, sich von diesen Herren besudeln zu lassen. Was kümmert es diese Herren, was wir für den Religionsunterricht geleistet, ob wir hungernde Schulkinder verköstigen, — nein, wir sollen Galiziens Noth in Betracht ziehen, während wir nicht Geld genug haben für das Elend in unserer Stadt — dass wir so viele Tempelbauten in letzterer Zeit gefördert, Lese- und Bibelschnlen errichtet, einen geordneten, umfassenden Jugendgottesdienst unterhalten, der Noth der Wöchnerinnen zu steuern trachten; für unsere verarmten Kreise und Siechen eine würdige Heimstätte geschaffen und viele Hunderte von Stiftnngeu selbstlos verwalten rc. Was wir von diesen Herren gehört und gelesen haben, ist wahrhaftig nicht der alte Geist der Wiener Gemeinde, es ist nicht der Geist der Erhaltung, vielmehr der der Zersetzung und der Zerstörung. Und dieser entgegenzutreten, geehrte Herren, will ich den Rest meiner letzten Kraft widmen. (Stürmischer Beifall. Hochrufe auf den Präsidenten.) Der Vorsitzende bringt nunmehr 2 Resolutionen des Sy- - nagogenvereines Beth Israel zur Verlesung, deren Tenor dahin geht, dass die künftigen Vorsteher es als ihre Aufgabe betrachten mögen, die Erweiterung der Talmud-Thora-Schule in eine jüdische Mittelschule durchzuführen, und dahin zu wirken, dass bei Completirung des Rabbinats-Collegiums nur auf solche Personen reflectirt werde, zu denen auch die Gemeindemitglieder streng religiöser Richtung Vertrauen fassen können. Der Vorsitzende richtet an die folgenden Candidaten die Bitte, zu diesen Resolutionen Stellung zu nehmen. Dr. Jacob K o h u (als Caudidat): Es hat vor mir ein Mann gesvrochen, der sich als Oppositioneller vorstellte und förmlich um Entschuldigung dafür bat, dass er erst 47 Jahre zähle. Von diesem Standpunkt mußte ich mich als Wickelkind betrachten. (Heiterkeit.) Das ist von priucipieller Bedeutung. Wenn die Tradition festgehalten wird, dass an der Spitze der Gemeinde Männer stehen müssen, die graue Bärte haben, so frage ich, ob es im Interesse des Judenthums liegt, dieses Princip beizubehalten. Ich vertrete eine Richtung, die der Wählerschaft, schon dem parlamentarischen Brauche zu liebe, wonach auch die Minorität zu berücksichtigen ist, Sitz und Stimme im Vorstande gewähren sollte. Wir bilden aber nicht blos eine principielle Opposition, wir haben der derzeitigen Cultusvertretung auch sachliche Vorwürfe zu machen. Die Wahlreform wurde — wir haben unlängst dieses Bekenntnis gehört — geschaffen, um die Mandatare von ,900 Wählern zu Juden zu machen, die es vielleicht noch nicht sino. Ist der Cultusvorstand eine Erziehungsanstalt? — Der Redner schließt mit der Bitte, den Jüdisch-Nationalen und den Zionisten, die das Beste des Judenthums wollen, Antheil an der Gemeindeverwaltung zu geben. Dr. Maximilian Steiner: Herr Lucian B r u n n n e r hat in der neulichen Wählerversammlung die Kosten für den Religionsunterricht zu hoch befunden und auf das entsprechende Budget der Wiener Commune hingewiesen. Herr Brunner ver-

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