Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 43 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Wahrheit. Nr. 43. r- „guten alten Zeit" für die Hebung des religiösen Gefühls leistete. Fordern aber die Religiouslehrer von der ihr anvertrauten .Zugend Fleiß, Gehorsam, gute Sitte, was die Latein-, Griechisch- und Geometrielehre fordern, dann Widers!n,d der Jugend, oft auch wenig vernünftigere Eltern, dann o l offene Renitenz. Mit Recht wies der Vorsitzende in jener Versammlung darauf hin, wie schwer es dem Religionslehrer oft gemacht werde, etwas zu leisten, und wie leicht wieder, wenn das Hans mit ihm Hand in Hand gehe. — Und dann fragen wir die jungen Herren, Hand auf's Herz: „Was liegt ihnen an der Religion, mit welchen schmählichen Ausdrücken sprechen sie von ihr in ihren Zeitungen? Tie Religion ist ihnen Privaisache, sie sind Juden, oder wollen es sein, ohne Religion. „Wer hat dich zum Herrn uud Richter eingesetzt?" können wir diese v; iemeltüerbesserer fragen. Wird das Judenthum durch S l mähungen, Schimpfworte und Beleidigungen gerettet? Man spricht vom Gottesdienste. Der ist Üi:ci.;i wieder eine öffeniliche Schaustellung, eine Art religiösen lioneerts, mit abwechselnden schönen Reden. Wir haben nichts dagegru, richtet unseretwegen auch die alle „Schul" wieder ein mir tümsonim, Meschoierim, Piutim und Selichoth. Jeder soll nach seiner Facon selig werden. Aber wie viele werden euch in diese „Schul" gehen? Und dann wieder Hand aufs Herz. Wie viele von Euch Haupischreiern gehen überhaupt zum Gottesdiensle? Das ist Euch ja eiir überwundener Standpunkt. Schreien ist leicht, besonders wenn man eine jugendliche Kehle har, aber mehr als anderswo beweisen auf dem Gebiete der Religion die Thalsachen. Kommt nun die Armenpflege. Da ist viel, vieles zu verbessern, wer leugnet dies? Und Einer der trefft ich fl ru unseres Vorstandes, ein Mann von Geist und Herz, ein Jude im edelsten Sinne des Wortes, versicherte, er arbeite monatelang an einem neuen Statute für unsere Armenpflege, uud wir glauben es ihm, dies Statut wird Kopf und Füße haben. Wie schwer es aber ist, gerade bei uns Juden die Armenpflege zu verbessern, schilderte dieser Herr mit drastischen Ausführungen. Die Anforderungen sind eben bei uns zu groß, zu vielseitige, zu verschiedenartige. Man missverstehe uns nicht! Wir sind keine Officiöfen der herrschenden Partei, wir wollen nichts beschönigen, wir wollen niemand hindern, seine Meinung zu äußern, wir gehören nur der Partei der wahren Juden an. , Man greife niemand deshalb an, weil er mehr Geld hat als der Andere. „Auch den Armen bevorzuge nicht in seiner Streitsache." Spielen wir uns nicht auf die Parteien hinaus. Wer Herz hat für's Judenthnm, wer für dieses wirken will, ob Reich oder Arm, ob Hoch oder Niedrig, er ist uns willkommen, wenn er nur etwas thun will und nicht alleilt den Mund voll nimmt. Niemand von uns hat ausschließlich das Judenthum gepachtet. „Hat der himmlische Vater nur einen Segen?" Können wir nicht, lvenn auch auf verschiedenen Wegen zu demselben Ziele gelangen? So find wir aber. Wir machen jetzt viel in Politik und bringen diese in die Gemeindestube. Gewiss, eine Gemeinde hat mehr zu sein als eine bloße Steuervorschreibuilgs-Maschine. Aber Reichsrath spielen wollen wir nicht. „Politisch Lied, garstig Lied," dies gilt besonders für unsere Gemeinden. Pflege der Religion, Pflege des Gottesdienstes, Darbietung der Möglichkeit, dass jeder Jude für seine religiösen Bedürfnisse möglichste Befriedigung finde, Hilfe den Armen und Arbeitslosen in der Gemeirrde, Pflege des jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühles, das fiub die wichtigsten Agenden unserer Gemeindevertretungen. Diese zu erfüllen, dazu bedürfen wir Männer von Kopf, und was mehr bedeutet, Herz. Nörgeln wir weniger, kritisiren wir nicht so viel, lasset uns nicht fortwährend, wie der Wiener so drastisch sagt „raunzen", und mehr unsere Thateil für uns sprechen, dann wird die Redewuth eingedämmt werden, und es wird zum Segen sein für das, was uns allen am Herzen liegt, für unser Judenthum. Oheb Bmeth. Das Unheil der Zersetzung im nngar. Indenthnme. Wie traurig die Verhältnisse sich hierzulande gestalten, welche Zerfahrenheit da herrscht, wo es gilt die vitalsten Interessen unseres Religionsgesetzes zu wahren, hat w'eder einmal so recht deutlich die Berichterstattung der jüdischen Landeskanzlei gezeigt, und wenn in dem Gebühren der orthodoxen Durchführungscommission nicht bald Wandel geschaffen wird, da werden unsere herrlichsten Aussichten ganz über den Haufen geworfen. Der Ministerialerlass über die Circumcision bat im Vorjahre alle Gemüther aufs Tiefste erregt. Man fragte sich erstaunt, wie denn mit einem Male diese strenge Verordnung angeblich aus Sanitätsrücksichten erlassen wurde über eine religiöse Ceremonie, deren Ueberwachung einzig und allein jeder Cultusgemeinde zusteht? Nun wissen wir, woher der Wind geblasen. Die Landeskanzlei verwahrte sich anfänglich aufs Strengste gegen die angebliche Verordnung, doch als der Minister in einer strenggehaltenen Zuschrift darauf hinwies, dass von Seiten der Orthodoxie gegen einen derartigen, das jüdische Gesetz tangirenden Erlass nicht im Geringsten Einsprache erhoben worden sei, mussten auch von unserer Seite die Waffen gestreckt werden. So mehren sich von Tag zu Tag die Gegensätze, so werden die Waffen gegen den eigenen Bestand geführt. Wie herrlich und glänzend hatten wir uns die Zukunft des ungarischen Israel ausgemalt, wie wonneverheißend blickte man auf den Ausbau unserer Autonomie, und siehe da, wir haben nach schweren und heißen Kämpfen Rechte erlangt, ohne dieselbe zu 'unserem Nutz und Frommen zu verwertheu, ohne von denselben nach Gebühr Gebrauch machen zu können. Und da stehen wir rathlos und mit gebundenen Händen, ohne im Entferntesten berechnen zu können, wann dieser leidige, hochbetrübende Zustand einmal schon sein Ende nehmen wird. Hat die Einsicht in jenem Lager, wo angeblich die jüdische Religion gewissenhaft gewahrt und befolgt wird, noch immer nicht die Oberhand gewonnen über jenes Dunkel, dem alles Heilige und Gemeinnützige schon des Oefteren zum Opfer gefallen; hat der Bruderhass nicht genug Uebel heraufbeschworeu, an denen das ganze ungarische Judenthum krankt; will mau die Gesundung mit aller Gewalt Hintertreiben, die Zerfahrenheit als Norm aufstellen, um nur die Waffen nicht strecken zu müssen, die man zur eigenen Schmach und Schande Jahre hindurch gegen seinen Glaubensstamm geführt hat? In dem Gemeindeleben ist eine Stagnation eingetreten, die alle Kräfte in Bande schlägt; der Gottesdienst kann zur rechten Entfaltung nicht gelangen, weil Cantoren und Vorbeter von Furcht befangen sind, dass die Amtirnng in einer Fortschrittsgemeinde sie für immer discreditirt, nachher in einer orthodoxen Gemeinde zu wirken, und fo muss man oft, wenn Cantorenposten zu besetzen sind, sich mit Kräften zweiten Ranges zufrieden geben. Die Klagen über horrende Cnltussteuer-Ausmessung nehmen immer mehr überhand, und was Wunder, wenn einzelne Gemeindemitglieder als confesstonslos sich erklären, tveil sie dadurch der unerschwinglichen Lasten enthoben zu sein glauben. Die Wohlthätigkeits-Anstalten müssen ihr Wirken auf das Geringste reduciren, obgleich die Armuth in erschreckender Weise zunimmt, weil aus freien Stücken nur selten Jemand seinen Obulus auf den Altar Gottes niederlegt. Der Besuch des Gotteshauses ist in steter Abnahme begriffen, und da ist es nur zusehr begreiflich, dass von freiwilligen Spenden äußerst selten etwas in die Gemeindecassa fließt. Und man geht fehl, wenn man meint, dass es nur im fortschrittlichen Lager traurig aussieht, in den orthodoxen Gemeinden hat man die schwere Bürde, unter der jedes Mitglied ächzt, schon längst ebenso empfunden; doch bisher vermochten die Anführer durch allerlei Vorspiegelungen die Entmuthigten zur Ausdauer anzuspornen, und so lange die materiellen Kräfte auslangten, so lange Handel und Gewerbe ihren Mann, wenn auch nur mäßig, ernährten, verspürte mau die Last nicht so sehr. Jetzt aber, da alle Geschäfte stagnire», hat das Gemeindeleben darunter zu leiden. Dazu kommt noch, dass wir auch