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Die Wahrheit · 1900-11-23 · Heft 43 (23.11.1900) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 43 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahl in den Lrnnner Cultusgemeindevorstand *>. „Hast Du, Vater, nur einen Segen?" — Wir Juden sind doch ein eigenthümliches Völkchen. Wir bewegen uns immer in Extremen. Ans eine Zeit der Lethargie kommt nun für uns eine solche nervöser Aufregung, der Ueberhast, und was wir seit Jahren unterlassen haben, das möchte man nun im Fluge erhaschen und ausführen. Es ist wieder ein Schlagwort ausgegeben worden: Die Cultusgemeinde soll sich social-politischen Aufgaben widmen. Armenwesen, Stellenvermittlung, Arbeitsbeschaffung, Steuer- und Wahlreform, das sind die Worte, die nur hin- und herfliegen, als ließe sich dies alles aus dem Aernrel schütteln, und als wären dies nicht Probleme, die heute noch ganz anderen Körperschaften und Personen des Kopfzerbrechens genug bereiten, und nicht allein unseren Gemeinden und Vertretern. Die oft etwas jugendlichen Herrschaften, welche mit ihren vortrefflichen Kehlen — sie haben oft nichts anderes als diese — jene Forderungen an die sich ihnen vorstellenden Candidaten stellen, vergessen dabei nur eines': unsere Gemeinden heißen C u l t u s gemeinden, und ihre Pflicht ist es vor allem, für den Cnltus zu sorgen. Was aber Cultus ist, das hat der fromme Hohepriester Simon der Gerechte besser ausgedrückt als ' wir, da er sagte, die Welt des Judenthums beruht auf: L e h r e, G o t t e s d i e n st und wirkender Wohlthätigkeit. Dies sind die Forderungen, welche zu erfüllen, man von jeder jüdischen Gemeinde beanspruchen kann, soll sie nicht die. Anwartschaft verlieren, sich Killah Kadischa nennen zu düifen. Gewiss innerhalb jenes Rahmens kann jede Gemeinde Segen rings um sich verbreiten, denn es kommt immer darauf an, wie man seines Amtes waltet, und wie man eine übertragene Pflicht zu in Segen macht für seine Mitmenschen. Denn mannigfach ist der Segen, den uns die Allmacht gespendet hat, und niemand kann sagen, er habe ein Privileg, gewissermaßen ein Monopol, die Segnungen des Judenthums zu spenden. Es geht ein frischer Wind durch die alte Institution unserer ehrwürdigen Gemeinden. Es mag hier vieles veraltet, sagen wir es, sogar verrostet sein. Aber ist alles schlecht, weil es alt ist? Auch hier gilt das weise Wort: Quieta non movereil, *) Der Artikel könnte ebensogut für die Wiener Cultuswahlen geschrieben sein, denn die Wahlbewegung hat in Wien ganz die gleichen Erscheinungen gezeigt, wie in Brünn. hüten wir unZ, am Ruhigen zu rütteln, eiuzureißen, bevor wir die Gewähr haben, dass wir an Stelle der alten Trümmer ein besseres Gebäude errichten können. Da ist nun eine Partei von oft ganz jungen Leuten, die nach Reformen in der Cultusgemeinde „schreit", ich bitte dieses Wort buchstäblich zu nehmen. „Social-politisch" soll die Gemeinde wirken. Wir fragen zunächst, was hat das soviel gebrauchte und eigentlich io wenig verstandene Wort: Socialpolitik, welches heutigentages nur so herumschwirrt, mit dem Cultus zu thun? Und dann wieder, schreibt unser Cultus nicht vor. für die Armen zu sorgen, Oernillutll chassodim zu üben, ist die gepriesene Socialpolitik nicht eine alte Einführung im Jndenthlim? Darum env.is vorsichtiger mit Worten, die ja doch nichts bedeuten, Thaten, Thateu wollen wir sehen. Seit Cäsars und Brutus Zeiten hat man die an der Regierung sich besindenden Parteien stürzen wollen mit dem Rnfe: „Wir wollen es besser machen." Dies find die Gedanken, die uns in den Sinn kamen in der Versammlung, die der Vorstand der hiesigen Gemeinde für den 10. dieses Monats Abends, zur Besprechung der am 25. d. stattsindenden Cultuswahlen einberufen Hane. „Die Jungen" waren in stattlicher Zahl erschienen und bewirkten, dass die Versammlung, die sonst in idyllischer Ruhe abgehalten worden war, in der „guten alten Zeit", ziemlich stürmisch verlies. Das hatte mit seinen Reden der Hauptsprecher „der Jungen" gethan. Da flogen nur io die Worte wie Humbug, Unthätigkeit. Indolenz, Gleichgiltigkeit hin und her. Man kann ja verschiedener Meinung sein, und jedem bleibe unbenommen, seine Meinung zum Ausdrucke zu bringen, wir leben ja in einer Zeit, die das Wort Freiheit so häufig im Munde führt, aber eines wird man unserem Vorstande nicht versagen können: er war redlich bemüht, für Religionsunterricht, Gottesdienst und Armenpflege zu wirken. „Unsere Kinder können nicht „daweiien", hört man oft und hörie man auch diesmal in unserer Wählerversammlung. „Run gut, lasset es sie lernen", kann man daraus erwidern. Gelegenheit habt Ihr genügend dazu. Aber was solle» die zwei wöchentliche» Religionsstunden noch leisten? Die Kinder sollen in diesen beten lernen, dazu etwas hebräische Grammatik und dann wieder! biblische Geschichte und Religionslehre, manche wollen auch, dass * sie in die Geheimnisse der hebräischen Schrift und in die Praxis j des rituellen Lebens eingeweiht werden, kurz, die Religionsj stunden sollen das ganze Haus ersetzen, und was es in der

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