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Die Wahrheit · 1900-11-16 · Heft 42 (16.11.1900) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 42 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Hesterr.- Ungar. Kantoren-Ieitung. Nr. 42. Meitage zur Zeitschrift „Zie Wahrheit." 20. Jalirg. Zur Serufsfrage. Von Cantor Isidor L ö w i t, Wien. II. Der unerwartete Erfolg meines ersten Artikels gegen die „Wiener Cantorenbildungs-AnsiaK (?)" des Herrn Ober cantor Philip Kläger veranlasst mich, früher, als ich beabsichtigte, die weiteren Ausführungen folgen zu lassen. Die größte Anerkennung erhielt ich vom Herrn Kläger selbst durch seinen Recht sanwalt, und zwar in Form eines Schreibens, in welchem mir, wenn ich nicht zur gütlichen Austragung (?) bei letzterem erscheine, die Pr esst läge augedroht wird. Selbstverständlich reagirte ich aus dieses Schreiben nicht, denn ich freue mich hellte schon daraui, vor dem Forum des Gerichtes für meine Kritik voll und ganz einstehen und für dieselbe den Wahrheitsbeweis erbringen zu können. Der btste Bweis, wie sehr ich den Nagel aus den Kops genossen habe, ist der, dass der neugebackene Canto r e n s ch u l d i r e c t o r sich sofort nach Erscheinen meines Artikels um einen hervorragenden Fachmann zur o b e r st e n Leitung seiner Schule beworben hat, jedoch, wie ich aus bestimmter Quelle erfahren habe, zurückgewiesen wurde. Nach Constatirung dieser Thatsache sei es mir gestattet, in der näheren Beleuchtung der Sache fortzufahren. Ta dieses Blatt auch von Vielen, die unserem Stande fernestehen, gelesen wird, will ich ausführen, lver in der Regel zu den Fachmännern gezählt wird. Die Cantoren werden in zwei Kategorien eingetheilt, und zwar in „Menaginim" und „Drongs". In die erste Kategorie gehören diejenigen Cantoren, welche von Pick aus bei dem Fache sind, das heißt erst „Singerl", dann „Meschorer" und schließlich „Chase»" wurden. Nun, Herr Direclor Kläger hat diese Stadien nie durchg macht, er war, wie mir von einem seiner Jugendfreunde mitgetheilt wird, nie „Sinzerl", nie „Meschorer", nie „Chasen", sondern gleich Obercantor. Welcher Kategorie Herr Kläger daher conseguenterweise zugetheilt werden muss, darüber kann kein Leser im Zweifel sein. In meinem letzten Artikel habe ich erwähnt, dass die löbl. Cultusgemeinde berufen wäre, eine Cantorenschule zu gründen. Nun erfahre ich, dass die Statuten des löbl. Cantorenvereines einen Paragraphen enthalten haben, in welchem die Gründung einer solchen Schule in Aussicht genommen ist. Warum dies bisher nicht geschehen ist, ist nicht Sache meiner Betrachtung, aber das eine muss ich betonen, nie war die Frage actueller als eben jetzt. Vor Allem wäre es Sache des löbl. Cantorenvereines, refp. seiner geehrten Leitung, die Gründung einer solchen Anstalt einem Cantorenlag zur Berathung vorznlegen, weiters würde sich das Präsidium des Cantorenvereines ein großes Verdienst selben betrieben werden. In einer solchen Schule müssen M eiste r unseres F a ch e s, hervorragende Musiker und Gelehrte unterrichten, dann könnte auch eine staatliche Allerkennung der Cantoren mit Erfolg angestrebt lverden. Verschiedene Nachrichten. Wien. Wie uns aus authentischer Quelle mitgetheilt wird, hat Herr Obercantor Singer die ihm angebotene Oberleitung der Kläger'schen Cantoren-Bildungsanstalt abgelehnt. Wien. Vorigen Freitag starb der Rabbiner der Wiener israelitischen Cultusgemeinde Jacob Fleißig in seinem 83. Lebensjahre. Der Verstorbene. welcher, ohne jemals etwas publicirt zu haben, als Gelehrter eines über die Grenzen Oesterreichs hinausreichenden klangvollen Namens sich erfreute, war eine durch seltene Geistesgaben hervorragende Erscheinung. Rabbiner Fleißig war ein Vertreter classisch scharfsinniger Talmudforschung und ein sehr gründlicher Kenner der Kant'schen Philosophie. Trotz vieler glänzender Anträge zog er es vor, hier in Wien als Rabbinnats-Assessor in bescheidener Weise selbstlos und hingebungsvoll zu wirken, seinen Studien zu leben und wissensdurstigen Jüngern Belehrung angedeihen zu lassen. Bis zu seinem 80. Geburtstage lag er allen seinen Amtspflichten in der hingebungsvollsten Weise ob; er wirkte hier länger als 26 Jahre und erfreute sich bei allen Parteien der größten Hochachtung, denn er war ein fester, unbeugsamer Charakter, ein Mann des Friedens und der Wahrheit. — Das Leichenbegängniß fand Montag, den 12. d. unter zahlreicher Theilnahme statt. Vertreten waren der Cultusvorstand durch die Herren Baurath Stiaßny, Salo Cohn, Arthur Edlen von Mises, Dr. Grünfeld, Dr. Berger; der Bethausvorstand durch die Herren Dr. Spitzer, S. A. Wasservogel, Jul. Wolf, Jacob Heit und Rosenbaum, aber auch sämmtliche Vereinsbethäuser und Vereine waren durch ihre Vorsteher: Meisels, Zolles, Straßer u. .A. vertreten. Die Cultusgemeindebeamten kais. Rath Dr. Lieben, Dr. Adler, Amtsvorstand Wiener, Amtsleiter Bäcker u. A. waren gleichfalls anwesend. Von den dienstfreien Rabbinen bemerkten(wir Herrn Dr. Gelbhaus und Dr. Tagleicht und auch die dienstfreien Religionslehrer waren unter Führung des Inspektors Herrn Dr. Kanitz anwesend; auch Obercantor Singer mit dem l. Cantor Blatt, sowie die Obercantoren Bauer, Schorr, Wittmann und Cantor Löwit hatten sich gleichfalls eingesunden. Kurz vor 9 Uhr widmete Herr Seminardirector Dr. Schwarz dem Verewigten einen warmen Nachruf, worauf unter Absingung der rituellen Gebete durch den Vereinscantor Schwarz der imposante Zng nach dem Centralfriedhofe sich in Bewegung setzte. Dort angelangt, wurde die Leiche aus der Erstrade aufgebahrt, worauf nach Recitation des Hazur tomim durch Cantor Schwarz Herr Oberrabbiner Dr. Gndemann dem dahingeschiedenen theueren College» aus dern Herzen fließende Worte der Würdigung und des Dankes widmete. Auch die hieraus folgende Trauerrede des Herrn Rabbiners Dr. Schmiedel war tief empfunden und machte allgemein Eindruck. Hierauf wurde der Sarg zur Erde bestattet und als die letzten Schollen auf denselben niederfielen, bemächtigte sich eines Jeden die Ueberzeugung, dass wieder ein Gelehrtenfürst und Großer in Israel von uns gegangen. Möge ihm die Erde leicht sein. n"as:n Wien. Im Bethause „Marpe Lanefesch", II., Glockengasse 4, fand am 10. d. die feierliche Einweihung des vom Herrn Leopold S e l w e c z v aus Anlass des 70jährigen Geburtstages Sr. Majestät erwerben, wenn es eilte Enquete einberiefe, um einen Lehrstoff sestzustellen, nach dein Cantoren gebildet werden können. Wenn wir die Sache ernst betrachten, so muss jeder Unbefangene zugeben, dass aus diesem Gebiete einmal Wandel geschaffen werden muss. In Wien z. B. sind circa 20 Synagogen, und in jeder ist ein anderer Gottesdienst. Von den Compositionen will ich ganz absehen, aber was bekommt man da nicht alles an Recitativen zu hören in der Stadt, in welcher Sulzer gewirkt und geschaffen hat. Es würde zu weit führen, aus dieses Thema näher einzugehen, aber unumstößlich ist die Thalsache, dass die Fixirung eines einheitlichen Gottesdienstes eilte Nothwendigkeit ist. Das sei die Ausgabe der oberwähnten Enquete. Dann wird es umso leichter sein, mit der Gründung einer allgemeinen Cantorenschule zu beginnen, da der Lehrstoff auf Grund des Ergebnisses der Enquete bereits vorliegen wird. Diese Schule müsste selbstverständlich den Hörern unentgeltlich zugänglich sein, und es dürfte nie ein Geschäft mit derbes Kaisers gespendeten „Sefer Thora" statt. Herr Rabbiner N. Friedmann hielt eine der Feier entsprechende, formvollendete Festrede. Unter den zahlreich Erschienenen bemerkte man kais. Rath Dr. Lieben, Hofrath Kareis, Dr. Bloch, mehrere Vertreter von Bethausvereinen rc. Der Präsident der Cultusgemeinde, Herr kais. Rath Klinger, sowie der Vice- Präsident, Herr Dr. Gustav Kohn, ließen ihr Fernbleiben wegen Unwohlsein entschuldigen. Abends war eine größere Anzahl von Mitgliedern des Vereines „Marpe Lanefesch" zu einem gemüthlichen Festessen versammelt, welches gewürzt mit Thoraworten und Toasten, zu einer wahren „Sude schel Mizwoli“ sich gestaltete. Bis spät in die Nacht blieb die animirte Gesellschaft in fröhlichster Stimmung beisammen. ^rag. Fräulein Fanny Singer, Tochter des Rabbiners Herrn Jacob Singer aus Deutschrod, hat sich mit Herrn Leopold Stukhart, Besitzer einer mechanischen Strickerei in Zlabings (Mähren), verlobt. Mrag. Am 6. d. fand hier das Leichenbegängnis des Herrn Jacob S p r i n z e l s, Prager Bürgers und Mitchefs der Firma I. Sprinzels und Sohn statt. Die überaus große Betheiligung aus allen

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