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Die Wahrheit · 1900-11-16 · Heft 42 (16.11.1900) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 42 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 42. Die Wahrheit. Seite 11. Gesellschaftskreisen Prags gab ein glänzendes Zeugnis^Lder Beliebtheit, kvelche sich der Verstorbene durch seinen rechtschaffenen Charakter erworben Hat. Nach einem ergreifenden Nachruf des Herrn Predigers Dr. I. Fischer setzte sich der Leichenzug in Bewegung, in welchem Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, Deputationen vieler humanitären Vereine, sowie Großindustrielle, Kaufleute rc. sich befanden. Kotomea. In Galizien, wo bekanntlich die Allianzschulen und die 1)er Baron Hirsch-Stiftung auf hrftigen Widerstand stoßen, besteht gleich-, wohl das Verlangen nach moderner Bildung für die Heranwachsende Jugend, nur wird mehr Garantie gefordert für die Sicherung der religiösen Erziehung. Falls diese geboten wird, sind sogar die Chancen für die Errichtung eines Privat-Gymnasiums oder einer Privat-Realschule sehr günstig, und zu diesem Behufs wurde vor kurzem der als Pädagog arnd Redner bestens bekannte Herr Rabbiner Dr. Jung aus Ung -Brod hieher zu einem Vortrage berufen. Die begeisterte Worte des Redners für die Vereinigung von min mit p» -pn fanden viel Anklang und Anhang, so dass begründete Aussicht vorhanden ist, demnächst eine solche fegensreich wirkende Anstalt unter Gottes Beistand in's Leben rufen zu können. ISetovar. Unserem Obercantor Herrn M. F a u st wurde folgendes Schreiben zugestellt: „Laut hohen Erlasses Sr. Excellenz des Herrn Banus Dom 28. September 1900, Z. 4429, wird der Stadt-Magistrat aufgefordert, den Herrn M. Faust, Obercantor der israel. Cultusgemeinde in Belovar, in Kenntnis zu setzen, dass seine, aus Anlass des 70jährigen Geburtsfestes Sr. k. u. k. Apostol. Majestät, gedichtete und componirte „Jubel-Hymne" allerhöchsten Ortes huldvollst angenommen, und wurde ihm für dessen loyalen und patriotischen Gesinnung der Allerhöchste Dank ausgedrückt." ZSudapell, (Der verwechselte Bräutiga,».) Wie ungarische Blätter zu melden wissen, ereignete sich am 28. October das Wunderbare, dass sich ein Paar bald ewige Treue geschworen hätte, welches sich gar nicht einander kannte. Der Schauplatz dessen war der Tempel in der Tabakgaffe zu Budapest. In Budapest ist es Sitte, dass sämmtliche Trauungen im Tempel vollzogen werden. Da trifft es sich nun, dass an einem Sonntage ziemlich viele Paare sich einfinden, um ihrem Herzensbunde die heilige Weihe zu geben. Selbstredend kann da die Ceremonie nur mechanisch betrieben werden. Und wer einmal Gelegenheit gehabt hat, einen Sonntag im Tempel zu sein, der wird das wunderbare Schauspiel vor sich gehen gesehen haben, wie in einer kurzen Zeit eine erklekliche Anzahl von Trauungen vollzogen wird. Aber noch etwas dürfte er gewahrt haben, und zwar, dass die Synagoge einmal hell erleuchtet ist und demgemäß die Trauung etwas länger währt und bald darauf in einem schrecklichen Dunkel sich präsentirt. Die im Dunkeln zu Trauenden sind selbstredend in der Ueberzahl. So war es auch am genannten Tage. Waren da einige Paare versammelt und harrten der langersehnten Stunde. Die Brautleute werden vor der Trauung von einander getrennt. Die Braut wird in das rechts vom Altar sich befindende Zimmer geleitet, wo der Rabbiner das Bedecken vollzieht, während der Bräutigam in dem links befindlichen Zimmer Platz nimmt und so lange wartet, bis ihn der Diener ruft. Es waren da mehrere solcher Bräutigame anwesend. Der Diener trat ins Zimmer und forderte den Bräutigam auf, ihm zu folgen. Nun wussten aber die Herren im Frack nicht, welcher von ihnen gemeint sei, so ging eben der der Thüre am nächsten Stehende. Mit majestätischem Schritte folgte er dem Diener und nahm seinen Platz unter der Chupah neben der Braut «in. Da die Braut verschleiert war, konnte unser Herr nicht gleich erkennen, ob es seine Herzensgeliebte sei. Der Rabbiner begann mit der Trauungs-Ceremonie. Da streifte der Blick der bereits sich im siebenten Himmel wähnenden Braut den Bräutigam, uud siehe, welches Entsetzen — sie fiel in eine nach allen Regeln gerechte — Ohnmacht. Der Mann, der neben ihr stand, war nicht derjenige, dem sie ewige Treue schwören sollte. Nachdem auch der Herr Bräutigam sich die Ueberzeugung verschaffte, dass auch er nicht an der Seite feiner Herzensgeliebten stand, ließ er sich ruhig ins Bräutigamszimmer zurückexpedieren und der richtige Mann wurde geholt. Vielleicht dürfte der folgende Vorschlag für die Pester Gemeinde in Erwägung zu ziehen sein, um solchen bedauerlichen Vorfällen vorzubeugeu: Jeder Bräutigam und jede Braut erhalte eine Nummer, welche von dem Brautpaare sichtbar zu tragen ist. Hemesvar. Der griechisch-orthodoxe Geistliche Th. Kompianu, ein wüthiger antisemitischer Hetzredner, ist wegen Wechselfälschung und Unterschlagung vom hiesigen Gerichtshöfe zu ll Jahren Zuchthaus verurrheilt werden. Game» (Westfalen). Der Neubau der Synagoge, der bis zur Kuppel fertig war, ist eingestürzt. Menschen wurden nicht verletzt. j^aris. Der französische Kriegsminister hat sechs wegen antisemitischer Treibereien besonders berüchtigte Offiziere der Schule von Fontainebleau zu sich besohlen, ihnen wegen ihres Verhaltens gegen den Haupmtann Coblentz Vorhaltungen gemacht und ihnen eingeschärft, sich bei Strafe aller Agitationen zu enthalten. Neues Synagogenwerk Wir machen die geehrten Cantoren auf das neu erschienene Synagogenwerk .ttvt* nvs* von Obercantor Leop. Rosenzweig in Nagy-Abony, Ungarn, welches von hervorragenden Fachmännern lobend begutachtet wurde, aufmerksam. Das Werk enthält 40 vierstimmige Compositionen und Cantor-Recitative. Der Preis beträgt blos 6 Kronen. _ Heimweh. Erzählung von Eduard Kutte. (37. Fortsetzung.) Marie aber musste nochmals das Versprechen geben; Niederhuber und Brigitte waren nicht früher beruhigt. Sie war auch entschlossen, ihr Versprechen zu halten und wartete ans eine passende Gelegeilheit. Dieie sollte nicht lange ansbleiben. Nannerl tvar bereits im vierten Jahre und die Mutter hatte den Zeitpunkt, da das Kind fähig wurde, von den Dingen der Außenwelt einiges zu erfahren, nicht verabsäumt, die Gedanken desselben auch nach oben, nach dem Himmlischen zu lenken. Sie halte das Mädchen das Kreuz schlagen gelehrt und ihm früh morgens, wenn es erwachte, und abends, wenn es;u Bette ging, das „Vaterunser" und den „englischen Gruß" vorgesagt, wie es jede christliche Mutter thnr, um ihrem Kinde frühzeitig die Ahnungen einer überirdischen Welt und einer übersinnlichen Macht in das Gemüth zu pflanzen. Eben geschah es nun wieder, dass Marie dem Kinde, welches die Hände gefaltet aufrecht im Bette stand, das Nachtgebel Wort für Wort vor sagte urld von dem Kinde jedes Wort nachspreche» lieg, als Josef, der den Kopf in die Hand gestützt am Tische saß, einen leisen Seufzer vernehmen ließ. Wie sollte er nicht seufzen der arme Mann! Wie sollte ihm da nicht wieder die Erinnerung heraussteigeu an jene längst entschwundene; selige Kinderzeit, da er selber vor dem Schlafengehen so im i Bette stand, und seine Mutter ihm das Abendgebet ebenfalls I Wort für Wort vorsagte. Und wie hat doch das Gebet aus! seiner Kinderzeit, welches erquickend von den Lippen seiner Mutter floss, ganz anders geklungen, als diese Worte, die sein liebes Kind da nachsprach, und die ihn so fremdartig berührten, als ob er selber sie niemals noch gesprochen hätte, weit er von ihrem Inhalt ltiemals ernstlich getroffen worden war. Wie klang doch dies Gebet ans seiner goldenen Kinder-;eir? Er hatte es noch im Gedächtnis, freilich könnt er's noch nicht vergessen haben, denn er summte es vor sich hin: Der Engel, der mich erlöset hat von allem Bösen, er segne alle Knaben — — — mich hat er nicht gesegnet! — sprach eine Stimme in seinem Innern, mich hat er verflucht! — und bei diesem Gedanken entrang sich seiner Brust der Seufzer, der von Marien nicht ungehört blieb. Sie beendigte vorerst das Gebet mit dem Kinde, legte es dann, gab ihm noch einen Kuss zur „guten Nacht", trat dann leise hin zu ihrem Manne und.legte ihm die Hand auf die Schulter. Josef! — sagte sie — sag mir doch, was hast Du, das Dich alleweil so traurig macht? Was rvillst Du Marie — erwiderte er — ich bin nun einmal kein lustiger Mensch. Kein lustiger Mensch! Josef! verlang ich denn von Dir, dass Du im Zimmer herumspringen sollst? wärst Du nur gut aufgelegt, nur heiter! (Fortsetzung folgt.)

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