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Die Wahrheit · 1900-11-16 · Heft 42 (16.11.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 42 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 42. Religionsunterricht kann mau die Kinder nicht zu guten Menschen erziehen, aber gute Juden muss man aus ihnen machen. Es werden vielfach Klagen gegen die Religionslehrer erhoben. Diese Klagen gehen jedoch zumeist aus von schlecht erzogenen Kindern und leichtgläubigen Eltern. Namentlich die jüdischen Mütter haben ihre Aufgabe, an der Erziehung der Kinder tbeilzunehmen, bisher nicht richtig erfasst. Redner wendet sich hierauf der Armenpflege zu und verweist darauf, dass bei seinem Eintritte in den Vorstand kein Armendepartement bestand Spital und Siecheuhaus wurden patriarchalisch geführt, die Verleihung der Stiftungen dem 'Zufall überlassen, die Armen ohne jede Controle unterstützt. Das Armenamt, an dessen Creirung er er ebenfalls Antheil genommen, habe diese Uebelstande beseitigt. Bei dieser Gelegenheit verweist Redner auf die unvergänglichen Verdienste des ersten, im Vorjahre verstorbenen Leiters des Armeuamtes Herrn Groß, dem in einer Wählerversammluug vorgeworfen wurde, dais er sich durch sein Amt bereichert habe. Dieser Vorwurf ist im höchsten Grade ungerechtfertigt, denn Älmtsleirer Groß ist als armer Mann gestorben. Nach dem Tode des ersten Amtsleiters wurde gegen das Armenamt Sturm gelaufen; nun habe sich Redner mit einigen Collegen im Vorstande vor das Armenamt gestellt, um es zu schützen, uub der Angriff sei glücklich abgewehrt worden. Um nun wieder am Platze zu fein, wenn das Armenamt bedroht wird, wünscht Dr. Steiner wiedergewählt zu werden, und würde gerne bereit fein, den Rest feiner Kraft der Gemeiltde zu widmen. (Lebhafter Beifall.) I. Vice-Präsident Dr. Stern verweist auf sein vieljähriges öffentliches Wirken in der Cultusgemeinde und in anderen Corporationen, das ja allgemein bekannt ist. Ist die Richtung, die er hiebei einschlug, den Wählern genehm, so mögen sie ihn wiederwählen; werden jedoch seine Anschauungen von denselben nicht getheilt, so würden sie ein großes Unrecht begehen, wenn sie nicht einen Anderen wählten. Er wurde gelegentlich feiner Audienz bei dem Minister-Präsidenten Dr. Koerber persönlich angegriffen, dass er damals rticht als Jude, sondern als Gemeinderalh vorgesprochen habe. Demgegenüber müsse er erklären, dass er nur als Jude vorstellig geworden sei, und tvenn hierüber in der Oeffeutlichkeit anders berichtet wurde, so war es eine Lüge. Eine Richtigstellung dieser Behauptungen habe er zur Zeit nur darum nicht veranlasst, weil er die Ueberzeugung hatte, dass eine Veröffentlichung einen Misserfolg seiner Bestrebungen herbeiführen würde. Es wurde auch über maßlosen Steuerdruck geklagt. Wie könne man aber von einem solchen sprechen, wenn bei 14.000 Steuerträgern 10.000 eine Cultussteuer von 10 fl. und nur 900 mehr als 100 fl. zahlen? Bezüglich der in der „Oesterr. israel. Union" erwähnten Oppositionspartei bemerkt der Redner, dass es im Cultusvorstande wohl Meinungsverschiedenheiten, aber keine organisirte Opposition gäbe. Und wie im Vorstände dürfe auch in der Gemeinde keine Spaltung in Parteien eintreten, wenn der Friede in der Gemeinde, der uns unter den gegenwärtigen, für die Jtldeu so schweren Zeilen überaus noht thut, nicht im höchsten Grade gefährdet werden soll. (Lebhafter Beifall.) Architekt Marmorek kritisirt die Wahlreform, zu deren Vornahme der Vorstand wohl juristisch, aber nicht moralisch berechtigt war. Wenn vorgebracht wurde, dass die Gemeinde Geld braucht und darum gegen höhere Steuerleistungeu den Vornehmen mehr Rechte einräumen musste, so ist dieses Motiv nicht stichhältig. Wenn mau kein Geld habe, müsse man sich nach der Decke strecken. Wo seien übrigens die Vornehmen? In der Versammlung bemerke er keinen einzigen aus dieser Classe. Der Vorstand soll nicht nur administriren, sondern auch social-politisch wirken. Herr Lucian Brunne r erklärt, dass der Vorstand nur religiös administrire und trotz hoher Cultussteuern wenig leiste. Er für seine Person habe nur sehr wenig religiöse Bedürfnisse. An der Hand von aus dem Berichte geschöpften Daten, die vom Vorsitzenden mehrfach, als irrig wiedergegeben, berichtigt werden, kommt der Redner zu dem Schluffe, dass der Religionsunterticht in der Eultusgemeinde — im Verhältnis zum Religionsunterrichte in der Wiener Commune, in welcher gegenwärtig eine stark religiöse Richtung herrscht — zu viel koste, und dass die Cultusgemeinde zu theuer verwalte. Auch sei der vorliegende Bericht in dieser Hinsicht unklar. Es wurde, führt Herr Brunner weiters aus. vom Vorstände au die Wähler appetlirt, den Frieden nicht zu stören. Aber die Wahlreform ist es, die den Frieden untergräbt, zudem erscheinen ihm die Motive derselben nicht ethisch, sie schädigt das Ansehen des Judenthums, da sie das bisher bei uns hochgehaltene Princip der Gleichheit umstößt. Gegen die Steuereiuschätzung werden vielfache Klagen vorgebracht. Das Steuersystem hat keine gerechte Basis, und die gegenwärtige Cultussteuer ist mehr eine willkürliche Brandschatzung als eine gerecht vertheilte Steuer. Der Vorstand soll sich mehr mit socialpolitischen Einrichtungen beschäftigen, und er würde nach dieser Richtung die Centralisation des Armenwesens, Ernennung von Armenräthen in den einzelnen Bezirken, Versicherungen für Altersversorgung und Krankenunterstützung, sowie gegen Arbeitslosigkeit, Errichtung von Arbeitsstätten und ähnliches vorschlageit. Der Redner schließt seine oft von Widerspruch, manchmal auch von Beifall unterbrochenen Ausführungen mit folgenden Woteu: „Mit der Wahlreform wurde ein Zankapfel in die Gemeinde geworfen, der den Frieden stören wird, und die Verantwortung hiefür mögen jene tragen, die den Streit hervorgerufen haben,/ Herrgar. Dr. K o h u stellt sich den Wählern als Candidateu vor. Der Vorstand brauche neue Männer mit neuen Ideen und Thaten, damit die Wiener Judenheit aus ihrer Erstarrung erwache. Die Wahlreform wäre berechtigt, wenn die Cultusgemeinde nur eine Betgenossenschaft wäre. Sie ist aber nicht eine Religionsgenoffenschaft, sondern ein Volkskörper, der den Forderungen des Volkes Rechnung tragen müsse. Wenn die Wähler wünschen, dass in den Vorstand Männer mit neuen Ideen hineinkommen, mögen sie ihn wählen. Cultusvorsteher Dr. Stein entgegnet auf die gegen den Vorstand gerichteten Angriffe bezüglich der Wahlreform und verlheidigt in dieser zunächst das facultative 5 Gulden-Wahlrecht. Er findet es weiter unvereinbar, dass mau die Devise aufstellt „Strecke dich nach der Decke" und gleichzeitig dem Vorstande vorwerfe, dass er nur administrire und nicht socialpolitisch wirke. Zu dieser socialpolitischen Thätigkeit gehört vor Allem Geld. Und weil die Cultusgemeinde mehr Geld für ihre Armen braucht, mussten die Reichen herangezogett werden. Die Theilung in Wahlkörper ist auch nicht gegen die Tradition, sie besteht in vielen anderen jüdischen Gemeinden. Fleischhauer Klein beschwert sich unter lebhaftem Widerspruch der Versammlung über angebliche Ungerechtigkeiten und Vexationeu des Vorstandes gegen die jüdischen Fleischhauer. Der Vorsitzende berichtigt den Vorredner dahin, dass die Verfügungen des Vorstandes nur eine strengere Handhabung der rituellen Vorschriften seitens der Fleischhauer bezweckten. Herr jur. Dr. Schreiber candidirt auf Grund des Programmes der jüdischen Volkspartei und entwickelt dasselbe in analoger Weise wie in der letzten Wählerversammlung der israel. Union. Herr Sigm. S ch i ck l e r spricht unter großer Unruhe über den Religionsunterricht. Cultusvorsteher kais. Rath Pollak will wegen vorgerückter Zeit von einer Candidatenrede abstehen und erklärt, falls ihm die Wähler neuerdings ihr Vertrauen zuwenden, eine Wiederwahl anzunehmen. Während der letzten Reden beginnt der Saal sich allmälig zu leeren, und kais. Rath K li n g er schreitet zum Schluffe der Versammlung. Er dankt den Tbeilitehmeru und hofft, dass die verschiedenen Altregungen auch beim Vorstände Berücksichtigung finden werden.

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