Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1900-11-16 · Heft 42 (16.11.1900) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 42 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063013-3063055--01047-3067605
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 42. das höchste Lob zu spenden vermag. Und siehe da! Der hochverdiente und gerechte Präsident, dem nicht der geringste Makel anhaftet, hat in dieser Sache sich ungeheuer schwach gezeigt, denn er leistete dem „Vice" unbedingte Heerfolge! Das ist ebenso uubegreistich, wie unfassbar. Hat ein Mann, von dem hohen Ansehen, von der eminenten gesellschaftlichen Stellung und dem goldreinen Character der allverehrten Persönlichkeit des Präsidenten es nöthig, sich zum Schleppträger des j Vicepräsidenten herzugeben? . . . Begreife das, wer es zu be-; greifen vermag! Wir gestehen, wir vermögen cs nicht und! hätten dies für undenkbar gehalten.! Wir kennen ein Wahrwort, das da behauptet „Der Klü-! gere gibt nach". Nachdem der Pester Vorstand bekanntlich „klug" i und „weise" ist, sollte er nachgeben, was er aber nicht zu thun! gedenkt. Demnach sollte also die Nachgiebigkeit un'ererseiis er- folgen, doch das geht wiederum nicht, denn erstens wollen wir! in keinem Falle klüger fein, als die Vorsteher cs find, und; dann wollen wir sehen, ob es denn durchaus unmöglich ist, dass das Recht nicht auch beim „D e u t s ch"'scheu Vorstande j siegreich durchzudringen vermag. Die Parole: „Gewalt geht ■ vor Recht!" muss endlich auch beim Vorstande gegenstandlos; werden und das Wort der heiligen Schrift: „Ein Recht für! Alle!" vor Allem vom Cultuschef zu Ehren gebracht, d. h. j beherzigt und befolgt werden. I Hiezu ist leider momentan wenig Aussicht vorhanden,! obgleich der Vice-Präsident im Grunde genommen heute nur j mehr ein Koloss mir thönernen Fügen ist. Zn den unseligen , Zeiten des Spar- und Creditvereines, sowie der Handwerkerbank war dieser Mann in beiden Geldinstituten Vice-Präsident und hat sich da durch die Gewährung von Personalcrediten der kleinen Leute, resp. deren Stimmen bemächtigt und sich so bei der Gemeinde in die Höhe gebracht. Er hat sich stets nur mit den i h m passenden Männern umgeben und immer Diejenigen beseitigt, die ihm nicht zu Willen waren. Doch das hat sich gottlob zum Besseren gewendet. Die beiden Institute haben zu sein ausgehört, und die nächste Gcmeindewahl dürfte Wunder-! dinge zu Tage fördern, da die bis nun gebundenen Kräfte j wieder sreigeworden sind. j Doch bis dahin muffen wir geduldig ausharren, geben j aber den Kampf ums Recht in keinem Falle aus. Wir haben! vom Vorstände nichts verlangt, was ihm ein moralisches oder 1 pekuniäres Opfer kostet. Wir wollten und wollen blos Ge-; rechtigkeit. Nachdem dies leider nicht erreichbar ist, werden wir! uns demnächst wieder an die geehrten Mitglieder der Pester j ifrael. Religionsgemeinde mit einer Brochure: „Der Kampf i um's Recht" wenden und von ihnen Abhilfe fordern . . . . j Also auf Wiedersehn! . . . . D. H. S p i tz e r.! Dr. D. Leimdörfer. Zu seinem 25jährigen Predigerjubiläum. Am 8. November 1900. Aus Hamburg wird uns berichtet: Den Ehrentag des fünfundzwanzigjahrigen Seelsorgerjubiläums begeht morgen der Prediger der hiesigen ifrael. Gemeinde: Herr Dr. D. Leimdörfer, dessen Ruf als Kanzelredner, hervorragender Bibelforscher und Capacität auf wissenschaftlichem Gebiete weit über Hamburgs Grenzen hinaus vom besten Klange ist. Herr Dr. Leimdörfer ist am 17. September 1851 zu Hlinik in Ungarn geboren. Er absolvirte seine akademischen, philosophischen und theologischen Studien an den Hochschulen von Preßburg, Budapest und Wien. Als bevorzugter Schüler der Oberrabbiner von Preßburg und Wien, Sofer und Zellinek f. A., hatte er sich bald einen glänzenden Ruf als Kanzelredner und Bibelforscher erworben, so dass ihn Zellinek als seinen begabtesten Zünger allenthalben empfahl. Der bekannte Dichter Ludwig Aug. Frankl schrieb einmal von Leimdörfers Reden, sie seien „Gedichte in Prosa." Zn den Jahren 1875 bis 1883 fungirte er in Nordhausen und wurde am 1. April 1883 nach Han,bürg berufen, woselbst er als hervorragender Prediger wirkte. Philosophische Geistestiefe, gepaart mit gründlichen Quellenstudien und poetischem Schwung und einer klar und kernig dahinfließenden Diction, unterstützt von einem klangvollen Organ und einem packenden Vortrage, welcher durchweht ist von glühender Begeisterung für die ethischen Ideale der Menschheit — das ist die Physiognomie seiner Rhetorik. Bei seiner strengen orthodoxtraditionellen Lebensweise ist Leimdörfers Standpunkt ein gemäßigt liberaler, innige Religiosität, Toleranz und Frieden erstrebend zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen und Confessioueii. Von hinreißender Wirkung sind insbesondere seine patriotischen Reden, wie z. B. „National und Religiös" zum 100. Geburrstage weil. Wilhelm I., welche auch die Aufmerksamkeit hoher Persönlichkeiten, wie des verstorbenen Altreichskanzlers Fürst Bismarck und des jetzt in China weilenden Generalfeldmarschalls Graf Waldersee erregte. Diese ehrten Leimdörfer durch besondere Anerkennungsschreiben und Letzterer ließ die genannte Rede unter die israelitischen Soldaten des 9. Armeekorps vertheilen. Bei der Feier des 70. Geburtstages des Kaiser Franz Joseph von Oesterreich hielt er eine Festpredigt, die einen tiefen Eindruck' auf alle anwesenden Oesterreicher und Ungarn ausübte und auf Veranlassung der österreichischen Consuln hier in Altona im Druck veröffentlicht wurde. Auch in der Gelehrtenwelt hat sich Leimdörfer als wissenschaftlicher Bibelforscher einen klangvollen Namen erworben. Seine Werke: „Ecclesiastes in historischer Beleuchtung", „Das- Psalterego" mit einem Vorwort von Prof. Dr. Cornill an der evang. theologischen Facultät in Königsberg, „Zur Kritik des Buches Esther", „Die Lösung des Koheleträthsels", Oppert- , Paris gewidmet, seine Vorträge zur Psalmenlitteratur u. s. w.! sind Gegenstand eingehender Studien der deutschen Gelehrtenwelt.! Auf pädagogischem Gebiete hat Leimdörfer gleichfalls eine j rege Thätigkeil entfaltet. Die Entstehung einer Religionschule j in Hamburg ist ihm zu bauten. Zwei Lehrbücher für den Gej schichts- und Religionsunterricht, die mehrere Auflagen erlebten, haben ihn zum Verfasser. Als Mensch haben ihm seine Milde und Friedfertigkeit^ seine Bescheidenheit und vor Allem seine Wohlthätigkeit wohl in allen Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens zahlreiche Freunde erworben. Nur ein trefflicher Mensch kann ein trefflicher Prediger sein. So darf man wohl daran erinnern, dass zur Zeit der Emigration der russischen Inden,' denen der Hambnrgische Staat seinerzeit den Exercierschuppen zum kurzen Aufenthalte einräumte, Herr Dr. Leimdörfer fast jeden Morgen mit seiner Frau sammt Kindern, die Hände voll mit Trank, Speise, Kleidung und Geld bei den unglücklichen Opfern der Verfolgung erschienen. Auf seine Anregung sind von Mde. Furtado-Heine (Paris) viele Arme mit Geldunterstützungen bedacht worden, sind ferner manche humanitäre Institute von Seite seiner Gemeinde subventionirt worden, so z. B. die Hochschule für die Wissenschaft des Zudenthums zu Berlin. Ihm verdankt der „Reichsverband der deutsch.-israel. Lehrer" einen Fonds von 75.000 Mark, welchen eine reiche Hamburger Dame auf seine Fürsprache dem genannten Verbände übergeben hat. Die Litteratursreunde der größten Städte Deutschlands und Oesterreichs haben Leimdörfer zur Abhaltung von wifsenschaftlichen Vorträgen berufen, in fast allen Fachzeitschriften und auch in unserem Blatte sind aus Leimdörfers Feder gelehrte Aufsätze und Arlikel'-erschienen. Seinen Verehrern und seinen nach Tausenden zählenden Schülern dürsten diese wenigen Notizen zweifellos willkommen sein. Gemeinde- und Vereinsbote. Wien, 11. November. An der Casfa der Israel. Cultusgemeindesind in jüngster Zeit folgende Spenden eingelaufen: Von den Herren Gustav und Theodor Redlich als Legat ihres Vaters, des Herrn Moriz, Redlich, für Arme fl. 500.—, als freiwillige Spende derselben für Arme Kr. 1000.—; von Herrn Rudolf Auspitz für die Brigittenauer Schulküche Kr. 200.—; von der Familie S. Eifenberger als Legat des Herrn S. Eisenberger für Arme Kr. 600.—; von Herrn Julius Kohn, anlässlich des Sterbetages seiner Frau Friederike Kohn für Arme Kr. 300.—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.