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Die Wahrheit · 1900-11-09 · Heft 41 (9.11.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 41 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41. Die Wahrheit. Seite 7. ihrem ruchlosen Gange nicht hinderlich sei. „Ich werde dein Hort und dein Schild sein und dein Lohn ein beträchtlicher." So lautet das heilige L>chriftwort. Unser Glaube soll unser Hort bleiben, den wir mnthig und freudenvoll bis auf unseren letzten Tropfen Blutes vertheidigen; unsere Religion muss unser Schild sein, die uns gegen jede Anfeindung schützt, und so wird der göttliche Lohn uns zutheil werden, dass unsere Kinder eben so mnthig, eben so unverdrossen für die Untastbarkeit ihres väterlichen Glaubens einstehen werden, wenn die Antisemitenhorde auch an ihren Leib sich heranwagen wird. Sie werden alsdann sich vollbewusst werden beff 11: dass der Jude mit .seiner Religion steht oder fällt! Der Einstuss der jüdischen Religion ans die anderen Völker im ersten christlichen Zeitalter. Dass das Christenthum den größten Theil nuferes Neli- Hionsschatzes sich zu Eigen gemacht, dass viele Ceremonien. j bereu Ursprung bereits in Vergessenheit gerathen ist, bei den I Ehristen sich eingebürgert haben, bedarf keines besonderen Beweises.! Ihre Feiertage und Gebete sind derart von jüdischen Elementen j saturirt, dass dieselben gar leicht als Bein von unserem Beine! und. Fleisch vom unserem Fleische zu erkennen sind. Freilich, mit j den Jahren, als der Abstand beider Religionen ein immer größerer! ivurde, musste so Manches, das an das Judenlhum gemahnte,! eliminirt werden und an dessen Stelle richteten sich Bräuche und | Sitten ein, die geradezu der jüdischen Religion Hohn sprachen. | Der christliche Religionsftifter hatte gar wohl gewusst, welchen j Schatz das Judenthnm birgt, er schöpite aus dem Vollen mtd Derpflanzte diese Schätze durch die Apostel, wenn auch etlvas umgewandelt, in die christliche Welt. So entstand nach und nach die Meinung, dass nur das Christenthum Nächstenliebe predige, weil man unser Schriftthnm neben dem christlichen ganz außer Acht ließ, weil man das Judenthnm perhorresciren musste, wenn nicht anders das Christenlhnm schon in seinem Entstehen allen Halt verlieren sollte. Wie früher das Heidenthum allmälig den jüdischen Gesetzen Heeressolge leistete, wie es trotz der strengen Observanz, die stets im Judenthume herrschte, nach und nach mit den jüdischen Vorschriften sich vertraut machte, so hatte fortab das Christenthnm durch die Aufhissnng seiner Fahne, die ein in die Angell lallender Schimmer und Glanz umgab, das heidnische Volk an sich gerissen, tntb zu diesem Behnfe mussten die übernommenen jüdischen Elemente zugestntzt und mundgerecht gemacht werden. Man verließ daher die Wurzel und suchte Labung in dem Schatten des Zweiges, den unser Baum großgezogen. Was das heidnische Volk bei uns gefunden, ward gar bald vergessen. Die zu unserem Glauben treu hielten, waren! „nüchtern, enthaltsam, bescheiden, sanft, edel, human, ernst, gerecht, hochherzig, wahrheitsliebend, Verächter des Geldes und der Lüste" (Philo, De humanitate II. 405). Eine neue Welt sollte das Alte über den Haufen werfen, die Schranken, in die man bisher eingeengt war, mussten durchbrochen werden; Nnmäßigkeit trat an die Stelle der Nüchternheit, Sanftmuth und Edelsinn wechselte mit Rohheit und Derbheit, Gerechtigkeit machte der ungerechten Verfälschung Platz. Humanität und Hochherzigkeit ivaren aus der Brust geschwunden., die Wahrheitsliebe ging mit ihrem Bettelsack von Haus zu Haus, pochte an die Thore und ^and keinen Einlass, Lüsternheit und Geldgier waren das einzige Ziel, dem man znstrebte. Diese falschen Begriffe hatten das Heidenthum mehr angelockt, als das strenge jüdische Sitiengesetz, und weil die Mission zu fürchten glaubte, dass der jüdische Glaube in späteren Jahren die Gemüther doch in Erregung bringen werde, wurde darauf hingearbeit, dem Judenthume allerlei Verkehrtheiten und Laster zuzuschreiben. So stellte man den Juden als roh, Hab- und geldgierig hin. dem jedes menschliche Fühlen fremd ist, der außer sich kein Wesen liebt und Hass, und Verfolgung hefteten sich.an seine Ferse. Und noch bis zum heutigen Tage hat die Drachenbrut nicht aufgehört, gegen das Judenthnm mit falschen Anklagen hervorzntreten und dasselbe mit Unglimpf und Schmach zu bewerfen, denn die Niedertracht ist bei ihrem scheußlichen Handwerke erfinderisch. Anstatt, wie in den Anfängen des Christenthums, unsere heiligen Schrifren zu achten und hoch zu schätzen, wird denselben der größte Unsinn und Wahnwitz der Btulbeschnldignng unterschoben. Unsere Gesetze haben auch bei anderen Menschen immer die Begierde zur Nachahnnng eingeflößt, so har die Sabbathruhe schon in den frühesten Zeiten Nachahmung gefunden. (Bgl. Josefus contra Ap. II. 38.) Und noch bis ans den heutigen Tag ist der ganze christliche Gottesdienst aus jüdischen Lehrsätzen aufgebaut, und wenn das Judenthnm solche ruchbare und scheußliche Normen, wie der Ritualmord es ist, vorschreiben würde, wie hätte das Christenthum die Quadersteine zum seinem festgefügten Baue aus unserer Mitte geholt? Früher, als die Wahrheit ohne Panzer und Schirm einherging, als sie die alleinige Beherrscherin des menschlichen Sinnelis ttud Trachtens war, hat man sich nicht gescheut, das Gute und Edle dort zu holen, wo es leicht vorznfinden war; doch jetzt, da Rachsucht und Lieblosigkeit die Sinne gefangen halten, wird dem Gtlten der gröbste Unsinn aufs Kerbholz geschrieben. Und so sind die zerstörenden Geister aus ihrem Verstecke hervorgekrochen und verpesten die Luft, die Seelen der Besserdenkenden. Als noch nitsere Religion die Führerin der Völker war, als sie noch die Fackel der Aufklärung vorantrllg, als man noch an ihren Strahlen sich wärmte, halte das Jndenlhllm unterderartigen Lieblosigkeiten nicht zu dulden; obgleich der Hass gegen unseren Glauben tlnd dessen Bekenner uralt ist, doch derartigen Wahnwitz, wie er jetzt gang und gebe ist, wagte man nicht uns ins Gesicht zu schleudern. Und ein wenig sind auch unsere Juden daran schuld, dass der Aberglaube des Ritualmoroes wieder überhand nimmt. Die Assimilation, der zuliebe man sein ganzes Judenthnm geopfert, hat nicht wellig dazu beigeträgen, 'dass der Hass der Andersgläubigen sich erst recht gegen uris Luft machte, denn sie sehen es als eine Usurpation an, wenn der Jude in Rang und Ansehen den Christen gleichkommen wolle. Freilich, wo Sittenreinheit und Nächstenliebe aus dem Register gestrichen werden, kann die Beschuldigung des Ritnalmordes das Gewissen nicht rühren, denn wo der Ernst mangelt, kommt die rohe Gesinnung zum Durchbruche. Diese düsteren Schatten, die allenthalben unseren Horizont verfinstern, müssten uns genugsam belehren, dass wir unser eigenes Heim zu wahren haben, wenn nicht anders das Judeulhum in allen Fugen krachen soll. Nicht fremde Hürden aufsllchen, sondern mit Leib und Seele für seinen Glauben einzusteheu, das ist die Aufgabe des jetzigen Judenthums. Wozu sich der Schmach anssetzen, die der Koran in der 62. Snra uns so treffend vor Augen hält: „Oie, welche mit der Thora beladen worden sind, sie aber nicht tragen wollen, gleichen einem mit Büchern beladenen Esel." Möge uns die Thora unseren düsteren Weg beleuchten, möge sie uiifei* Schutz und Schirm fein und der einstige Einfluss unserer erhabenen Religion wird auch in Hinkunft sein Dämmerlicht verbreiten, auf dass es in beu Köpfen unserer Hasser hell und und heller werde! D u n a f ü l d v a r. Rabbiner Dr. Samuel P a r t o s. Vorstand der israelischen Cultusgemeinde in Wien. . . EINLADUNG Wähler-Versammlung der Mitglieder der israelitischen ßnltnsgemeinde Mittwoch, den 14. November 1900 Äbend3 6 Uhr ' im kleinen Musikvereinssaale I., Künstlergasse 3. Wien, 20. November 1900 Der Verstand. Der Eintritt in die Wähler Versammlung ist nur gegen Vorweisung der Wahllegitimation zulässig.

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