Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 41 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-ungar. Kantoren-Ieitung. Nr. 41. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Zimou Diamant. Das Veilchen, das im Verborgenen blüht, duftet nicht weniger als die Blume, die auf sotiniger Höhe durch Wohlgeruch und Farbenpracht Sinn und Auge ergötzt. Dasselbe Verhältnis finden wir auch beim Menschen. Wird der Mensch in eine Sphäre versetzt, wo er seine Fähigkeiten entwickeln kann, wo seine geistigen Anlagen zur vollkommenen Geltung gelangen, dann leuchtet er weithin und wird eine Berühmtheit. Aber nur allzu oft kommen Menschen, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigen, trotz hervorragender Talente und besonderer Geistesgaben, durch Verkettung unerquicklicher Umstände und Verhältnifie, mögen sie auch zu den schönsten Hoffnungen berechtigen, nicht zu Ruf und Geltung. Bei dem Kampfe ums tägliche Brot, das er für sich und die Seinen erwerben muss, wird der Mensch, der Noth gehorchend, förmlich zum Tragthiere und findet keine Gelegenheit, die Geistesanlagen, die in ihm schlummern, zu entfalten. In die Kategorie dieser Personen gehörte der pensionirte Cantor und Oberlehrer der Austerlitzer Gemeinde, Simon Diam aut, der am 28. October zu Grabe getragen wurde. Von der Statur mit hervorragenden Eigenschaften des Geistes begabt, war es ihm nicht beschieden, in großen Kreisen zu wirken, und er glich dem Veilchen, das im Verborgenen blüht; aber Alle, die ihn näher kannten, wussten seinen Werth zu schätzen, und nicht gering war die Zahl seiner Bewunderer. Schon frühzeitig kam Diamant zu dem berühmten Rabbiner Beer Oppenheim nach Eibenschitz, dessen Lieblingsschüler er bald wurde, und der den jungen, hoffnungsvollen Bocher so lieb gewann, dass er ihm ohne Bedenken seine Lieblingsenkelin zur Frau gab, die mit dem Gatten bis an fein Lebensende ein glückliches Familienleben führte. Durch einer Reihe von Jahren wirkte Diamant als Lehrer in der altehrwürdigen Gemeinde Damboritz, von da wurde derselbe als Oberlehrer nach Austerlitz berufen, wo er, nachdem Cantor Herrman Krampflieek Ende der sechziger Jahre sich zur Ruhe setzte, neben Braudweiner auch als Canor wirkte. Hier hatte er Gelegenheit sich zu entfalten, und da lieferte er den Beweis, dass man nicht der Neuschule entwachsen sein muss, um das geistige Niveau der dem Lehrer anvertrauten Jugend zu heben und in derselben das Interesse für den Lehrstoff zu wecken. Und wahrlich nicht gering ist die Zahl seiner Schüler, die heute hervorragende Stellungen eiunehmen und sich mit innigem Dankgefühl ihres Lehrers Diamant erinnern, der mit seiner Unterrichtsmethode den Grund zu ihrer spateren Carriere legte. Mit seinem phänomenalen Gedächtnisse behielt Diamant das einmal Gelesene oder Gehörte für immer; man konnte ihm welche Frage immer, sei es in der deutschen oder hebräischen Litteratur vorlegen, er wusste überall Bescheid und erläuterte den Stoff mit allen Einzelheiten. Bon Natur aus mit großer Rednergabe ansgestattet, verstand er es, durch den logischen Ausbau seiner feinst pointirten Reden die Zuhörer zu fesseln, und immer fand er den Ton, der zum Herzen führt. Als besonderer Freund des Synagogengesanges wusste er, obwohl er weder Sänger war noch musikalische Kenntnisse hatte, dennoch die traditionellen Weisen sinn- und wortgetreu wiederzugeben, und infolge seines großen hebräischen Wissens, sowie der gründlichen Kenntnis der hebräischen Grammatik, verstand er die Sätze so genau zu pointiren, dass man ihn für einen hervorragenden Chasan halten konnte. Besonders reich war seine Kenntnis der alten traditionellen Gesänge, und ich verdanke ihm so manche Piece, die ich dankbar meiner Sammlung Einverleibte. Man konnte ihn um zwölf Uhr Raches aufwecken und ihn fragen, wie geht dieser oder jener Pismon, oder wie wird Dieses oder Jenes gemacht, und ohne viel nachzudenken, hatte er die betreffende Melodie bereit. Mit seiner angenehmen Baritonstimme wusste er auch die Bedeutung des Wortes zur vollen Geltung zu bringen. Man musste Simon Diamant in seinen Mannesjahren, vor zehn bis fünfzehn Jahren gekannt und gehört haben, um seinen ganzen Werth als Cantor und und Redner würdigen zu können. Seine Reden und sein Vortrag waren ein Labsal für Alle, ein eigener Zauber lag darin. Wenn auch unser collegialer Verkehr durch manche Meinungsverschiedenheit getrübt wurde, die ihren Grund in der allzufreien Auffassung Diamants über das religiöse Pflichtenleben hatte, so bildeten sich die Gegensätze doch niemals zu einer unüberbrückbaren Kluft aus, und auf beiden Seiten war das Verlangen nach einem gegenseitigen Meinungs- und Ideenaustausche gleich groß. Und fürwahr, ich muss es gestehen, dass ich von dem Verstorbenen und durch ihn manche Anregung erhielt, die mir ebenso in Ausübung meines Amtes als Cantor, wie in meiner anderen Thätigkeit sehr zu statten kam. Das plötzliche Hinscheiden Simon Diamants erweckte in- und außerhalb der Gemeinde Austerlitz tiefes Mitgefühl, da er in den weitesten Kreisen infolge seiner hervorragenden Geistesgaben geachtet war. Der litterarische Nachlass des Verstorbenen ist nicht gering und dürste so manches schätzenswerthe Material für die jüdische Geschichte enthalten; denn er war ein gar eifriger Sammler und als solcher brkannt. Vielleicht wird dieser Nachlass von seinen Verwandten, der Oppenheimischen Familie, gesichtet und der Nachwelt aufbewahrt werden. Schön. Gemeinde- und Deremsbote. Wien. Aus der Plenarsitzung des C u l t u s- Vorstandes, vom 4. November 1900 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. R a t h H. Kli n g e r- Beginn 10 Uhr Vormittags. Als eingelangte Spende wird bekanntgegeben der vou Herrn Adolf Winterberg als Ergebnis einer Sammlung für jüdische Waisenknaben erlegte Betrag von 80 Kr. Im Einlaufe gelangen zur Verlesung mehrere Zuschriften von Bethausvereinen mit der Mittheilung, dass im Sinne des Ersuchens des Cnltusvorstandes die Kanzleilocalitäteit für die bei den bevorstehenden Neu- und Ergänzungswahleu in den Cultusvorstand amtirenden Commissionen zur Verfügung gestellt werden. Herr Dr. Maximilian Steiner urgirt die Durchführung, des Plenarbeschluffes betreffend die Abänderung der Concursmodalitäten der Dr. Adolf Sacks'schen.Stiftung für Herz- und Aortakranke. Der Obmann der Y, Section, erster Vice-Präsident Herr' Dr. A. Stern, macht in längerer Auseinandersetzung rücksichtlich dieser Angelegenheit eine Reihe von Bedenken geltend und beantragt die Reassumirung des citirten Plenarbeschlusses. Nach eingehender Debatte, an welcher sich der Antragsteller Herr Dr. Stern, ferner die Herren Dr. Steiner, Regierungsrath Dr. Steger, Dr. Berger, Docent Dr. Grünfeld und Baurath von Goldschmidt betheiligen, wild im Sinn der Ausführungen des Herrn ersten Vice-Präsidenten Dr. Stern und in Reassumirung des Plenarbeschluffes vom 19. Juli l. I. beschlossen, die bisherigen Cocursmodalitäten rücksichtlich deo Dr. Adolf Sacks'schen Stiftung für Herz- und Aortakranke beizubehalten. Herr Architekt Fleischer referirt namens der I. Section.