Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 41 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 41. the handelte, solchen Vereinen keine Subvention zu gewähren, welche mir ihre Wohlthaten auch jüdischen Kindern zuwenden, sei Redner bot zum Sttatthalter gegangen. fül Sigmund Mayer: Dr. Sieger hat als Vertheidiger gesprochen, er hat sich vertheidigt, obwohl ihn keiner anklagte. Si Haben doch er und kais. Rath Pollak sich als Oppotionsmänner letz bekannt! In den Sitzungsprotocollen der Cultusgemeinde finde der ich aber unter den Abwesenden stets Herrn Dr. Sieger. (Dr. in Sieger: Wir bekommen als Opposition keine Referate!) Was wi die Verthcrdigung des Vorstandes betrifft, so habe ich im Borde, stände der Union stets den Standpunkt vertreten, nicht an den öri Cultuswahlen zu rühren, da der Cultusvorstand eine administrative na Körperschaft ist. - Uhatfachkiche Berichtigungen. Dr. Rappoport betont zur thatsächlichen Berichtigung, dass jene in Angelegenheit des Lehrelends entsandte Depntatioit mit dem Vorstande als solchem nichts zu thun hatte, sei - Director Simon erklärt das Vorgehen des Vorstandes na damit, dass man die jüdischen Lehrer — etwa 8 — nicht von TI der Rückwand scheiden wollte, die durch die sogenannten „Jungen" de der Wiener Lehrer, deren Zahl 1600 beträgt, gebildet werde. S Eine Action zu Gunsten der jüdischen Lehrer wäre ein Schlag ins Wasser gewesen. ge - Kais. Rath Wilhelm Pollak bemerkt gegenüber Herrn th,-Mayer, man dürfe nicht die Thatigkeit eines Cultusvorstehers su aus den in den jüdischen Blättern erscheinenden Protocollen ftc benrtheilen. Man muffe die nichtöffentlichenSitzungen berücksichtigen, S um ein ganzes Bild solcher Thätigkeit zu gewinnen, je;. Dr. Ascher berichtigte gegenüber Director Simon, die di> Zahl der jüdischen Unterlehrer und Lehrerinnen betrage das br Sechsdis Siebenfache der von demselben genannten Zahl. Es Ei gebe darunter solche, die nach 16jähriger Dienstzeit ohne Beförsa dernng blieben. pr Präsident Ruzicka stellt den Antrag, die Fortsetzung der Debatte und den zweiten Punkt der Tagesordnung auf den cu nächsten Samstag zu vertagen. Es müsse aber ein anderer Ton sic in die Debatte kommen: Man habe von einzelnen Herren Worte R gehört, die die ganze Wirksamkeit der Union nur beeinträchtigen de können. Diese Bemerkung, welche besonders an die Adresse des al Herrn Architekten Marmorek gerichtet war, gab dem Letzteren ftc Anlass zu heftigem und leidenschaftlichem Widerspruch. Es ent- T ' stand eine peinlich erregte Scene, die aber bald durch einige ai concilianter gehaltene Worte des Präsidenten Ruzicka beige gelegt wurde. Der Antrag auf Schluss der Sitzung wird angenommen u» und die Fortsetzung für S a in st a g. den 10. November gc I960, Abends 8 Uhr, vertagt. Schluss 11 Uhr Abends, gi _ B Antisemitismus hüben und drüben. Wir Juden, das einst auserwählte Volk Gottes, haben zn ö£ jeder Zeit ein harten Kampf zu bestehen gehabt gegen äußere Anfeindüngeu, aber noch mehr gegen die innere Zersetzung, die E sich immer und überall an die Bildfläche wagte, so wir ein 01 ’ wenig vorr den schweren Unfällen ausruhen wollten, die uns ® das böse Geschick so oft und so unheilschwer zugefügt. In neuester l5 Zeit macht wieder hier in Ungarn der Antisemitismus viel von sich reden. Obgleich er in schwarzer Kutte einherstolzirt und bei E dem besonnenen Theile des ungarischen Volkes nicht immer beit gewünschten und erwarteten Anklang findet, hat er sich doch 01 unvermerkt gleich einem stächlichen Dorn ins Fleisch gebohrt, fr der umsomehr schmerzt, als er, wenn er einmal sich fest eingenistet, nicht so leicht zu entfernen ist. Die Volkspartei, die angeblich das Banner der antlsemi- 5^ tischen Partei entriffen hat, schwingt dasselbe hoch und höher und will nichts anderes bezwecken, als den Juden aus allen Positionen, die er durch Mühe, Fleiß und redliche Arbeit er- T1 nuigen, mit Bauernwuth herauszuschlagen, und da ist ihr jedes u Mittel heilig genug, wenn es nur zum gewünschten -Ziele führt. j Da hatten sie neulich versucht , im »Königsteig" die Heilslehre zu verkünden, haben aber dort eine derartige Schlappe erlitten, die ihnen wohl lauge noch erinnerlich bleiben wird. Der Dorfrichter selbst, ein einfacher, aber intelligenter Bauer, musste die Profeten belehren, dass es doch nicht angehe, ein ruhiges, an Arbeit gewöhntes Volk gegen Andersgläubige zu Hetzen, die nichts anderes verschuldet haben, als dass'sie die Ersten waren, welche die Einheit Gottes anerkannten, die ein heiliges Buch ihr Eigen nennen, aus dem alle anderen Religionen geschöpft, die auf Ahnen Hinweisen, auf die die ganze civilifirte Welt mit Stolz blickt, die Profeten und Sänger erzeugten, deren Sprüche überall heilig gehalten werden. Diese Worte fielen auf fruchtbaren Boden, und die schwarzen-Apostel mussten den Schauplatz unverrichteter Dinge verlassen. Aber auch im Stillen wird die Hetze gegen die Juden betrieben, wo die Abwehr nicht mehr so leicht von Statten geht. Die Feier der hundertjährigen Wiederkehr des Todes des großen Dichters Vörösmarty, sollte im Nationaltheater in Budapest mit einem Stücke begangen werden, das der juuge tälentirte Dichter Emil Mar ai eigens zu diesem Zwecke geschrieben, und das jeder Kundige als ausgezeichnetes Stück rühmte. Mit einemmale wird in Tagesblätteru verlautbart, dass dieses Stück zur Aufführung nicht gelangen kann, weil in demselben Reminiscenceu aus der Jugendzeit des Dichters Vorkommen, gegen welche die Erben Einsprache erhoben, unter denen auch der Ministerpräsident sein soll. Dies ist die angebliche Ursache, doch im Hinterhalte lauert eine andere Schlange, die ihr Gift bereit hielt, um dort zu verwunde», wo mau gar -leicht verwundbar ist. Die Feierlichkeit hätte nach dem Urtheile der Antifemitenliga eine Einbuße erlitten, wenn man den großen Dichter mit einem Stücke verheimlichte, das - aus der Feder eines Juden geflossen, der noch dazu jung au Jahren ist. So wird die Minirarbeit fortgesetzt und dabei trieft alles von Liberalismus, wenn istau sie reden hört. . ' /' Schlägt uns der Antisemitismus von Außen gar tiefe Wunden, so lauert im Innersten eine garstige Natter, die sich gar schwer um unseren Nacken zu ßschlingen droht, Und dabei will man sich die Hände in'Unschuld waschen, als 'hätte man eigentlich gar^nichts Arges im Auge. In Ungarn wi ll einmal jeder Schulmeister sein, und da soll der häufigen Klage über Ueberbürdnng der Schuljugend so abgeholfen werden, dass man vorerst den Religionsunterricht ein wenig zustutzt. Wozu die Schüler mit Hebräischlesen abquälen, wozu sie ln der Bibel unterrichte», deren Sprache ihnen unverständlich ist? Wenn das Kind die jüdische Geschichte in der Nationalsprache inue hat, ist der Religion genug gethan, ein Sonstiges oder Mehr ist nur Quälerei, die der Einsichtige meiden wird. Auf diese Weise raisonnirte der Schulstuhl in Budapest, und wenn ihm nicht bei Zeiten von der jüdischen Gemeinde ein energisches Halt zugerufen worden wäre, so hätte man die Kunst, der Ueberbürdnng abzuhelfen, beim Schmälern des Religionsunterrichtes begonnen. Doch Gott Lob, die jüdischen Gemeinden stehen Wache bei den Thoren, in die Fremdlinge ohne Maß und Ansehen eindriugen wollen. Und die Budapester Muttergeweinde hat auch ihr Veto gegeben, dass über den Religionsunterricht allein und ausschließlich die aus ihrer Mitte erwählte Commission das maßgebende Wort führt, und was diese für gut befunden und zum Beschlüsse gebracht, das bleibt als Norm.für den Religionsunterricht der jüdischen Kinder. . . / Mit je mächtigeren Waffen gegen uns gekämpft wird, eine umso größere Energie müssen wir entfalten, um das heilige Erbe aus unseren Händen nicht fahren zu lassen. Mau muss doch endlich eiusehen, dass nicht der Jude als solcher den Hass erzeugt, sondern vielmehr seine erhabene Religion, die einzig und allein mit ihren Moralgesetzen uns Kraft und Sittenreinheit verliehen, uw die sie, die Antisemiteuliga, uns gar neidisch sind. Anstatt, wie erleuchtete Christen oft hingewiesen, uns ans dein, selben Wege zu folgen, dieselben Sitten und Bräuche uns abzulauschen und für sich nutzbar zu machen, wollen sie das Gute und Edle mit Stumps und Stiel ausrotten, auf dass es ihnen in