Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1900-11-09 · Heft 41 (9.11.1900) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 41 (9.11.1900)
Date
1900-11-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063013-3063054--01037-3067594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die Wahrheit. Seite 5. Nr. 41. Aas allmächtige Wayleomit^. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Elias bedauert, dass! seinerzeit kein Einfluss auf das Wahlstatut geübt wurde. Nun aber bestehe die Wahlreform in Kraft und man müsse abwarten, ob die Hoffnungen des Cultusvorstandes, die jüdischen Grüßen zur Antheilnahme an den Cultusgeschäften heranzuziehen, sich erfüllen werden. Die an dem Vorstande geübte Kritik mag zum! Theil berechtigt sein; gewiss sei aber, dass viele Vorstände Zeit, Geld und Mühe im Dienste ihres Amles opferten. Was die Cultuswahlen betreffe, so würden, was immer die „Union", der Politische Volksverein, der Jüdische Volksverein rc. beschließen, ja doch die Männer gewählt werden, die von dem im Schoße des Vorstandes bestehenden Wahlcomitv dazu bestimmt werden. Bisher wurden immer zwei bis drei Männer ihrer aufreibenden Thätigkeit willen gewählt, die anderen kamen aus der privilegirten Classe. Das wird jetzt nicht viel anders sein. Cultusvorsteher Director Simon erinnert daran, dass auch in der „Union" die Ansichten über die Wahlreform getheilt waren, und hätte die Minorität im Vorstande eine wirksamere Unterstützung seitens der „Union" gefunden, so wäre die Wahlreform in ihrer jetzigen Gestalt nichl durchgedrungen. Präsident stellt die Frage, ob der Bericht des Vorstandes genehmigend zur Keuntilis genommen wird. — Die eingeleitete Abstimmung ergibt einstimmige Annahme. V i c e p r L s i d e n t Professor Dr. E h r m a n u über - nimmt den Vorsitz und leitet die weitere Verhandlung, Leichendiener als Wohttßäler. Herr Kanitz vertheidigt das Armenwesen der Cultusgemeinde. Man tadle die zu straffe Centralisation.-»Um den diesbezüglichen Wünschen eutgegenzukommen, sei im Statut die Bilj düng von Bezirkscomitvs vorgesehen worden. In denselben werden j Bezirksvorstände, Armenräthe, Mitglieder der Chewra-Kadischa und! Lehrer Platz chaben. Dass die Leichendiener Trinkgelder bean-! spruchen, sei zwar eine Unsitte, die der Vorstand selber in ein- > zelnen Fällen gerügt hat. Anderseits komme es aber auch vor, dass die Leichendiener unter sich Geld sammeln, um es unterj stützungsbedürftigen Hinterbliebenen einzuhändigen. Gegenüber Herrn Markus betont der Redner, dass gerade in jenen Kreisen, deren Ritus Herrn Markus nicht gefalle, die Stützen des zukünftigen Judenthums großgezogen tverden. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Adolf S k r e i n ermahnt, gegen die Cultusvorsteher, denen ihre Würde oft genug eine schwere Bürde bedeutet, . nicht undankbar zu sein. Man solle zuerst die Candidalen anhören. Redner beantragt Schluss der Debatte. Der Antrag auf Schluss der Debatte wird angenommen. Es sind noch mehrere Redner vorgemerkt. Schluss der Aevatte. Kaiserlicher Rath R u z i c k a : Einzelne der gegen die Thätigkeit des Vorstandes und die Einrichtungen der Gemeinde vorgebrachten Einwendungen mögen berechtigt sein. Es ist aber nicht unsere Ausgabe, allgemeine Beschuldigungen zu erheben, sondern concrete Thatsachen vorzuführen. Der Vorstand weiß selber, dass Vieles verbesfernngsfähig ist, und hat z. B. oft genug den Wunsch geäußert, dass das jetzige Sectionswesen aufgehoben werde, weil, wie mir versichert wird, mitunter Actenstücke monatelang in einzelnen Händen eingesperrt und unerledigt liegen bleiben. Wenn Dr. Elias behauptet, es werden nur Diejenigen gewählt, die dem Vorstande genehm sind, so geht er mit dieser Behauptung zu weit. Ich glaube nichl an die Existenz eines Wahlcomitös im Vorstande. Sollte es aber im Geheimen bestehen, dann hätte es meines Erachtens alle Ursache, mit den Corporationen, in denen die jüdische Bevölkerung sich zumeist vorfinde, in Fühlung zu treten, da die Einzelagitation nicht . seine Aufgabe sein dürfte. Wir können mit dem Vorstande der . Gemeinde Hand in Hand gehen, wenn er auf die hier geäußerten Wünsche und Beschwerden eingeht. Und er wiro auch darauf gewiss eingehen, wenn diese Wünsche in maßvoller, vornehmer Form auftreten. — Es sind bekanntlich 12 Mitglieder auf Grundlage des Pluralsystems zu wählen, 9 nach dem alten System. Wir haben nicht Ursache, blos die 9 ins Ange zu fassen. Die ..Union" ist vielmehr geeignet, auf jene Mehrheit Einfluss zu üben, aus welcher die anderen Candidalen hervorgehen. Hi« Ausgekosler. Kaiserlicher Rath Wilhelm P o l l a k will als einziger Anwesender von den ausgelosten Mitgliedern des Vorstandes viele von den angegriffenen Einrichtungen der Gemeinde in Schutz nehmen und bedauert, dies nicht mit voller Warme thuu zu können. Der Vorstand war jahrzehntelang blos eine ahmi-! nistrative Körperschaft, die Neuerungen nicht leicht zugänglich war.! Auf den jetzigen Präsidenten dürfen wir stolz sein; er könnte,! wenn er die nöthige Unterstützllng fände, Gewaltiges leisten. Das! neue Statut ist ein Wechselbalg. Ich habe mich stets da »irr einj gesetzt, dass das Wahlsystem in einer praktischeren Weise geändert! werde, in einer solchen nämlich, durch die die straffe Centrali-; intiou aufgehoben wird. Bort der Seiteustettengasse aus hat man! für die Bedürfnisse der Brigittenau nicht den richtigen Blick. : Ich dachte daher an bezirksweise Durchführung der Wahlen,! damit die einzelnen Bezirksvorstände die Juteressen ihres Bezirkes! im Vorstande vertreten mögen. Man hat sich aber gegen das ' Drei-Wahlkörper-System aufgelehnt, jetzt hat mau das schlechtere.! Ich bin stets für die Fünfgulden Männer eingetreten, weil in! diesen Schichten der Nachwuchs des Jndeuthums zu finden ist.! Als Mitglied der Friedhof-Section kann ich bestätigen, dass auf j diesem Gebiete der Verwaltung wirklich vieles reformbedürftig 1 ist. Es ist auch das lebhafteste Bestreben des jetzigen Vorstandes, hierin Wandel zu schaffen und zum Beispiel es zu verhindern, dass die sociale Ungleichheit selbst im Tode, selbst auf dem Gottesacker noch fortdauere. Ich habe es, schließt der Redner, als Oppositionsmann im Vorstand zu keinem bedeutenden Einfluss gebracht und bin oft überstimmt worden. Redner erklärt, sein Mandat den Wählern zur Verfügung zu stellen. Ankläger und AertheMtzer Architect Oskar Marmorek ergeht sich in einer sehr abfälligen Kritik der Wahlreform und macht dem Cultusvorstande zum Borwurfe, dass er die Gemeinde an die Nachkommen jener Familien ausliefern wolle, von denen ein großer Theil vom Judenthum abgefallen ist. Insbesondere tadelt der Redner die Art, wie die Interessen der Judeuheit nach Außen vertreten! werden. Der Vorstand verstehe es nicht, die moralische Führung I der 130.000 Jude,» Wiens zu übernehmen. Die papierenen Proi teste nützen nichts. Redner erinnert an die Anwesenheit der rumänischen Juden in Wien und fragt, warum der Vorstand so kurze Zeit vor den Wahlen noch keine Versammlung einberufeu habe. Regierungsrath Dr. Sieger tritt dem Vorredner entgegen. Derselbe hält nichts von papiernen Protesten. Solange wir Juden uns als Staatsbürger fühlen, bleibt uns aber, d» wir nicht die Macht haben, nichts anderes übrig, als das richtige | Wort zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. Ist dieses Wort! gesprochen worden, oder nicht? — Redner erinnert an die! Monftre-Protestversammlung, in der Oberrabbiner Dr. Güde-! mann und er in kräftigen Worten der BlutmärchenAgitatio« entgegengetreten seien. Hiebei macht Dr. Steger die interessante Mittheilung, dass unsere sogenannten „Großen" auf ihn einzuwirken suchten, dass er bei der Protestoersammluug im Mnsikvereinssaale nicht sprechen möge. Er habe sich trotzdem nicht abhalten lassen, das zu thnn, was ihm als seine Pflicht erschien. Als weiters der jüdische Volksverein sich an den Vorstand mit dem Ersuchen wandte, in Angelegenheit der jüdischen Uuterlehrer bei den Behörden zu iuterveniren, habe er und kais. Rath Pollak, nachdem der Vorstand das Ersuchen abgelehnt, sich dem vom jüdischen Volksverein eingesetzten Cornite angeschlossen. In einem dritten Falle, als es sich um einen Beschluss der Commune

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.