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Die Wahrheit · 1900-11-02 · Heft 40 (2.11.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 40 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40. Die Wahrheit. Seite 5. Wort nicht entheiligen (oder nicht gleichgültig behandeln. Vgl. Litre eä. Friedmann S. 56); alles was aus seinem Munde hervorgeht, soll er halten." Dass in dieser Stelle das Wort „Schwur" nicht „Eid" bedeutet, sondern nur ein „feierliches Gelüde," das man sich selbst auferlegt, ist wohl für jeden Denkenden klar. Auf diese Stelle bezieht sich das Kol nidre, wo es ebenfalls ausdrücklich heißt: „Alle Gelübde und Schwüre (deossarno 3.1 nafschossono), wodurch wir einzig und allein uns selbst gebunden." Wer nicht mit Blindheit geschlagen ist, der erkennt natürlich ganz klar, dass es sich hier nur um Schwüre handelt, welche Gelübde sind. Wir haben zwar im Deutschen das Zeitwort „sich etwas verschwören," ein entsprechendes Hauptwort aber haben wir nicht; und würde jemand so ungeschickt sein, etwa „schebuaus“ mit „Verschwörungen" zu übersetzen, so sollte es mich nicht Wunder nehmen, wenn antisemitische Blätter die Juden für „Anarchisten" erklären, die am Kol nidre beten, ihre Verschwörungen sollen keine Verschwörungen sein. Selbstverständlich sind aber auch unter den Gelübden nur solche gemeint, welche wir im größten Seelenschmerze (etwa: „nie an einer Freudenfeier theilzunehmeu") oder im Affecte („mit unserem Nebenmenschen, der uns beleidigt, kein Wort zu reden") ausgesprochen. Das Koi nidre soll demnach Gelegenheit geben nicht, nur unüberlegte, sondern auch unedle Gelübde aufzulösen. Dass gerade der Talmud das Auflösen der Gelübde nicht leicht nahm, beweist die Einrichtung, die unter dem Namen „hatoras nedorim“ bekannt ist, wonach man vor drei gesetzeskundigen Mältners seine tiefe Reue darüber ausznsprechen hat, dass man im Seelenschmerze oder Affecte ein Gelübde ausgesprochen, das unüberlegt oder unedel ist. Der Wortlaut des oben angeführten Gesetzes der Thora : „Er soll sein Wort nicht gleichgiltig behandeln, was ans seinem Munde hervorgeht, soll er thun," sührte eben zu jener peinlichen Gewissenhaftigkeit, die ihren Ausdruck darin fand, dass man selbst ein unübeitegteä oder unedles Gelübde öffentlich bereuen musste. Andere Religionen erklären: Das Gelübde erlischt von selbst, wenn Verhältnisse eingetreten sind, unter welchen die „gelobte Sache so erschwert ist, dass der Gelobende bei Voraussetzung dieser Verkettung der Umstände seine Verpflichtung gewiss nicht darauf ausgedehnt hätte" (vgl. Pruner, Lehrbuch der kathol. Moraltheologie, I. Band, S. 298), die jüdische Religion geht aber noch weiter und verlangt, dass man öffentlich seine Reue über ein derartiges Gelübde erkläre. So ergibt sich, dass das Kol nidre thatsächlich ein Ausdruck der peinlichsten Gewissenhaftigkeit ist. Der geistige Fortschritt der Juden. Wie verächtlich auch unsere Feinde uns behandeln und was immer sie erjimicu mögen, um uns in der öffentlichen Meinung zu erniedrigen, dies teufliche Werk ist ihnen bis heute noch nicht gelungen) und es ist auch gegründete Aussicht vorhanden, dass derartige Ausfälle auch in Zukunft die moralische und geistige Kraft Israels nicht schwächen, geschweige denn ' brechen werden. Nur dürfen wir den geheiligten Boden unseres Glaubens nicht verlassen, wir müssen mit ungewöhnlicher Zähigkeit das von unserelt Ahnen überkommene Kleinod festhalten und es nicht, wie es zuweilen geschieht, leichten Herrens fahren lassen und als ein abgeschlissen.es Gewand zum Kaufe seilbieten. Jnsolänge wir aus unseren Glauben stolz pochend, ihn als Muster allen Völkern hinstellen, dessen Morallehren auch in dem sich aufgeklärt nennenden Zeitalter, in allen consesfionellen Gebieten sich Eingang verschafft haben, insotauge wir selbst unser geistiges und physisches Leben nach diesen Moralgesetzen einrichten, ist auch unsere Zukunft gesichert, unsere festgefügte Einheit nicht so leicht in Stücke zu reißen. Wie die Wellen sich an den Felsen brechen, so müffen die häufigen Anschuldiguitgen uns zur festen Ausdauer und Beharrlichkeit im angestammten Glauben anspornen; nicht, wie es garhäufig zum größten Leidwesen aller Ehrenhaften und Glaubensstarken geschieht, dass das der Gesammtheit zugefügte Leid f» Manchen zum Heros macht — aber zu eiiu-m Heros, der gegen seine Stammesbrüder die Waffe erhebt, die vor gar nicht langer Zeit noch gegen ihn selbst geschwungen wurde. Mit VerachtunK blicken auf dieses Geschmeiß, mit stolzem Mnthe das Panier ergreifen, unerschütterlich kämpfen für seinen Glauben und seine Glaubensgenossen, das ist die Haltung eines von echt jüdischem Geiste durchwehten, von echt sittlichem Drange beseelten Mannes. Wir hattet» hierzulande in letzterer Zeit gar oft die Gelegenheit, den Mannesmuih und den echt jüdischen Glaubenseifer unserer stndirenden Jugend zu bewundern. Mögen Schwarz- A jeher über den Verfall der jüdischen Religion bittere Klagtzß führen, wenn unsere Jugend für die Ehre der Gesammtheit zur | Waffe greift, wenn sie offen eintritt, die Beleidigung, welche Z dem Glanbensstamme zngefngt wurde, ohne Rückhaltslosigkeit z» H - ahnden; wenn sie frei und bei Tageshelle die Fahne des Libe- ' ralismus der schwarzer» Reaction gegenüber aufhisst: dar»,» ist unser HZ Glaube für die Zukunft gesichert, unser Nachwuchs aus kräftigem - - Holze geschnitzt. Die Leidensschule, in welcher Israel seine geistig, Kost erhalten, hat es endlich zum Kämpfer für alles Edle und geistig'Erhabene erzogen und wo diese edlen Geifteskinder bedroht sind, wo ihnen die böse Natter der Reaction hart an den Leibt rückt, stellen sich die wetterfesten, stahlgerüsteten jüdischen Kämpe» in Reih und Glied, ihr Leben in die Schanze schlagend wollen^ sie dem Rechte und der Wahrheit zum Siege verhelfen nud de»- ihnen entrissenen Bode»» mit genießbarer Frucht besäen Die geistige Ueberlegenheit unserer Jugend auf alle», Gebieten des Studiums hat den Antisemitismus auch in dev) Aula der Bndapester Universität getragen und weil dieser Geists seine Elasticität nicht so leicht verliert, weil er auch mit Schimpf- : warten und grobem Wortgeplänkel »licht unterdrückt werden kann^i? haben es einige Kampihähne verstanden, den Stamm in de«^ Wurzel zu untergraben und so den Senat in ihr Fahwasser^j hinüberzuleiten, dass er drei der besten und befähigtesten Hörer s zu religiren glaubte. Doch Dank der Wahrheitsliebe unseres'i; EultusministerS, der die Sache genau zu untersuchen versprach wurden die Religirten rehabilitirt und zur Fortsetzung ihre« j Studien, die Aula ihnen wieder geöffilet. Dieser gewaltige Kampf, der in allen Zeiten gegen uns geführt wird, hat uns mit Erfahrungen aller Art bereichert, die wir in Wirklichkeit endlich uits schon zu Nutze machen müssten, j Bor Allem heißt es, treu an seinem Glauben hangen, die brüderliche Eintracht hegen und pflegen, den Geineinsinn stärken und. in allen Lagen ihn deutlich zeigen; doch andererseits wieder nicht, zu vergessen, dass wir auch für die Nahrung unseres Geistes Sorge tragen müssen, denn hierin fiudeit wir die stärksten Waffen» wenll der Kampf sich erneuert. Wenn wir als glaubensstark^ Juden auch in weltlichen Kenntnissen unser.» Hassern den Ra»» nreilig machen, wenn »vir nicht blos den Talmudfolianten n»H mit Haut und Haaren verschreiben, wenn wir aus der dumpfe» Gelehrtenstube auch in die freie Luft uns begeben, wen»» wir m Kunst und Wissenschaft unsere ersten Mannen zu stellen bestrebt sein werden, dann wird Friedrich Nietzsches Seherwort^ an unHz. sich bewahrheiten: dass wir die Erfinder und Wegweiser dyk i Europäer heißen und nicht mehr deren Scham beleidigen. | Und dass unsere Anlagen uns zu dem geistigen Führ« der Mitmenschen krönen, dass wir überall zu edlem MnsterpH nachahnenswerthem Beispiele dienen, bedarf es keiner allzu großer Anstrengung, denn der Dornenweg, den wir bereits zurückgelegß hat in uns die geistige Saat zur Reife gebracht, wie Nietzsche so trefflich behauptet: „Und wohin soll auch diese Fülle a» gesammelter großer Eindrücke, welche die jüdische Geschichte fit* jede jüdische Familie ansmacht, diese Fülle von Leideuschaste» Tugenden, Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art, wohin soll sie ausströmen, wenn^nicht zuletzt in'großes geistig^ Menschen und Werke? ' Wenn einmal die Zeit herannaht, dass dieser Geist seimD Anerkennung, seine gebührende Würdigung in allen Krei findet, wenn diese himmlische Gabe zum Gemeinnutz der ganzchM Menschheit geworden, wenn also Hass und Neid dadurch niM^

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