Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 40 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Wahrheit. Nr. 39. Ob sich unsere Kunstsudeu den Schimpf anthun möchten, in den obgeuannten Körperschaften als Zid exponirt zu sein, können wir freilich nicht beurtheilen. Darum herbei Ihr echten Inden von hohem jüdischem Wissen und ausgeprägtem national-jüdischem Willen! Nur solche würden das ihnen übertragene Amt mit Aufopferung ansfüllen. Der ztveite Sitzungstag brachte auch einen Fachreferenten auf die Tribüne und dieser sollte schon Kraft seines Amtes einen Stützpfeiler des Hanfes Israels in jenem wichtigen und weihevollen Momente abgeben. Sieht ja Jedermann, dem noch ein jüdischer Lebensfnnke im Herzen glimmt, ein, dass das galizische Israel vor einem sehr kritischen Wendepunkt sich befindet. Entweder Umkehr zu einem besseren, gründlichen Lehrsysteme und Wiedereinpflauzung jüdisches Wissens in die sogenannten Aufgeklärten, oder das galizische Jndenthum verfällt, als eine feile Beute der alleiufeligmachenden Factoren. Herr Dr. Caro, der Rabbinerprediger Lembergs, schlug wohl starke Accente an über die Nothtvendigkeit von Stipendien für jüdische Lehramtscandidaten, welche sich zu Religionslehrern qualificiren, sprach auch von der Nothweudigkeit der Ertheilnng des jüdischen Religionsunterrichtes — aber wie leicht machte er sich sonst seine Ausgabe! Wir, die wir weder Pädagogen noch autorative Vertreter der jüdischen Religion sind, haben die Kühnheit zu behaupten, dass das gegenwärtige assimilatorische Lehrsystem weder Religion noch Unterricht ist, sondern ein Hohn auf unsere heilige Lehre, eine Satyre auf die Erziehung der tausenden jüdischen Kinder für ihre angestammte Religion und Nation. Sollte aber Jemand aus besonderer Neugierde oder gar aus jüdischem Interesse an Ihren Berichterstatter die Frage richten, was mag denn der in den öffentlichen Schulen ertheilte Unterricht in der jüdischen Religion sein? sv lautet unsere Antwort!: ein Chamäleon. Auf der einen Seite täuscht es Judenthum, auf der andern schillert es Christenthnm. Dieses kleine Wesen soll dienen der Ebräa und dient factisch der Polonia rediviva. Da nämlich unsere Gemeinderepräfeutanten aus Deutschösterreichern Polen mosaischer Confession geworden sind, so verabsäumten sie es, das Polenthum wenigstens von ihren religiösen Angelegenheiten fernzuhalten und ihm auf diesem Gebiete ein „Handweg!" zuzurufen. Und so wurde auch die jüdische Religion und das Hebräische der Polonisirnng ausgeliefert. Tüchtigen hebräischen Lehrern, die der deutschen Sprache mächtig waren, wurde der Weg zur Besetzung der Lehrstühle verrammelt und an deren Stelle Leute, welche nicht die elementarsten Kenntnisse im Hebräischen hatten, als Religionslehrer berufen. Wir wollen nicht weiter auf die sonstige moralische Qnalification der polnischen Religionslehrer eingehen, Thatsache aber ist es, dass beid.rseits Schüler und Lehrer einander Concesfionen in Judaicis machten. Dass die an den jüdischen Jargon gewohnten Kinder fast auf unüberwindliche Schwierigkeiten beim Uebersetzen zweier unbekannter Sprachen stoßen, sieht wohl Jedermann ein. Demgemäß bleiben die Leistungen selbst bei tüchtigen Lehrkräften stark rückständig. Stimmt mau noch die tausenden jüdischen Kinder, welche in gemischten städtischen Schulen einen einstündigen Religionsunterricht wöchentlich genießen, ferner die Mittelschulen, die eine ähnliche Lehrzeit zugewiesen erhalten, so muss man zu dem Resultate gelangen, das wir bereits gekennzeichnet haben, dass der jüdische Religionsunterricht zur Verbreitung der volnischeu Sprachkenntuisse und zur Förderung und Verbreitung der christlichen Lehre unter den jüdischen Kiunern dient. Wem diese Behauptung etwas zu dick ausgetragen erscheint, der möge doch bedenken, dass die jüdische Schuljugend ihre ganze Jugend in christlichen Schulen znbringt und niemals Zeit erübrigt zum Besuche des jüdischen Gotteshauses und zur activen Betheiligung au dem Gottesdienste. AU dieses Unglück und das Verglimmen des letzten Funkens von Jndenthum und in der „geschulten Generation," müssen unsere Seelenhirten sich gegenwärtig vor Augen halten. Der Leinberger Predigerrabbiner sollte mit der Wahrheit heraustreten w. d den Gemeinderepräsentanten zurufen : „Auf diesem Wege werdet Ihr Eure Kinder verlieren Nicht blos Lehrer haben wir nöthig, nicht blos ein Miniaturjudenthum, genährt mit der homöopathischeil Gabe eines unreinen, trüben Wassers, in dem schon Fänlnisbakterien sich häuslich eingerichtet, nein, zehnmal nein! Das Jndenthum benöthigt eigene hebräische Schulen mit deutscher Vortragssprache. Der Religionsunterricht muss dem jüdischen Volke seine Sprache, seine Geschichte und seine Litteratur vermitteln, und andererseits der jungen Generation, den Mädchen, wie den Knaben, der Jungfrau wie dem Jünglinge, seine weltbewegende und weltbeherrschende Gotteslehre in seiner Reinheit zum lebenslänglichen Erbtheile beizubringen suchen. Hätte der -ehrwürdige Berichterstatter diesen Prophetenmnth gehabt, ein solches Wort für die heilige jüdische Sache einzulegen und hätte er nicht gefürchtet, vielleicht seinen sehr gut dotirten Posten durch Freimuth zu gefährden, dann würde man ihn preisen als einen treuen, überzeugungsstarken Hüter der Heerde Israels in Galizien und auch außerhalb seiner Grenzen. Das letzte Referat hat ebenso sehr unsere Zustimmung, wie nicht minder unser Befremden hervorgernfen. Man bedenke wohl, ein Antrag, der der conservativen Partei der galizischen Inden zu Gute kommen sollte, eingebracht von einer assimilatorischen Commission. Der Antrag gieng dahin, die österreichische Gesetzgebung zu veranlassen, sie möge die Sabbathe und jüdischen Feiertage, gleich den christlichen, als Ferialtage der Juden beim Straf- und Civilgericht erklären. Die Persönlichkeit des Referenten erregte Aufsehen, da dieselbe sich niemals in Dingen jüdischer Natur zu exponiren pflegte. Herr Dr. Tobias Aschkenase, einer der beredtesten und tüchtigsten Advocat Lernberg's und Galizien's, dessen Vertheidignngstalent nnnmftritten dasteht, hat sich seiner Aufgabe vor dem Gemeindetag mit gewohnter Verve entledigt, und es wäre zu wünschen, dass das auch zur Ausführung kommt, was sich auf der Tribüne des Gemeindetages so schön anhörte. Von der zionistisch-conservativen Richtung wurde ein Antrag eingebracht auf Ausdehnung dieser Bestimmung auf den Schulbesuch der jüdischen Kinder, und erlangte dieser Antrag auch die Majorität. Versöhnter als sie kamen, giengen die Delegirten des Gemeindetages auseinander. Wie immer die Ansichten bei gewissen Punkten anseinandergiengen, einig aber waren sie in dem Gedanken, dass es schlimm um unser Volk bestellt ist und dass einzig Heilung gesucht werden kann in der gemeinsamen Arbeit für die Hebung der physischen, moralischen und nationalen Interessen unseres Volkes. D r. Biere r. Noch ein Wort über das Kol riidro. Von Dr. Adolf B i a ch, Rabbiner und Prediger in Brüx. Mit großer Freude habe ich in der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift den „Offenen Brief" gelesen, den Herr Dr. Schornstein an die Redaction des „Leitmeritzer Wochenblattes" richtete. Auch ich halte die Vogel Strauß-Politik für verfehlt. Ist auch nicht anzuuehmen, dass die antisemitischen Blätter durch solche Aufklärungen besser werden, denn sie ftnb ja gegen jede Aufklärung, so ist doch ein solch offenes Auftreten von hohem Werthe. Fürs erste zeigen wir damit, dass wir nicht gesonnen sind unsere religiösen Institutionen in den Staub treten zn lassen, fürs zweite verhüten wir, dass die objectiv Denkenden anderer Confessionen irre geleitet werden; gehen ja antisemitische Hetzblätter von der Ansicht aus: oaluiuniaro audaotor, semper aliquid haeret, zu deutsch: „Nur tüchtig verlnumden, etwas bleibt immer kleben." Dass die Ausführungen des Herrn Dr. Schornstein vollkommen richtig sind, bedarf keines weiteren Beweises; der Zweck dieser Zeilen ist nur, noch auf eine sehr wichtige Stelle der Thora hinzuweisen, aus welche das Kol nidre selbst in seinem Wortlaute Bezug nimmt. Im Anfänge des Wochenabschnittes Nattaus, 4. B. M., Cap. 30, V. 3 heißt es: „Wenn jemand ein Gelübde thnt oder einen Schwur schwört, um sich dadurch selbst (nur seine eigene Person) zu binden (lossaur i88ur al nafschau), soll er sein.