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Die Wahrheit · 1900-10-26 · Heft 39 (26.10.1900) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 39 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 39. Orgeln in Zyaagogen. Von H. Goldstein, Gleiwitz. (Schluss.) Dass das Beispiel der Könige Israels in dieser Beziehung nicht ohne Einfluss aus das Volk blieb, ist selbstverständlich, comme tout chez nous. Nur zweier Psalmen, und zwar des 137. und 150. will ich erwähnen, die meine Erörterung bezeugen und erhärten dürsten. Elfterer kündet, dass selbst die rauhen Söldner Nebukadnezars Sehnsucht nach den Gesängen Zions hatten, und sie forderten ungestüm von den gefangenen Sängern Zions, die ihre Harfen an die Weidensträucher babylonischer Ströme gehängt hatten: „Singet uns doch von den Gesängen Zions!" — worauf die patriotischen Sänger wehmnthsvoU erwiderten: „Wie können wir singen Iehowas Saug aus fremden Boden?" Letzterer, der 150. Psalm, verkündet den Preis des Herrn mit Begleitung mannigfacher Instrumente und schließt mit dem Satze: „Alles, was Odem hat, preise und lobe Ioh — Hallelujah!" Dieser kurze geschichtliche Musikabriss dürfte wohl zur Genüge bekunden, dass Gesang und Musik eine Heimstätte in Israel hatten, in der sie sorgfältig gelehrt und gepflegt wurden. Za, selbst die Notenschrift zeigt, dass sie semitischen Ursprungs ist. Indes, Alles hat seine Zeit, lehrt Koheleth. Es gibt eine Zeit der Freude und eine Zeit des Zammers. Ob Israel gegenwärtig au Lu äu sieols Veranlassnng hat, seine Synagogen und Bethäuser mit äußerem Schmuck gu zieren, ist selbst nur bei flüchtiger Umschau über die Zustände und Verhältnisse Israels — selbst in den sogenannten Cultnrstaaten — entschieden zn verneinen. Unter solchen Umständ n meine ich. schweigt des Sängers Seele mib die Orgel erst recht. Wenn wir am grünen Holze, au Frankreich, das sich brüstet, an der Spitze der Civilisation zu marschiren, und das thatsächlich 1789 die Emancipation Israels decretirte, eine Dreyfuss-Affaire erlebten, den Antisemitismus in-voller Blüthe prangen sehen, was kann und darf man vom dürren Holze gewärtigen? Das menschenfreundliche Rumänien, das fürsorgliche Russland, selbst unser hochgebildetes, so bigottes Deutschland lehren auf das Unzweideutigste, was Israel zu erwarten — wie fern wir noch vom religiösen Ioeal der Menschheit, von der Verbrüderung — ja, wie weit ab wir noch von Toleranz sind. In Rumänien und Russland, die sich sogar Culturstaaten nennen, wird Israel geradezu systematisch körperlich und seelich entmenscht und verthiert. Staatsschulen existiren für sie nicht, höchstens werden sie in äußerst begrenztem Pcrcentsatz zugelassen. Eigene Schulen, selbst wenn die Mittel vorhanden sind, dürfen sie überhaupt nicht.gründen. Das so förmlich physisch und psychisch entmenschte und verlhierte Israel ist dann gemüssigt, schaarenweise zur Auswanderung, zur Suche eines neuen Vaterlandes zu schreiten, das aber für solche wohlerzogene Paupers auf Gottes weiter Erde nirgends zu haben ist. Ja selbst in unserem hochgebildeten Deutschland, wie in Oesterreich und Galizien erleben wird haarsträubende Scenen. Wir erwähnen nur die Ritualmordprozesse von Tißa-Eßlar, Tanten, Neustettiu und in jüngster Zeit Polna und das liebe Könitz und wie die antisemitischen Residenzen alle heißen mögen. Es fehlt nur noch, die bereits verschollenen Hexen- und Brnunenvergiftungs-Prozesse an die Schösse Israels zu hesten. So lange unser Neujahrsgebet: „Und alle Völker mögen einen Bund schließen, Deinen Willen zu üben mit ganzem Herzen" — d. h.- das Zehngebol zu beherzigen und im Leben zu belhätigen, was aber unfehlbar nur durch die Thora bewirkt und erzielt wird — sich nicht bewährt, soll Israel den äußern Schmuck seiner Synagogen unterlassen, vielmehr auf den inner» sich beschränken. Uu)ere Jugend körperlich und geistig heranbilden, dass sie vor schnödem Abfall gefeit, und allen Widerwärtigkeiten, denen sie als Israeliten begegnen und ausgesetzt sind, kraft- und gesinnungsvoll emgegentreten. Dies ist aber möglich nur durch gründlichen, rationellen Bibelunterricht in der Ursprache, wie in Israels Lehre überhaupt und insbesondere in der Leidensgeschichte Israels. Gemeinde- und Vereinsbote. Wie«. Im Saale des Kaufmännischen Vereines sprach Samstag, den 20. d., Abends, in einer Versammlung der „Oesterreichischen israel. Union" Landtagsabgeordneter Dr. Ofner über den „Fall Araten". Nach einer Darlegung des Thatsächlichen des Falles wendete sich Dr. Ofner der culturellen und juristischen Bedeutung der Vorgänge zu. Der Vortragende erklärte, dass es sich hiebei weniger speciell um eine Judenfrage handle —denn auch unter den Mohammedanern in Bosnien seien ähnliche! Fälle vorgekommen — sondern es handle sich insbesondere um den Schutz! des Hauses und der Staatsmacht. Auf die Verhältnisse Galiziens speciell! übergehend, führte der Redner aus: Schuld an dem Elend der Juden! und der Bauern sei allerdings die jahrhundertlange Unterdrückung von Seite des Feudaladels, dazu komme, dass wegen Mangels an Schulen jüdische Mädchen oft in rein christliche Schulen kommen und dort eine Umgebung vorfinden, die ihnen oft Abscheu gegen eine Zukunft innerhalb ihres Stammes einzuflößen vermöge, da ihnen die neuen Verhältnisse gefallen. Eine Hauptursache aber, die solche Fälle bei uns jetzt überhaupt erst möglich mache, sei die gegenwärtige Strömung zu Gunsten des Clericalismus. Die Hilfsmittel, die man in Anbetracht dieser Ursachen! gegen diese Vorfälle anwenden müsse, gehen, meint der Redner, in erster! Linie darauf hinaus, das Seinige zur Bekämpfung des Geistes zu thun,! der solchen Strömungen zugrunde liege. Weiters wäre aber auch eine Modernisirung der betroffenen Bevölkerungsschichte selbst, der galizischen Juden, anzustreben. Hier sei eine große wirthschaftliche und kulturelle Aufgabe zu leisten. Was aber den Fall Araten und ähnliche Vorfälle selbst betresse — so schloss der Redner — müssten alle Anstrengun gen gemacht und wiederholt werden, um dem Rechte zum Siege zu verhelfen. Wien. Behufs Erweiterung der Thätigkeit des Humanitären Vereines „M a r p e l a n e f e s ch" (II., Glockengasse 4), fand vorige Woche, Mittwoch, im Clublocale Cafe „Adria" eine außerordentliche Generalversammlung statt, der auch Herr Dr. Alfred Berger, als Vertreter des Vorstandes der Cultusgemeinde, anwohnte. Die einzelnen Paragraphe des bisherigen Statutes, welche einer Aenderung benöthigen, wurden von Herrn Morgenstern verlesen und riefen manche Punkte eine : | lebhafte Discussion zwischen den Herren Hahn, Lettner und Rosner! hervor, welch Letzterer beantragte, dass der von der Geuelversammlung! gewählte Ausschuss 4 Herren aus dem Plenum für den Bethausvor-! stand cooptiren möge. Diesem Anträge gegenüber vertrat Dr. Berger; den Standpunkt, dass der Vorstand der Cultusgemeinde es für richtig er j halte, wenn alle Vorstandsmitglieder von der Generalversamml ung! gewählt werden, was auch zum Beschlüsse erhoben wurde. Ebenso entfiel j auf Wunsch des Herrn Dr. Berger der Passus, dass die Vorsteher einer > Bestätigung seitens des Vereinsrabbiners bedürfen. Selbstredend blieb j es auch dabei, dass der anzustellende Rabbiner von drei orthod. Au toritäten bestätigt sei. Znm Schluffe gab Herr Morgenstern dem. Wunsche Ausdruck, dass der Verein bei der Repräsentanz der Cultusgemeinde fortan mehr Entgegenkommen finden möge. ILudapest. Der ungarisch-israelitische Landeslehrer-Verein, ß dessen jetziger Präsident Schuldirektor Juli us Kornfeld ist, gründete vor einem Vierteljahrhuudert ein monatlich erscheinendes Fachblatt, das den Vereinszwecken dient. Nun begeht das von Prof. Jonas Barna mit großem Sacheifer und Geschick redigirte Organ des ungarrisch-israelitischen Landes-Lehrervereins „Isr. Tanügyi Ertesitö“ das Jubiläum seines 25jährigen Bestandes, aus welchem Anlasse die neueste Nummer desselben als hübsch ausgestattetes und sehr reichhaltiges Festblatt erschienen ist, zu welchem die hervorragendsten Fachmänner des Landes, voran der Chef der Unterrichtsverwaltung, werthvolle Beiträge geliefert haben. Minister Julius Wlassics schreibt: Die ungarische Lehrerschaft muss von einem starken Corporationsgefühl durchdrungen sein, wenn sie ihren Ausgaben entsprechen will; jedes ihrer Mitglieder muss empfinden, dass es einen Antheil haben wird an der Erringung der glänzenden Zukunft Ungarns. Einen großen Dienst erweisen der Pflege des Corporationsgefühls unserer Schulblätter,! und es erfüllt mich mit wahrer Freude, dass ich mit meinen Glück-,! wünschen an der Feier eines Blattes theilnehmen kann, das die ungarische! israelitische Lehrerschaft zur großen nationalen Arbeit seit nun schon einem Vierteljabrhundert um sich schaart und begeistert. Ministerialrath Dr. Ludwig Axamethy schreibt u. A.: Mit großer Freude ergreife ich die Gelegenheit der 25. Jahreswende des Bestandes des Blattes und also seiner patriotischen Wirksamkeit, um das Blatt und dessen verdienstvolle geistige Leitung innigst zu beglückwünschen. Ministerialrath Victor Molnar: Das Jubiläum des „I. T. E.“ ist keine einfache Jahreswende, sondern das lebende Zeugnis des Patriotismus der vaterländischen israel. Lehrerschaft.

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