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Die Wahrheit · 1900-10-26 · Heft 39 (26.10.1900) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 39 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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dir. 39. Die Wahrheit. Seite 6. Die ferneren Vorschläge, die zur Förderung unserer > Bestrebungen gemacht werden, sind verschiedenartige; so empfiehlt! der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Oberamtmann Ludwig! Cohn, Rentengüter einzurichten und sie den in Ahlem oder anderwärts ausgebildeten Landwirtheu, denen das Angeld auf Abzahlung oder Amortisation creditirt wird, zu überlasten. Die Vorstandsmitglieder, Herren Gust. Tuch und Dr. Oppenheimer,! treten dafür ein, auf genossenschaftlicher Basis errichtete, von tüchtigen Dirigenten geleitete jüdische jEoloinen zu begründen, für welche die Mittel vorläufig von mildthätigen Glaubens-; genossen aufgebracht werden sollen. Das Vorstandsmitglied Herr j Mühlenbesitzer Rosenthal ist gleichfalls für geschlossene Colonisation und empfiehlt die Erwerbung von Gütern in der Nähe großer Städte, deren Austheilung er nach einem bestimmten, von ihm vorgeschlagenen System für sehr vortheilhaft und geeignet hält. Auch er setzt die Betheiligung der privaten Wohlthätigkeit, wenngleich nur in beschränktem Maße, voraus. Das Vorstands-! Mitglied Herr Consul Simon erachtet Colonien nicht für unbe-; dingt nöthig, hofft aber, dass seinen früheren armen Zöglingen i das zum Erwerb von Gütern nörhige Capital zu 1—2 Percent Verzinsung von wohlthätigen Glaubensgenossen hergeliehen werde. Wenn ich auch in allen diesen Gedanken, Vorschläge : und Maaßnahuun einen nicht zu unterschätzenden Kern erblicke, nehme ich doch zu der ganzen Frage (inen so abweicheirden Standpunkt . ein, dass ich es nolhwendig halte, ihn zu präcifiren, damit er einer Würdigung unterzogen werde: Wie wir ans vorstehenden Ausführungen ersehen, ist der Geschäftswii kel unter welchem der Vorstand des „Vereines zur : Förderung der Vodencullur" sich zu bethütigen sucht, der der Wohlthätigkeitpflege. Erst sollen mit Hilfe von Stipendien der Lehrlinge ausgebildet, dann der Ausgebildete durch das Vereinsvermögen in eine Position gebracht, später das zum Besitzerwerb nöthige Capital geliehen oder hergegeben werden. Somit sind säst ausschließlich armer Leute Kinder ins Auge gefasst. Ich aber bin der Meiunrig, dass auf der Basis der Wohlthätigkeit ans der ganzen Sache nie etwas Rechtes werden könnte, selbst dann nicht, welin sehr beträchtliche Beträge von edlen Glaubensgenossen dazu gespendet würden, denn sie wären wie ein Tropfen aus einen heißen Stein. Das vergegewärtigt uns eine einfache Banernrechnung: Fassen wir nur eine Ue.berleilnng von 1000 Familien ins Auge, denen der geringe Betrag von blos je 5000 Mk. gegeben würde, so siird schon hierfür 5 Millionen Mark erforderlich. Ich bin der Ansicht, dass der Verein die Basis seiner Thätigkeit zum größten Theil abseits der Wohlthätigkeitspflege verlegen sollte, dass feine Aufgabe in erster Reihe in einer zeitgemäßen, intensiven Propaganda in Wort und Schrift bestehen müsse, welche sich an die besser sitnirten Israeliten zu richten hat, um vor Allem diesen das Interesse dafür einzuflüßen. Nicht nur den Vätern, sondern auch den Müttern muss die Nothweudigkeit, in Zukunft eine Aenderung in der Standeswahl vorzunehmen, vor Augen geführt und dargethan werden, welche Chancen die Landwirthschaft und Gärtnerei gegenüber anderen Berufen bietet, damit sie sich entschließen, ihre Kinder für agricnltnrelle Bethätignng zu erziehen. Es wird darauf hinzuweisen sein, dass es leichter ist, sich als Landwirth mit einem Grnndcapital von 10—30.000 Mark zu ernähren, wie als Kaufmann oder Gewerbetreibender, und die Anlage des Kapitals nirgends so sicher sei, als in Grund und Boden, der bei gutem Betriebe stets werthvoller in sich selbst werde, wogegen Waaren unmodern und entwerthet, Maschinen abgenützt und veraltet werden, und dass nichts unsicherer sei, als ein Geschäft, welches auf Creditnehmen und Creditgeben basirt ist. Endlich muss hervorgehoben werden, dass der Aufenthalt auf dem Lande gesundheitlich weit vorzuziehen sei und kräftigen Nachwuchs sichere. Aber es wird auch nöthig sein, die zumeist auf die Klagen der Agrarier basirten Einwände, welche gegen die Zuführung der Landwirthschaft erhoben zu werden pflegen, durch den Hinweis darauf zu entkräften, dass hier in erster Reihe viel zu theuerer Erwerb oder große Ueberschuldung, oft zu großer Bedarf oder zu geringe Thätigkeit uud Fürsorge, oft auch zu geringe Intelligenz rc. die Nothlage erzeugen. Neben solcher nothwendiger und schriftlicher Propaganda muss der Verein eine Auskunftsstelle, bei welcher Jeder Rath und Förderung erhält, und zugleich einen Stellennachweis einrichten. Wie gesagt, hat meiner Allsicht nach der Verein seine Hauptaufgabe darin zu erblicken, vorwiegend die besser situirten Kreise, den sogenannten Mittelstand zu iuleressireu und ihn zu veranlassen, selbst practisch ans Werk zu gehen. Denn die Landwirthschaft und Gärtnerei sind nur für den gut fundirten Besitzer lohnende Berufe. Ein solcher wird mit feiner Familie stets eine gesicherte und angenehme Existenz haben ultd sich bei Intelligenz uud Fleiß, ebenso wie in allen anderen Berufen, emporarbeiten. Arme Kinder aber mit Hilfe der Wohlthätigkeit für diese Berufe auszubilden, erscheint mir absolut nicht rath sam, .denn nach meinen auf Grund von legen, eingehenden Beobachtungen gesammelten Erfahrungen, kann sich ein Jude im Deutschland mit Schaufel und Hacke als ländlicher Tagelöhner nur sehr kümmerlich allein, unmöglich aber eine Familie ernähren. Die aufgewendeten Mittel werden deshalb meist irratioitell geopfert fein, und jede andere Carriere ist für ein armes Kind wesentlich ausfichtsvoller. Sollen trotzdem Löhne ans den niederen Schichten hiezu erzogen werden, so müssen sie hervorragend dafür geeignet sein. Leider geht mir oer Armulh auch meist angeborelle Schwäche Hand in Hand, und mit solchem Material ländliche Colonien zu errichten, wäre mehr wie bedenklich. Soll ein frischer, gesunder Zug in die Sache kommen, so muss sie vom kräftigen Mittelstände mit eigenem Capital unternommen rverden. Mehr als in irgend einem anderen Berufe hängt in der Landwirthschaft der Erfolg von Tüchtigkeit und Fleiß ab — der Name „Oeconomie" besagt Alles. Hat sich erst ein Stamm wohlhabender jüdischer Landwirthe gebildet, dann kann sich ein aus ärmeren Kreisen hervorgegangener ländlicher Beamten- und Gehilfen-Stand daran augliedern; denn dann werden sie denit nöthigen Stützpunkt durch ihre Glaubensi genossen finden können, und daran mögen sich dann zur Hebung auch des „vierten Standes" jene Wohlfahrtshebungen anreihen, die in diesem Falle auch praktische Erfolge haben werden. Um aber dies .Problem zu lösen, bedarf es der Mitwirkung weitester Kreise. Der „Verein zur Förderung der Bodeucultur" hat bereits einige Hundert Mitglieder und in einer Anzahl von Orten haben sich Localcomites gebildet, die nun in Wechselwirkung mit der Centrale ihre Thätigkeit entfalten sollten. Die Bildung von Ortsgruppen iit allen größeren Städten des Reiches wird diesen Winter in die Hand genommen, und Herr Generalsecretär Dr. Ernst Tuch soll durch Vorträge über unsere Zwecke das Interesse wachrufen. Durch unser Vorstandsmitglie!» Herrn Rittergutsbesitzer Dr. Papilsky ist eine Eilguete über die Anzahl und die Aebensbedingungelt der jüdischen Landwirthe in Deutschland in Angriff genommen und diese Statistik soll vervollkommnet und verwerthet werdet!. Nebenher soll aber auch besondere Fürsorge den in der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem ausgebildeten Gärtnerlehrlingeu zugewandt werden, und wenn dieselben sich als tüchtige Gehilfen bewährt haben, müsste der Verein ihnen zu ihrer Etablirung förderlich sein. Es wäre aber auch ins Auge zu fassen, solange der Verein nicht über größere Mittel verfügt, jüdischen Landivirthen zur Pachtung von Gütern Subventionen zu gewähren. Endlich wäre zu wünschen, dass der Vorstand den größeren Aufgaben, besonders der Auftheilung von Gütern nach dem Vorschläge des Herrn Rosenthal, schon um einen größeren pcactischen Versuch zu machen, baldmäglichst näher treten möge. So richte ich hiermit au alle wohlwollenden Glaubensgenossen den warmen Appel, sich an diesem großen Werke zu betheiligen. Auch tDiejenigen, welche aus irgend einem Grunde sich als Gegner betrachten, dürfen nicht abseits bleiben: denn soll für die Gesammtheit ein Segen erwachsen, so muß das Für und Wider sorgfältig erwogen werden. Prnetf Alles uni» wählet das Beste!

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