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Die Wahrheit · 1900-10-26 · Heft 39 (26.10.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 39 (26.10.1900)
Date
1900-10-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Dtc Wahrheit. Nr. 39. verzichten, -als dass sie einen Eid ablegen, wenn sie dies auch mit gutem Gewissen thun könnten. So ist das Kolnidre in Wahrheit ein glänzender Beweis für die strenge Gewissenhaftigkeit des Judenthums in Sachen eines gegebenen Wortes oder Eides! Die sacrosankle Heiligkeit des Eides im Judenthum aus den Quellen von der 'Bibel bis in die Neuzeit ausführlich nachzuweisen, genügt der uns karg zugemessene Raum nicht; daher nur in Kürze Folgendes: Moses, derselbe, der nach der gelehrten Aeußerung Ihres Gewährsmannes, „den Jomkippur augeordnet hat", war der erste, der klar und unzweideutig geboten hat: „Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht zum Falschen gebrauchen" und „Du sollst nicht falsches Zeugnis oblegen wider Deinen Nebeumenschen!" Der Schulchan Aruch in Joreh deah 237, 1., 2. und Maimonides, einer der hervorragendsten jüdischen Gesetzeslehrer im Mittelalter, erklären, dass der Eid ein Act der Gottesverehrung ist und dass der Eid den Juden auch bedingungslos bindet, wenn er von einem Heiden abgenommen wird. Derselbe Maimonides bemerkt ferner (Jad Chazaka XII, 1., 2.), dass der falsche Eid durch die! weltliche Bestrafung allein nicht gesühnt werde, sondern einer! besonderen göttlichen Strafe unterliegt. Eilt anderer hervor-; ragender Gesetzeslehrer, Hai Gaon aus Tunis (gest. 1038) erklärt, dass der Eid den Juden auch dann binde, wenn er aus Verlangen eines Muhamedaners bei Allah schwört! Das Gesagte genügt, um meine obige Behauptung zu erweisen, dass der Artikel „Jom Kippur" entweder aus Dummheit und Unwissen heit oder aus Niederträchtigkeit oder aus beiden entsprungen ist. Wer es unternimmt, einer ganzen Menschenklasse eine so furchtbare Anklage entgegenzuschleudern, wie sie in dem Artikel „Jom Kippur" gegen das Judenthum enthalten ist, der hat die Pflicht und Schuldigkeit, in das Verständnis der einschlägigen Fragen sich zu vertiefen und sich über dieselben genau zu informiren; das war im vorliegendem Falle umso leichter, als durch Uebersetzungeu und eine große Anzahl einschlägiger deutscher Werke von hervorragenden Autoren die Orientirung über das Kolnidre garkeine Schwierigkeit bietet. Hat der Autor des in Rede stehenden Artikels diese Orientirung trotzdem unterlassen, so verdient er den Vorwurf der krassen Unwissenheit und der groben Fahrläsiigkeit vollauf. War er aber über die Frage orientirt und hat gegen besseres Wissen jenen Artikel geschrieben, dann ist jedes seir.er Worte eine erbärmliche, niederträchtige Verleumdung! Der Autor jenes Artikels mag jene Alternative selbst entscheiden. Ich möchte aber doch 'das eine fragen: Warum fürchtet der Verfasser das Preß- und Strafgesetz? Man fürchtet sich doch nicht vor einem Verbrechen, welches man gar nicht kennt und nicht begehen will? Sollte er also doch gewusst haben, dass sein Beginnen mit dem Gesetz in Widerspruch steht? Wie dem auch sei: gewissen- und skrupellos ist sein Vorgehen in jedem Falle, und man begreift, dass ihm der tiefe Sinn des Kolnidre nicht aufgehe, weil dieses eben nur für peinliche Gewissenhaftigkeit geschrieben ist. Der tiefsten Verachtung aller anständigen Menschen ohne Unterschied der Confession kann jene armselige Schreiberseele sich für versichert halten. Leitmeritz, am 11. October 1900. D r. M. S ch o r n st e i n, Rabbiner." Eine Mgemäße Frage für die deutschen Juden. Von Eugen Rosenstielin Berlin. Tie Ernährungsverhältnisse der mittleren und niederen jüdischen Classen in Deutschland sind im letzten Deceunium einer dauernden Veränderung unterworfen; sie werden von Tag zu Tag schwieriger. Es ist nicht nur der Antisemitismus mit seinem leider all' zu wirksamen Rufe: „Kaust nicht bei Juden" und seinem unleugbaren Einflüße, der den Juden alle Aemter vom Minister bis zum Nachtwächter, vom General bis zum Unterofficier, vom Geheimrath bis zum Bureau-Assistenten verschließt; es sind vielmehr noch die allgemeinen Verhältnisse, wie sie sich zeitgemäß entwickeln und zuspitzen. Der Kampf der Agrarier gegen Handel, Industrie, Börse und Hausirbertrieb einerseits, dann die lautlose, aber umso gigantischere Monopolisirung des Detailhandels durch die, großen Warenhäuser anderseits sind es, die den mittleren und kleinen jüdischen Geschäftsmann dem sicheren Ruin zusühren. Der meist von Juden ausgeübte Zwischenhandel wird auf den Aussterbe-Etat gesetzt, denn mit der Erleichterung der Berkehrsverhältnisse wird der Vertrieb vom Producenten zum Consumenten immer mehr ein directer. Eiukaufs-Genossensckasten, Beamten und Officier-Vereine, der Uebergang des Bankgeschäftes an die großen Banken, die Veränderungen im Getreidehandel rc. untergraben geradezu die Existenzmöglichkeit der jüdischen Bevölkerung, denn gerade diese ist dabei am meisten betroffen. Ueberfüllt und daher zum größeren Theil schlecht ernährend sind auch die akademischen Berufe, die der Aerzte, Rechtsanwälte rc. Eine Besserung dieser Verhältnisse ist in Zukunft nicht zu erwarten, im Gegentheil lässt die an sich gerechtfertigte wirthschastliche Entwickelung, sowie die Strömung innerhalb der Majorität der gesetzgebenden Factoren eine Verschlimmerung befürchten. Daher ist es an der Zeit, sich mit der Frage zu beschäftigen, welche Wege wir einzufchlagen haben, um.der jüdischen Bevölkerung neue Quellen der Ernährung zu eröffnen, und naturgemäß richten sich unsere Blicke auf die Landwirthfchast, welche in Deutschland fast der Hälfte seiner Bewohner ihren Unterhalt gewährt, und die von den Inden, obgleich ihnen ihre Ausübung ungehindert gestattet ist, doch nur in minimaler Zahl betrieben wird. Nach der Statistik beschäftigen sich im gesammten Deutschland nur ca. 3000 jüdische Familien damit, während sich, entsprechend dem Verhältnis zur christlichen Bevölkerung, mindestens 75.000Familien damit beschäftigen müssten. Aber nicht nur die oben dar gelegten misslichen Ernährungsverhältnisse drängen die. Juden naturgemäß zur Landwirthschaft und Gärtnerei, es gebieten dies auch die socialen, ethischen und nicht zuletzt die hygienischen Verhältnisse. Wer wollte leugnen, dass die Juden im Allgemeinen sehr schwächlich und nervös sind, sowie dass diese Nervosität ihren Nährboden in denStädteil und den dort betriebenen Beschäftigungen findet? Eine Stärkung der künftigen Generation ist einzig und allein durch das Leben auf dem Lande und durch die Bethätigung in Gottes freier Natur zu erwarten. Diese Gesichtspunkte und viele andere haben zu der Begründung des „Vereins zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschland's" geführt. Zwei Grundfragen kommen für uns zuvörderst in Betracht .- 1. Auf welche Weise muss die Ueberleitung erfolgen? 2. Was kann und muss der Verein zu ihrer Förderung thun? Mit uns, dem Vorstande des Bodencultur-Vereins, sind alle Diejenigen, die sich mit diesen Fragen eingehend beschäftigen, darüber einig, dass zur Ausübung landwirthschaftlicher und gärtnerischer Gewerbe-Fachkenutnisse gehören und sonstige Qualifikationen erforderlich sind, die anerzogen und gelernt werden müssen. Diesen Anforderungen kann in Deutschland nur von sehr wenigen Juden genügt werden. Wir könneit gegenwärtig jüdische Landwirthe und Gärtner nicht aus der Erde stampfen, sondern muffen in erster Reihe dafür agitiren, dass jüdische Knaben dazu erzogen werden. Deshalb begrüßten wir von Anfang an die für diese Zwecke vom Consul Simon errichtete jüdische Erziehungs-Anstalt in Ahlem mit Freuden, wo gegenwärtig ca. 80 meist aus armen jüdischen Familien stammende Knaben auf Kosten mildthätiger Glaubeusgeuossen und besonders der Jewish Colonization Association ausgebildet werden. Wir haben es in unser Programm ausgenommen, der Anstalt selbst, insbesondere aber den dort ansgedildeten Lehrlingen auf ihrem fernerem Lebenswege förderlich zu sein. Um schon in früher Jugend die Liebe der Natur zu erwecken, haben wir ferner die Errichtung von Schulgärten gefördert, uno wenn auch der Anfang noch nicht groß ist, so hoffen wir, dass diese Idee sich nach und nach ausbreiten wird.

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