Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1900-10-19 · Heft 38 (19.10.1900) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 38 (19.10.1900)
Date
1900-10-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063013-3063051--01003-3067557
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 38. Führung der wichtigsten Agenden seines Hauses. Als Viceprästdent der Nieder-österreichischen Escompte-Gesellschaft hatte er Gelegenheit, mit den maßgebendsten Finanzkreisen in enge Fühlung zu treten und sich so 'umfassende Kenntnisse über die Verhältnisse der einzelnen Firmen sowohl, als auch der industriellen Entwicklung und des Geldmarktes zu erwerben. Von liebenswürdigem und bescheidenem Wesen, Pflegte er in seinen Mußestunden Kunst und Wissenschast' und machte sein Haus zu einem Mittelpunkt regsten geistigen Verkehrs. Eine edle, hochherzige Natur, übte er in reichem Maße die Pflichten, welche der Besitz ihm auserlegt hatte. Vor zwei Jahren musste sich Dr. v. Gutmann einer schweren Operation unterziehen, welche eine momentane Gefahr für sein Leben wohl beseitigte, für die nächste Zukunft jedoch, wie die Aerzte ' schon damals sagten, zu keinen Hoffnungen berechtigte. Vor vier Wochen brach die Krankheit mit aller Macht wieder aus und machte seinem jungen Leben ein jähes Ende. Die allgemeine Theilnahme wendet sich natürlich auch den Eltern des Verstorbenen und seiner unglücklichen Gattin zu, für welche der Tod des geliebten Gatten um so tragischer sich gestaltet, als sie in nächster Zeit ihrer Niederkunst entgegensteht. Die Leiche Dr. v. Gntmanns wurde nach Wien überführt und Donnerstag, den 18. d., Vormittags, fand hier das Leichenbegängnis laut testamentarischer Verfügung mit möglichster Einfachheit, aber unter geradezu coloffaler Betheiligung statt. Vertreter der Regierung, der Kunst und Wissenschaft, der hervorragenden Bank- und Geschäftswelt, Deputationen von Gemeinden und Vereine, mit einem Worte, alle Kreise der Gesellschaft waren erschienen, um den braven, wackeren Manne das letzte Geleite zu geben. Zn der Ceremonienhalle am Centralfriedhofe stimmte Obercantor Singer in zu Herzen dringender Weise das Hazur temim au und hierauf trat Oberrabbiner Dr. Güdemanu an die Bahre und schilderte das schöne Familienleben, den religiösen Sinn, die Humanität und Bescheidenheit des Verblichenen, deffen Kinder in seinem Geiste heranwachsen mögen. Rabbiner Dr. Schmied! richtete als Freund des Hauses Gutmann warme Trostworte an die abwesende, schwergetroffene Familie, welcher die Ergebung in den göttlichen Willen Linderung der so schmerzlichen Wunde bringen möge. Hierauf sprach der langjährige Procnrist der Firma Gmmann, Herr Ludwig Lazar, nan ens der Beamten tiefbewegte Abschiedsworte au den Verblichenen, m>d unter den üblichen Trauergesäugeu wurde sodann die sterbliche Hülle Dr. v. Gutmanns in der Familiengruft beigesetzt. Er ruhe in Frieden! Me Pflege -er jüdischen Litteratnr. Das schwache, jüdische Volk ist seit Jahrhunderten unsäg. lichen Qualen und Verfolgungen ausgesetzt und unsere Vorfahren mussten ihres Glaubens wegen die fürchterlichsten Torturen erdulden. Trotzdem die Cultur auf allen Gebieten stetig fortfchreitet, hat sie mit ihrem Aufschwünge das tiefeingewurzelte Leiden des Judenthums nicht beseitigt, und die Zeit, die alle Wunden heilt, träufelte keinen lindernden Balsam in die kranken Herzen der armen Juden. Im Gegentheile, von Jahr zu Jahr steigern sich die Verfolgungen, die, wie uns allen leider nur zu gut bekannt ist, in letzter Zeit gegen unsere rumänischen Brüder zu den unbeschreiblichsten Grausamkeiten ausarteten. Und trotz aller tosenden Stürmen, die das kleine Häufchen Juden von allen Seiten bedrohen, behauptet sich dennoch das schwache Volk. Allein mit größter Betrübnis sehen wir, wie die kleine Schaar allmählrg zusammenschrumpft, rvie der jüdische Geist, von allen Seiten unterdrückt, sich nicht mehr aufzuschwingen wagt, wie nufer theuerstes Kleinod, die jüdische Litteratur, die Ueberlicierung unser hervorragendsten Weisen und Gelehrten vernachlässigt wird. Sind doch die kostbarsten Schätze von dem jüdischen Volke aufgespeichert worden, und ist es nicht unsere Pflicht, den jüdischen Geist aus seiner Lethargie aufzurütteln? Setzen wir uns dieses hohe Ziel und der Erfolg wird nicht ausbleiben, wenn wir mit vereinten Kräften au das Werk gehen! Warum sollen wir die Gesellschaft Andersgläubiger aufsuchen, wo wir nur als Eindringlinge betrachtet und nur geduldet werden, wenn wir selbstständig arbeiten können und von dem hohen Gefühle beseelt, für unser Volk etwas zu leisten, angeeifert werden? Und namentlich die jüdischen Frauen und Mädchen sind in der Lage, die Interessen des jüdischen Volkes zu fördern, indem sie sich an einander anschließen, um vereint für den Aufschwung des Judenthums zu wirken. Ist es auch der Frau versagt, sich öffentlich der jüdischen Sache anzunehmen, so hat sie die Vorsehung mit milden Herzensgaben bedacht die es ihr ermöglichen, sowohl im Hause selbst, als in ihrem Bekanntenkreise für das Wiederaufblühen der jüdischen Litteratnr mit warmen Worten einzustehen. Seit Jahren besteht in Wien der litterarische Verein jüdischer Mädchen Moria", der, geleitet von solch edlen Intentionen, sich großer Beliebtheit und einer ansehnlichen Mitgliederzahl erfreut und seit langer Zeit sehr ersprießlich wirkt. Durch gemeinschaftliches Bestreben gestalten sich die Versammlungen des Vereines sehr anregend, Vorträge von jüdischem Geiste durchweht, begeistern die zahlreichen Zuhorerinnen, und wenn sich zum Schlüsse eine lebhafte Diseusion entfaltet, erfüllt jede Theilnehmeriu ein wonniges Gefühl, daä Bewusstsein der Zusammengehörigkeit des Judenthnms. Auch die größeren, öffentlichen Veranstaltungen des Vereines sind stets von bestem Erfolge begleitet. Der Verein „Moria" hatte auch Heuer Gelegenheit, wohlthuend zu wirken, indem er sich in den Dienst der guten Sache stellte und den unglücklichen Glaubensgenossen, den rumänischen Austvanderern, nach Kräften hilfreiche Hand bot. Da nun die Sommerferien zu Ende gegangen sind und die Versammlungen des Vereines Sonntag, den 14. October, 3 Uhr Nachmittags, im Vereinslocal, IX., Berggasse Nr. 20, begonnen haben, ergeht an sämmtliche jüdische Frauen und Mädchen die höfliche Einladung, sie mögen ein Stündchen den Vorträgen des Vereines widmen. Ohne Zweifel wird jede der geehrten Theilnehmerinneu befriedigt das Vereinslocal verlassen und eine stete Anhängerin und Förderin des Vereines bleiben. Litteratur. Kermann Löivinger, „Preßburger Ghettobilder". Mainz, 1900, Preßburg, das alte, liebe Preßburg und sein, wenn auch seit Jahrzehnten officiell aufgehobenes, in Wirklichkeit aber noch heute bestehendes Ghetto mit seinen charakteristischen Merkmalen hat in Hermann Löwinger, einem geborenen Preßburger, einen sehr gewandten, wahrheitsgetreuen und sachkundigen Beschreiber gesunden. Der verständnisvolle Leser wird aus jeder Zeile des sehr unterhaltenden Büchleins entnehmen können, dass sein Verfasser Selbsterlebtes, oft Liebgewordenes und Theures beschreibt, dass traute Jugenderinnerungen seine Feder geleitet haben. In den Kreisen des Preßburger orthod. Judenthums herrscht heute noch, wie schon vor Jahrhunderten, ein solch originelles Leben und Treiben, das dies sogenannte „kleine Jerusalem" seinen Kindern ebenso unvergesslich macht, wie es der Psalmist vom eigentlichen Jerusalem besingt. Und an dieser Unvergesslichkeit haben Sonnenwie Schattenseiten fast gleichen Antheil. Das heutige jüdisch-wissenschaftliche Leben Preßburgs bekleidet ungefähr die gleichwichtige Rolle, die im Mittelalter den jüdischen Gekehrten Spaniens zufiel, als Vermittler zweier verschiedener Culturwelten. In Preßburg berühren sich die Extreme des jüdischen Geisteslebens in oft seltsamster Weise. Man findet den eigentlichen „Chossid" neben dem alles bespöttelnden Neujuden, den Talmudgelehrten und Forscher alten Schlages, der es als schwerste Sünde betrachtet, ein deutsches oder gar lateinisches Buch anzurühren, neben den kampfeslustigen Freunden moderner Bildung, man findet da Hunderte von Männern, die ausschließlich vom Gottvertrauen und milden, verschwiegenen Gaben ihr und der Ihrigen Dasein fristen, die nur mit Hellern rechnen, dabei Tag und Nacht „lernen" und scharfsinnigen „Pilpul" entwickeln, neben dem lebensfrohen Juden, den ein Börsenerfolg glücklicher macht, als Dutzende von gelösten Widersprüchen in des Maimonides Schriften, kurz Preßburg ist noch für Jahrhunderte die Vorrathskammer für das durch die jüdische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.