Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 38 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. Dle Wahrheit. Seite 5. russificirt und bis zum Eintritt in das militärpflichtige Alter in Arbeit, Reiten in Entbehrung und Hunger geübt. Da vergaßen sie ihre Familie, ihre Sprache und ihre Religion. Die Eltern wussten nicht, wohin man die Kinder gebracht, die Kinder waren noch nicht schreibfähig, um den Eltern ein Lebenszeichen zu geben, mib so war jedes Band zerrissen und der Abschied der Tod. Ein weiteres Stück Leben ging alsdann langsam und bleiern im schweren Dienste vorüber. Ein Knabe wurde aus dem Vaterhause gerissen — müde, gebrochen und vom Zenith des Lebens niedergestiegen, oft mit Wunden beoeckt, oder siech, verließ der Mann den schweren Dienst — wohin hätte er sich wenden können im weiten, weiten Reiche? Da grisi er froh nach jeder Arbeit, die ihm zunächst lag. Zu Haue und Pflug, wenn ihm die Regierung eine Scholle Erde bot; zu einem Handwerk, wenn er eins erlernt oder zu Knechtdiensten, wenn er sonst nichts wusste. Es galt ein noch so kärgliches Stück Brot zu erwerben und ein Leben zu fristen, das eine Riete war und ein oft nur zu langer Todeskamps wurde — ab erden Heimweg fanden sie fast niemals wieder. 1,68 vaorts ne i'6vi6nn6nt pas! Daher der riesige Schrecken, den die Kinderrekrutirung in Russland zu verbreiten pflegte; daher der Jammer, der die Familien ergriff; daher die allgemeine Flucht der kleinen Knaben aus dem Vaterhause in die ferne und fremde Welt, in der so Viele kämpften und so Wenige siegten! — Ein jüdischer Sieg im Gemeinderathe. > Lemberg, im October 1900.! Die Intelligenz der jüdischen Gemeinde wie nicht minder! die elegante Welt Lembergs fühlt sich freier, eine schwere Sorge I fiel ihilen vom Herzen, da endlich einmal unsere jüdischen! Gemeinderäthe den Muth fanden, recht scharfe Opposition zu j spielen und im polnischen Magistratsparlamente ihre Rechte als! Auchbürger geltend zu machen. Glücklich, dass man es so weit j gebracht hat! Aber höret und staunet, welch' große Dinge auf! dem Spiele standen, tvie hoch der Kampfespreis, um den so heiß gerungen wurde, und es däucht uns, dass keine zweite Judengemeinde derlei Kampfobjecte aufzuweisen hat. Und was gabs denn eigentlich? Der Eine denkt, es sei die Lösung der Schulfrage, welche unsere jüdischen Gemeinderäthe von der Stadtgemeinde in der Weise verlangten, dass die Zinskreuzer aller jüdischen Gemeindemitglieder zur Einrichtung jüdischnatioualer Schulen ausgefolgt werden; der Zweite verfällt gar auf den Gedanken, es handle sich um die Frage der Anstellung jüdischer! Beamter in den Bureaus des Gemeinderathes, welcher zur Hälfte! aus jüdischen Taschen erhalten wird; und ein Dritter könnte leicht! auf die Frage verfallen, weshalb der Gemeinderath für seine I Schulen nur einige Lehrerinnen anstellt und sonst sich gegen j die Aufnahme weiterer Kräfte wehrt. Aber Alle, die so voreilig über unsere Lemberger jüdischen Gemeinderäthe und deren Arbeits- Programm urtheilen tvollten, täuschen sich gewaltig, derlei Lappalien geht mau hübsch sachte ans dem Weg, rvenn ein schwererer Alp die Hezzen unserer Matadore drückt. Das Factum muss erzählt und der Sieg unserer jüdischen Gemeinderäthe in irgend einem Pantheon verherrlicht werden. Die Lemberger Stadtgemeinde erbaute ein neues polnisches! Nationaltheater. Stadt und Land haben diesen Prachtbau, diesen j Tempel der polnischen Muse, mit einem Koftenaufwande von § zweieinhalb Millionen Gulderr (?) errichtet. Nun sollte dieses Theater am 2. October vertragsgemäß eröffnet werden, und unglücklicher Weise fiel dieser Abend auf den Kolnidre-Abend. Das große, judenerlösende Ereignis hätte also ohne unsere jüdische Repräsentanz, oder zum Mindesten nur in Anwesenheit eines Theiles derselben stattfinden müssen, was ja eine schreckliche Rücksichtslosigkeit bedeuten würde. Diesen Schimpf ließ sich der jüdische Theil des Gemeinderathes nicht anthun, es fielen scharfe Worte seitens des Herrn Gemeinderathes Jonas, Herr Dr. Byk versuchte in versöhnlichem Tone, gleichsam von seinem höher» Standpunkte aus darzuthun, wie unpolitisch es wäre, ein derartiges Fest ohne die jüdischen Vertreter zu begehen; ihm schloss sich der erzclericale Antisemit Professor Dr. Rydgier an, welcher es gewiss für gerathen hielt, sein zweites Eisen im Feuer zu halten — und so wurde der Erösinungstermin auf oen 6. October verlegt. Heil Euch im Siegeskranze! In großen Fragen, man sieht es deutlich, sind unsere Leute einig. Lueger, Strohdach und Consorten werden also schön zu Hause bleiben. Der sehr rührige Bürgermeister Malachowski hatte nämlich seine Collegen vom Fache der Bürgermeister mündlich zum bevorstehenden Eröffuungsfeste geladen, und wer weiß, ob nicht auch die anderen Anmemitenhäuptlinge, tvie Ritter Stampiglius vt tutti quanti bei dieser Gelegenheit ohne Quarantaine eingefchleppt worden wären, was wohl zu einer sntvnts ooräials zwischen den Wiener Antisemiten und den Lemberger Affemiten geführt hätte. Dem suchte nur der obgenante Herr Jonas vorzubeugen. Er tadelte das Vorgehen des Bürgermeisters, den deutschen Antisemitismus auch in Galizien einzuschleppen, stellte eine Demonstration seitens der Lemberger jüdischen Bürger und sonstige Krawalle in Aussicht und erfocht den Sieg. Der Herr von Wien und dessen Adlatus bleiben also ganz hübsch zu Hause, sie werden sich nun von Wiener antisemitischen Eotlets und Kalbschnitzeln nähren müssen und unsere Lemberger Ochsen mit ihrem Heißhunger verschonen. Indessen wollen wir den jüdischen Gemeinderätheu für diese Thal auch danken. Der Herr von Wien soll es erfahren, dass Juden seiner Ehrung im Wege gestanden sind, und die bereits verabredete verhinderten. Wo aber befanden sich diese Männer von Einfluss, als es galt, den Gemeinderath zu vermögen, die Millionenarbeiten auch unter jüdischen Arbeitern zu vertheilen? Wie viel saurer jüdischer Schweiß, wie viel jüdische Thränen haften ans dem Gelde, welches seitens der jüdischen Steuerzahler dem Landesfonde beigesteuect werden musste? Wann wird einmal der Bann gebrochen werden, in welchen unsere galizischeu Juden gethan lverden, diesen Boycor von oben und unten? Weshalb muß der hartbedrängte Semite von der assemitischen Presse erst ausgedrückt und dann auf den Proletariatsmisthaufen geworfen lverden? Wir gehen hoffentlich nicht fehl, wenn wir behaupten, dass wir den praktischen Zionismus bald auch hier zu fühlen Gelegenheit haben werden. Die Parole wird ausgegeben: Das jüdische Religionsbekenntnis hängt mit seiner jüdischen Nationaliät unzertrennlich. zusammen. — Oeconomisch und politisch verlangt der Zionismus alle Rechte eines österreichischen Volksstammes. Dr. Ludwig Niüer v. Gutmann. In der Blüthe der Jahre ist Montag, den 10. d. M., in Baden bei Wien der Mitchef der Weltfirma Gebrüder Gutmann, Herr Dr. Ludwig Ritter v. Gutmann, der einzige Sohn des Großindustriellen David Ritter v. Gutmann gestorben. Der Verblichene, der das 41. Lebensjahr erreicht hat, blieb trotz des Reichthumes, der ihn von frühester Jugend an umgab, bis an sein Lebensende eine einfache, dem äußerlichen Gepränge und dem protzigen Glanze abholde Natur. Er lebte nur der Arbeit und seiner Familie, und in dem trauten Heim, das er sich an der <^eite seiner Gattin, einer geborenen Baronin Günzburg, gegründet hatte, und in dem zur Freude der Eltern und Großeltern 7 Kinder heranwuchsen, wurde der echt jüdische Familiensinn in geradezu patriarchalischer Weise gepflegt. Dr. Ludwig Ritter v. Gutmann trat nach Beendigung seiner juridischen Studien und nachdem er den Doctortitel erlangt halle, in die Firma ein, wo er bald durch seine umfassenden commerziellen Kenntnisse, seine ungewöhnliche Tüchtigkeit und seltene Intelligenz eine dominirende Stellung einnahm. Er nahm, unterstützt durch seine große Kenntnis der commerziellen und finanziellen Verhältnisse in Oesterreich, an allen Unternehmungen der Firma hervorragenden Antheil. Ein unermüdlicher Fleiß, ein umfassendes Wissen auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens befähigten ihn bereits in noch jungen Jahren zur