Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 38 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Nr. 38. «»•i. -x. Vätern, nach den Müllern jammernd, die vernichtet daheim blieben oder zu Fuß händeringend dem Zuge folgten, als ob es ein Leichenbegängnis gälte. Waren die Soldaten hart, ' gab es Kolbenstoße, welche gleichzeitig den Aufschrei der Eltern und Kinder hervorriefeu und als die Thore der Kaserne sich hinter den kleinen Rekruten schlossen, klang es den Zurückbleibenden, als ob die Erdschollen dumpf auf Särge kollerten. Ein Mal ereignete sich folgender Fall. Ein Knabe, dessen Vater kürz nach der Geburt des Jungen zum Militär afsentirt wurde und bei den Kosaken diente, wurde knapp vor der Aushebung, über die Grenze geschickt. Ein Schmuggler übernahm es, einige Kinder in der dunkler Nacht, über ihm bekannte Waldespfade, nach Oesterreich zu bringen. Je finsterer die Nacht, je rauher das Wetter, desto günstiger sie Aussicht, aber auch iheurer die Schmugglerprämie, zu deren Ausbringung die Eltern oft ihre ganze Habe verpfändeten. Die Mutter folgte ihrem Kinde, sie trug ihm sein Bündel, sie stützte ihn, wenn die ungewohnten Füße des zarten Knaben den Dienst versagen wollten, sie betete für das Gelingen und weinte dem baldigen Abschied jenseits der Grenze heiße Thräneu — ein Abschied für Lebensdauer. Im Walde war es still, kein Lüftchen bewegte die Wipfel der Kiefern, umso hörbarer war das Rascheln der tobten Nadeln unter den Tritten der lautlosen Schaar, die langsam und vorsichtig, unter Vorantritt des grauen Schmugglers der Reichs grenze zuschritt, die nicht mehr ferne war. Da plötzlich regte sich's hinter den Bäumen und mit vorgehalrenen Picken und einem donnerndeil „Stoj!" stürzten zwei Kosaken, die von ihren, in der Lichtung haltendeir Pferden, gestiegen waren, der kleinen Karawane entgegen, die starr vor jähem Schreck, wie sestgebannt stehen blieb. Das erste Opfer brutaler Gewalt war der stämmige Schmuggler, der bevor er sich es versah, Handschellen trug; daurl war es die arme Frau, deren Hände rückwärts gebunden wurden. In geringer Entfernung stand die Hütte, welche den Grenzkosaken, bei Unbilden des Wetters, zum Asyl diente. Dorthin wurde der wehrlose Trupp, wie eine Herde getrieben, eingepfercht und von den beiden Grenzwächtern bewacht, um bei Tagesanbruch in den nächsten Grenzort überstellt zu werden. D:e Nacht war empfindlich ^kalt, die Kosaken hatten ihren Schnapsvorrath erschöpft und, um die Kälte zu bannen, schlug der Eine der Wächter vor, bei den Leuten drin in der Hütte nach Wudka zu suchen, da in Rußland doch kein Mensch ohne Schnapsflasche eine Reise aniriu. Diese von dem Kameraden beifällig aufgenommene Idee gebar eine zweite, noch glücklichere. Der Führer uild seine Jungen müssen doch auch einiges Geld bei sich führen — wie wör's, wenn man es ihnen vorerst abnähme, bevor man sie zu: Polizei stellt, oder, damit sie sich bei der Polizei nicht des an ihnen vollzogenen Raubes beschweren, dann einfach laufen ließe? Diese Ideen wurden gegenseitig zuerst schüchtern, mißtrauisch vorgebracht, dann leise und vertraulich ausgetauschl und durch Händedruck verständnisinnig bekräftigt. Die Kosaken traten daun in die finftere Hütte, in der die Gefangenen eng bei einander zitternd staudeu, zündeten eine kleine Laterne an und begannen die Leibesvisitation. Der erste Erfolg beim Schmuggler war sehr befriedigend, die Schnapsflasche war noch voll und die schmierige Brieftasche enthielt eine nicht unansehnliche Summe in russischen Noten. Dann kam die Reihe au die Frau. Als das Licht der Laterne auf das zähneklappernde Weib fiel, stieß der Kosak einen Ruf höchster Ueberraschung aus, dem ein gleicher Ausruf seitens der F>au folgte: „Sara, mein Weib!" „Michal, mein Mann!" — riesen sie im jüdischen Jargon. Der zweite Kosak schaute verwundert drein. Was dies bedeute? Eine ehemalige Bekanntschaft aus meinem Dorfe, antwortete der Andere mit schneller Selbstbeherrschung, und während Jener in großen durstigen Zügen die Schnapsflasche leerte, frug Michal sein Weib, was sie über die Grenze führe? Mit einem Blick bezeichnete sie den Jungen au ihrer Seite. Der Marin verrieth sich jedoch nicht weiter und schierr blos nach Schnaps zu suchen, sogar die kleine Welt hatte Vorrath davon,' und verschiedene Fläschchen mit Branntwein, Rum und Liqueur kamen zum Vorschein, die er seinem Kameraden „zum Aufbewahren" gab, welcher sich, schlau schmunzelnd, in einen dunklen Winkel der Hütte zurückzog, auf den Boden niederhockte rrnd ohne sich um das Weitere zu kümmern, Flasche aus Flasche in unstillbarer Gier leerte, daun sich grunzend hiustreckte und nach ganz kurzer Zeit, wie ungeschmierte Räder schnarrte. —' Jetzt war nichts zu besorgen, die Gefangenen konnten befreit werden, der Vater den Sohn umarmen und sich an die Spitze des Zuges stellen, seinen betrunkenen Gefährten allein lassend. Oer Grenzgraben war nahe und in der Ferne schimmerten durch die entlaubten Bäume die Lichter aus den nächsten österreichischen Ortschaften. Lautlos schritt die Karawane in das benachbarte Reich. Da hielt der Kosak. „Zieht mit Gott," sagte er zu Frau und Kind, stehen bleibend, „dieser Weg führt Euch gerade hin nach Brody, wo Ihr frei seid. In wenigen Wochen erlischt mein Eid, mein Dienst geht zu Ende, dann folge ich Euch, um zu- . sammen zu leben und zu arbeiten. Hier, Alter, ist die Hälfte Deines Geldes, die andere Hälfte muss ich. meinem Kameraden geben, sobald er erwacht, damit er mich nicht verräth. Und wenn Du wieder Kinder hinüberschmuggelst, so lasse es zuerst den Wirth in der Waldschenke wissen, er soll es dem Kosaken Michal sagen und versorge Dich mit etwas Geld und viel Rum. Lebet Alle wohl bis auf bessere Zeiten mit weniger Noth und Kampf." Es kamen auch freiwillige Repatrirungen vor, alsdann. aber kamen ganz andere Leute zurück; reise, kulturgeschliffene Menschen unter anderen Namen, als sie zur Zeit ihrer Flucht und Kindheit trugen, und mit europäischen Ideen getränkt, die im damaligen, und noch im gegenwärtigen Rußland nls Contrabande galten. Knaben, die von der Natur gut veranlagt, vom Geschicke begünstigt und von humanen Menschen geleitet waren, konnten im gastfreien Auslande sich den zusagenden Studien hiugeben und nach etwa drei Lustreu den Lohn fleißiger Arbeit, das Doctordiplom einheimsen. Während dieser Zeit streiften sie die alten Gewohltheiten, den Typus und den Familiennamen ab, metamorphosirten sich vollständig im Geiste der Neuzeit und westlicher Cultur und konnten mit vollster Beruhigung ohne Gefahr, erkannt, ergriffen und verurtheilt zu werden, russischen Boden betreten. Hier gab es ein weites Feld für die Thätigkeit leistungsfähiger Menschen, die gediegenes Wissen aus dem Auslande brachten. In. der Armee fehlte es an Aerzten, beim Eisenbahnbau an Technikern^ in den höheren Lehranstalten an Professoren. Die Finauzwirthschaft, die Nationalökonomie und die Statistik lagen im Argen, ans Mangel an brauchbaren Kräften und wenn sich ein im Auslande ausgebildeles, gut atlestirtes, der russischen Sprache fähiges, polizeilich nnbeanständekes Individuum meldete, so wurde es bereitwillig in Dienst genommen, gleichzeitig aber auch von der dritten Abtheilung, die Herz und Niere aller Reußen zu prüfen hatte, sorgfältig überwacht. So wimmelte damals die russische Verwaltung von Ausländern aller Branchen, die von den Behörden ungeahnt, in der Mehrzahl ursprünglich Russen waren, deren Wiege in irgend einem russischen Neste stand und deren Jugend, von Noth und Elend umschattet, der Läuterungsprozeß für eine glücklichere, dem Dienste des Vaterlandes gewidmete Zukunft war. Einst kehrte ein solcher Flüchtling, als Staatsangehöriger der Schweiz, nach Russland zurück, etablirte sich in Odessa als Vertreter einer englischen Dampsschiffahrts-Gesellschast und verkehrte in den besten Kreisen. Zur Erlangung eines „Tschin“, eines Adelsrauges, beschloß er sich taufen zu lassen und die russische Staatsreligion anzunehmen. Zu diesem Zwecke richtete er ein Immediatgesuch an ben Zar Nikolaus mit der Bitte, der Tauspathe sein zu wollen. Mau kau»t sich den Unwillen des Kaisers, ob dieser beispiellosen Anmaßung denken. Derselbe erledigte die Eingabe mit dem Entscheid: ..N. N. darf sich überhaupt niemals in Russland taufen lassen." Dieser Herr erhielt in Folge dessen die humoristische Bezeichnung: „Der ewige Jude." Die Knaben aber, deren Flucht nicht gelungen oder deren Armuth dieselbe nicht ermöglichte, sind in das Innere Russlands verschickt worden, wo sie bei Bauern- oder Kosakensamilien unterbracht und erzogen wurden. Da wurden sie abgehärtet,