Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 38 (19.10.1900)
- Date
- 1900-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Adminiftrarion Wien. II/1, Novaragaffe 27. A k österr. Postsparcassa Eheck-Conlo Nr. 846.251. 2V Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und JnsertionS» betrüge sind in Wien zahlbar. «abhängige Inlere-sen. Erscheint jeden Freitag. Mott« : .Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" £qitg»pm& Ganzjährig Halbjährig ». 13.— A. 6.- Für Lultosbeamte: Ganzjährig ... St. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 12 Mark!! 6 Rubel oder 16 FrcS. «r. 38. Wien, 19. October 1999. Inhalt r Unter Nikolaus I — Ein jüdischer Sieg im Gemeinderathe. — Dr. Litteratur. — Feuilleton : Heimweh. — Orgel in Synagogen. — Ludwig Ritter v. Gutmann - Verschiedene Nachrichten. - Die Pflege der jüdischen Litteratur. — Aie geehrte« Kerren Aöonnenten werden dringendst ersucht, die früher öeigetegte« WoücheLs, resp. Uostanweisnnge« zur Hinsendnng des Avounementsketrages umgehend;u öemihcn. Ii« Administration. Unter Nikolaus I. Eine Reminiscenz von Leo Herzberg-Fränkel. Es >var unter der Regierung des Zaren Nikolaus, des despotischen, gewaltigen Mannes, der mit mächtiger Hand die Zügel der Regierung führte und in die Geschicke Europas eiiu griff. Das Hauptaugenmerk des zielbewussten Monarchen war auf die Unisormirung der Geister seiner Unterthanen und auf die Russificirung aller unter seinem Szepter lebenden Nationalitäten gerichtet. Sein energisches Bestreben ging dahin, aus allen Menschen, die von dem nördlichen Eismeere bis zum schwarzen Meere, von dem Uralgcbirge bis zur Ostsee leben, die Anbeter einer Religion und die Verehrer eines gottähnlichen Zaren zu machen. Die Deutschen in ihren blühenden Colonien, die Juden in den ehemals polnischen Provinzen, Katholiken, Protestanten traf in gleicher Weise die schonungslos nivellirende Hand des Selbstherrschers aller Reußen an der Newa. Besonders waren es die Juden, die er dem russischen Volke assimiliren wollte. Um dies gründlich durchzuführen, besiHloss er die Knaben schon im zarten Alter ausheben und bei Russen erziehen zu lassen, wo sie ihren Ellern, ihrem Volke, ihrer Religion, ihrer Sprache entfremdet, als unverfälschte Russen aufwachsen und für den Kriegsdienst abgehärtet werden sollten. Alljährlich wanderten die ambulanten Assentcommisfionen von Ort zu Ort und stellten eine förmliche Kinderjagd >an, um Knaben einzufangen, von denen die Krüppel, selbstverständlich auch nicht ohne Bakfchisch, entlassen, die halbwegs Tauglichen aber gewaltsam entführt wurden. Wie einem schweren Unglück, wie einer Katastrophe sahen die armen Judensamilien der Recrntirung entgegen — es galt für die Eltern den Verlust der Söhne, den Abschied für das! ganze Leben, denn nur selten kam man damals aus dem Militär-; dienst in die ferne, vergessene Heimat zurück, in der man kaum! mehr ein Wiederfinden der alten Eltern hoffen durfte. Wer i konnte, schmuggelte die Knaben über die Grenze nach Oesterreich, wo sie aufsichtslos aufwuchfen und meist dem Elend preisgegeben waren; zuweilen auch, allerdings selten, von barmherzigen Menschen aufgelesen, gepflegt, unterrichtet und einer glücklicheren! Zukunft eutgegengeführt wurden. Es gab und gibt Leute in 1 hervorragenden Lebensstellungen, Männer von Namen und Stand, deren Wiege in einem elenden russischen Neste stand, die als kleine Jungen mit einigen Kopeken in der Tasche und einem Bündel Fetzen in der Hand, bei Nacht und Nebel über die Grenze geführt, im fremden Lande unter fremden Menschen ausgesetzt wurden und nach unsäglicher, jahrelanger Noth, nach schwerem Ringen und harten Entbehrungen die höheren Sprossen der socialen Leiter hinaufkletterteu. Die meisten Kinder gingen jedoch zu Grunde oder wanderten weiter, immer weiter, genährt vom Bettel und verloren sich in fremden Ländern oder fernen Welttheilen, ohne je wieder die Angehörigen gesehen zu haben. Was Wunder, wenn die armen Eltern, um sich ihre Kinder zu erhalten, sie zum Militärdienste untauglich machten, indem sie dieselben verstümmelten? Zogen sie doch vor. ihnen einen Finger der Hand abhauen, ein Auge ausstechen, einen Fuß ausrenken zu lassen, als sie ganz und für immer zu verlieren! Ein Glück war es, die Knaben über die Grenze bringen uns sie dort unter fremdem Namen verbergen zu können. Es gab damals eigene Schmuggler für Menschenwaare. In hoch beladenen Getreide¬ oder Heuwagen lagen die kleinen, beim Leben ihrer Eltern verwaisten Jungen, unbeweglich und dem Ersrickungsrode preisgegeben — eine lange und bange Ewigkeit dauerte die halbstündige Fahrt über die Grenze — oder sie wanderten zu Fuß, leise, langsam, vorsichtig, in den Spuren ihres Führers — auf jedem Schritt, hinter jedem Baum lauerte die Gefahr. Wie oft wühlten die herbeigesprengten Kosaken mit ihren Picken in den mit Garben oder Heu stockhoch beladenen, von Grenzbauern geführten Erntewagen und stachen in das Fleisch der darin verborgenen Jungen! Wehe dann, wenn der getroffene Körper zuckte oder ein Schmerzensschrei laut wurde! Oft war es der Vater, der für den entwichenen oder verstümmelten Sohn büßte, indem er, wenn er auch schon das militärpflichtige Alter überschritten hatte oder den Anforderungen noch so wenig entsprach, zur Armee, zum Grenz- oder Spitalsdienst assentirt wurde. Die Verordnungen waren in dieser Beziehung strenge, noch schonungsloser die mit seinem Vollzug betrauten Beamten, die ungestraft jeve Willkür üben konnten. Es war herzergreifend, die Schaar kleiner Kinder zu sehen, die von bärtigen Soldaten escortirt, in die nächste Kreis ftadt getrieben wurde, in erschütternden Klagetönen nach de