Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 37 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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AieIAahrchsit Redaction u. Administraiion Wien. II/l, Novaragaffe 27. St. t- Sperr. PostjparcafiL Eheck-Conto Nr. 848.251. > » sira l, 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertions» beträge find in Wien zahlbar. Unabhängige Heitfchrift für jüöifch e Erscheint jeden Freitag. Mott« : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit £e)ttgsptsts: Ganzjährig . . -St. 12.— Halbjährig . . . Ä. 6.— ii Mr Lultusbeamte: j| Ganzjährig ... St. 10.— ' * ii Für Ausland: | Ganzjährig .... 12 Mort 1 6 Rubel ober lti ^rcs. ,| «r. 37. Wien, 12. October 190». Inhalt r Succoth. - Gemeinde- - Kol nidre tu die Schule. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Joel Wolf. — und Vereinsbote. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Nihilist. Obercantor Eduard Löwenherz. — Aie geehrten Kerren Abonnenten werden dringendst ersucht, die der vorigen Kummer veigetegten Kostchecks, resp. Postanweisungen zur Einsendung des Abonnementsbetrages umgehend zu benutzen. Aie Administration. Luccoth. Von Rabbiner Dr. N a ch.t, Jafsy. „Weshalb feiern wir Succoth?" „Woran soll uns die die „Hütte" erinnern?" lautet die Frage, die die Lehrer des Talmud bei der Besprechung dieses Festes auswersen. Q, schöne, glückliche Zeiten, wo noch die Succoh-Ceremonie einer Erklärung bedurfte, wo noch über den Brauch, den festen Wohnsitz mir einem unsicheren Heim zu vertauschen, besonderer Ausschluss nöthig war. Nicht also ergeht es nns. Wir fragen nicht mehr, wir sehen es mit eigenen Augen, weshalb Israel seinen festen i Wohnsitz verlässt. Mit unerbittlicher Strenge wird unseren > Brüdern der Wanderstab in der Hand gedrückt, in barbarischer Weise werden sie gezwungen ihr geliebtes Heim zu verlassen, um mit Frau und Kindern unter freiem Himmel ein unsicheres und nnstätes Dasein zu fristen. Und dennoch wäre nichts dem Charakter dieses Festes widersprechender als diese Betrachtungsweise. Israel darf nicht die Frage nach dem Grund der „Succah" unterdrücken, es darf j nicht das Succothleben als etwas Selbstverständliches, als unav-! änderliches Geschick betrachten. Fragen soll der Israelit vielmehr, : weshalb er allein unter allen Menschen dazu verurtheilt ist,! ein Succothleben zu führen. Die Jugend, die in ihrem kritischen! Wissensdrange an alles mit Fragen heranstürmt, die nach Freii heit lechzende Schaar, sie ist es besonders, die auch an dieser! Erscheinung, an den Succoth-Ceremouien und den sich daraus! für das Lebensgeschick unserer Nation ergebenden Lehren nicht | mit Gleichgiltigkeit vorübergeheu darf. Die jüdische Jugend soll j in die Gegensätzlichkeit, die zwischen der schwankenden, allen! Fährnissen ausgesetzten „Succah", der heimatlosen Heimat, die j die Völker Israel anweisen, und dem festen, sichern Wohnsitz, j dessen sich alle andern Menschenkinder erfreuen, emgeweiht werden, j Die jüdische Jugend soll sich die „Succah", in der sich das j Geschick unseres Volkes im Exil so treu abspiegelt, soll sich i dieses gleichsam lebendige Fragezeichen, welches an das traurige! Los Israels unter den Nationen gemahnt, genau anfehen. Sie \ soll die zwiefache Bedeutung der „Succah" erfahren. Eriunern j soll sich die jüdische Jugend dadurch an die große Vergangenheit j ihres Volkes, au den Auszug Israels aus Egypten, an seine Wanderung durch die Wüste, wo es in Ermanglung eines sichern Heims sich aus solche Nomadenhütten beschränken musste; gedenken soll sie andererseits auch der Gegenwart, wo Israel aus einer Wanderung durch die moderne Wüste ebenfalls gezwungen ist, sich eines solchen unsicher» Heims zu bedienen. Von einem berühmten Talmudweisen wird erzählt, dass er das Zimmer eines am Succothseste neugeborenen Kindes in eine Art „Succah" verwandeln ließ. Ja, mir der Muttermilch muss der jüdische Jüngling die Freiheitslebren seines Volkes einsaugen, sie müssen gleichsam die Lieder sein, die seine Wiege Umtauschen; frühzeitig soll er das Wohl und Wehe seines Volkes, die Stürme, die das jüdische Schisilein umbrausen und umbranden, kennen lernen, um als erfahrener und sachkundiger Streiter in den Kamps für jüdische Ehre eintreten zu können. Nur von einer solchen Jugend können wir die Errichtung der „eingestürzten Davidshütte" erwarten, jener „Friedenssuccah", die die heiligste Sehnsucht unseres Volkes bildet. Ja, eine „Succoth-Schalom", eine „Friedenshütte" ist es, die wir wünschen. Aus friedlichem Wege suchen wir unser Los zu verbessern, aus den Schlachtfeldern des Gedankens wollen wir unseren nationalen Kamps anssechten, um jenen Sieg zu erringen, der „Sieger wie Besiegle ehren wird." Es ist ein altjüdischer Brauch, dem die Frommen in Israel bis aus den heutigen Tag treu geblieben, am Ausgange des Versöhnungstages gleich mit der Errichtung der „Succah" zu beginnen. Die Grundlage der jüdischen Hütte, der Eckstein des jüdischen Hauses ist Friede, Versühnung der Geist, der die „Davidshütte" durchwehr. Im Sinne der zweifachen Lehre, die uns das Succothsest vorträgt, handeln die Freiheitskämpfer Israels, wenn sie das jüdische Volk einerseits an sein trauriges Los, an seine unsischere, jeder Sturmgewalt ausgesetzteu modernen „Succah" gemahnen, und es andererseits an seine große Vergangenheit, an den Auszug aus Egypten und die Freiheitshütten seiner Ahnen erinnern. Vom Geiste der „Davidischen Friedens- Hütte" ist auch das edle Unternehmen durchdrungen, das jüdische Volk in seine alte Heimat zurückbringen zu wollen. Es ist ein Friedenswerk, ein Werk der Versöhnung zwischen Juden und Nichtjuden. Denn nur in unserer alten, heiligen Heimat können wir die ersehnte Ruhe erlangen, die sowohl uns wie der Ge-