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Die Wahrheit · 1900-10-12 · Heft 37 (12.10.1900) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 37 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Wahrheit. Nr. 37. Serie 4. K sammtheit zu Gute kommen wird. Israel gleicht dem Wanderstabe der Sage, der überall grünt, der aber nur in seiner Heimat Wurzel fassen kann. Wie im ersten Grün, wie im jungen Tau, so zeigte sich die geistige Lebensgestalt Israels aus allen Gebieten menschlichen Schaffens, überall, wohiit es auch verschlagen ward, hat es in jugendlicher Frische Geistesfrüchte hervorgebracht, an denen sich die ganze Menschheit gelabt; in seiner vollen Krast und geistigen Stärke aber kann es sich nur in seiner eigenen Heimat entfalten, Wurzel kann dieser gleichsam überall grünende Wanderstab nur in Zion, in der „friedlichen Davidshütte" fassen. Die biblischen Feiertage, die mit Pessach ihren Anfang nahmen, finden im Succothfest ihren Abschluss, und unwillkürlich drangt sich uns der Gedanke auf. eine Betrachtung über den Zusammenhang des Anfangs- und Schlusssestes anzustellen. Peffach und Succoch, das Frühlings- und das Herbstsest, sind trotz ihrer zeitlichen Entfernung geistig verwandt. Beide galten ste der Erinnerung an den Auszug Israels aus Egypten, beiden ist das Bestreben gemein, die jüdische Jugend in die Freiheitslehren ihres Volkes einzuweihen, beide wenden sich an das jüdische Volk und fordern es znm Leben auf. Stillschweigend machen sie es, wie die Zeit, in die sie fallen, mit den das Leben beherrschenden Gesetzen bekannt. Dort die Omergabe, das Symbol des Frühlings, wo alles zu neuem Leben erwacht, ein Blühen und Leuchten durch die ganze Nation, von dem die menschliche Seele wieder hell und heiter wird, wärmende Sonnenstrahlen, die den Nebel der Verzweiflung und der Muthlosigkeit wegglühen, süße Klänge der gefiederten Sänger, die auch das trübste Gemüth erheitern und es aus seinen dunklen Kammern . hinauslocken auf die blühende Wiese und die lachende Flur. Hier das Verlassen des sicheren Wohnsitzes und das Ausschlagen eines schwankenden Zeltes, ein Vergehen und Entstehen, ein Kampf zwischen Sein und Nichtsein, zwischen schwankendem und sicherem Wohnsitz; man siehtdie Früchte in ihrer vollen Reife, aber man sieht auch die Blumen welken und die Blätter fallen. Hier, wie dort, das Frühlingswie das Herbstfest, ist es der Mahnruf zum Leben in seiner bunten und wechselvollen Gestalt, der an uns ergeht. Er lautet: „Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein." „Kol nidre“ in der Schule. Wer kennt nicht jene herrliche Melodie, die erhabenste Ouvertüre, wenn wir sie so nennen dürfen, die feierlichste Einleitung des großen und heiligen Tages der Buße und Versöhnung? Wo ein Jude lebt, weiß man das „Kol nidre“ zu würdigen und bedeutende Componisten ließen es sich nicht nehmen, diese herrliche Melodie selbst für große Orchester in Noten zu setzen und dadurch zur Verbreitung derselben auch in nichtjüdischen Kreisen beizutragen. Sollen wir's versuchen, den Eindruck zu schildern, den das „Kol nidre“ durch seine sanften, schmelzenden aber auch gewaltigen Töne, die bis in das Innere unseres Herzens dringen? Wer diese gehört und empfunden, em sagen wir nichts Neues, aber unsere Heranwachsende Jugend, ramentlich in der Großstadt, müssen wir mit diesem uralten, traditionellen und gewissermaßen geheiligten Gesänge vertraut machen und nicht minder mit unser ganzen "herrlichen Liturgie, die ja einzig iu ihrer Art ist. Mein junger Freund, im Besitze eines vorzüglichen Edisonischen Phonographen, stellte mir denselben eines Tages zur Verfügung und ich beschloss, das „Kol nidre“, das der Apparat in der Stimme eines vortreffliche» Cantors wiedergab, in der Schnle vortragen zu lassen. Vom genialen Erfinder des Phonographen, der gleich großen Weltweise» mit dem betreffenden Segensspruche, den unsere Religion vorschreibt, begrüßt zu werden verdiente, ausgehend, den Versöhnungstag und das denselben einleitende „Koi nidre“ erklärend, ließ ich zuletzt den Apparat „Kol nidre“ vortragen. Athemlos lauschte das junge dem großen Schulsaal füllende Auditorium auf die herrliche Melodie, der neuerdings erklärende Worte folgten und der Phonograph-musste nochmals „Kol nidre“ „singen". In dieser einen Stunde, die Allen unvergesslich blieb, haben sie viel gelernt, und ich musste mir sagen, dass diese geniale Erfindung, wie für viele andere Uuterrichtszweige, auch für den Religions-Unterricht mit Nutzen werde Anwendung finden. Wie Predigten berühmter Kanzelredner, werden auch religiöse Gesangsvorträge berühmter Cantoreu durch den Phonographen in den Originaltönen nicht nur ausgenommen und der gänzlichen Vergessenheit entrissen, sondern mit großem Nutzen beim Unterrichte unserer modernen Jugend vorgeführt werden können, die für alles Gute und Schone empfänglich ein erneuertes Interesse unserer alten, heiligen Sprache, dem liturgischen Gesänge und dem Gottesdienste überhaupt eutgegenbringen wird. Wenn die k. k. Akademie der Wissenschaften zu Wien jetzt daran geht, sämmtliche Sprachen der Welt an Ort und Stelle in der Originalaussprache phonographisch aufnehmen zu lassen, sollten von berufener Seite unsere alten hebräischen Gesänge und Melodien ebenfalls als Phonogramme ausgenommen werden, damit sie uns auch iu dieser Weise erhalten bleiben. __ M. Antscherl, Wien. Än« der Wiener Cnltnsgemeinde. Die erste öffentliche Plenarsitzung des Enltusvorstandes nach den Sommerserien brachte die Mittheilnng, dass die Regierung die vom Vorstände beschlossene Statutenänderung genehmigt habe, deren wesentlichster Inhalt in einem Privilegium für die höchsten Steuerträger, in der Ertheilüng des Pluralitätswahlrechtes besteht. Da soll itoch Jemand über die Regierung Klage führen! Kaitn man sich denn eine bessere denken? Sie lässt jeden nach seiner Fatzon selig werden und legt weder den Antisemiten in der Wiener Rathhausstube noch den Inden in der Eultusgemeiude etwas in den Weg. Bedenklich ist dabei nur das Eine, dass die Errungenschaften da wie dort eine etwas dunkle Färbung tragen. Aber die Freude über diese neueste Errungenschaft des Eultusvorstandes war denn doch eine recht gedämpfte, denn es fehlte an den sonst üblichen überschwänglichen Lobeshymnen, und selbst die eifrigsten Verfechter der neuen Wahlordnung scheinen die Empfindung gehabt zu haben, dass es am besten sei, über dieselbe zu schweigen. Gegen die nunmehr genehmigte Wahlordnung weiter anzukämpfen wäre nutzlos, vielmehr muß das Streben aller Jener, denen das Wohl der Wiener Cnltnsgemeinde am Herzeit liegt, darauf gerichtet sein, trotz der reactionären Wahlordnung die Gemeinde in die Bahnen des Fortschrittes und der stetigen, gedeihlichen Entwicklung zu lenken. Hoffen wir, dass auch die „Großen" der Gemeinde, denen zu Liebe man einen so bedenklichen Schritt nach rückwärts gemacht hat, ihre Mitwirkung hiezu in vollstem Maße leihen werden. Im Nachfolgenden der Bericht der Vorstands-Sitzung: Der Präsident eröffnet die Sitzung mit einer von der Versammlung beifällig aufgenommenen Begrüßung des zum erstenmale nach einem längeren Urlaube an den Vorstandsberathungen wieder theilnehmenden I. Vice Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Dieser stattet seinen Dank mit der Versicherung ab, dass er, wenngleich Gesundheitsrücksichten ihn einige Zeit vom Vorstandscollegium fernegehalten haben, in diesem Intervalle doch seine Muße den Interessen des Judenthums und dem Gemeindewohle gewidmet habe. Spenden. An Spenden stud eingelaufen von: Frau Julie Stern für den israelitischen Frauen-Wohlthätigkeitsverein Kr. 10.—, Herrn Moriz Edler von Kuffner für Arme des XVI. und XVII. Bezirkes 200.—, Chewra-Kadischa des XVI. und XVII. Bezirkes für Arme dieser Bezirke 200.—, Frau Josefine Paul- Schiff als Erlös einer Betsitzkarte für das israelitische Taubstummeninstitut 30.—, Herrn S. Karplus für den Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen 5.—, Herrn Adolf Pollitzer zur Ausspeisung jüdischer Gefangener an den hohen jüdischen Feiertagen 10.—, Herrn Moriz Eisler anlässlich der Verheiratung seiner Tochter: für die Chewra-Ka-

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