Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 36 (2.10.1900)
- Date
- 1900-10-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-Ungar. Kantoren-Ieitung. Nr. 36. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Eins ist nöthig. Von M. L i n d n e r, Bunzlau. III. Wir können aber erst dann auf die Durchführung der materiellen Postulate dringen, wenn die Cantoren vorher die idealen Forderungen verwirklicht haben. Wollen wir Besseres haben, so müssen wir uns auch bestreben, etwas Besseres zu leisten. Was wir in materieller Beziehung beanspruchen, ist schon oft verlangt worden. Es ist aber wirklich auch die höchste Zeit, dass dieses Begehren endlich einmal erfüllt werde. Vor Allem fordern wir natürlich die definitive Anstellung. Es ist eines Cantors und Religiouslehrers unwürdig, dass ihm, wie einem Knechte, jeden Monat gekündigt werden kann, dadurch befindet sich der Beamte fortwährend in gedrückter und abhängiger Stellung; das darf nicht sein. Damit er seines Amtes als Cantor und insbesondere seines Erziehungswerkes voll walten kann, muss er unabhängig sein, und auch dem Einen oder Andere» einmal einen Spiegel Vorhalten können. Kann er das heute? Er darf es nicht. Der Herr Vorsteher könnte es sehr übel deuten, und wie lange dauert es dann, nach Ablauf der Vertragszeit wird der „M i e t h s c o n t r a ct" nicht erneuert, und der Cantor kann sich eine andere Stelle suchen. Ist das ein eines Cultusbeamten würdiger Zustand? Und dann, wenn er alt geworden ist, wenn er die letzten Kräfte ,im Dienste der Gemeinde verloren hat, dann heißt es: „Der Cantor ist schon alt, er kann nicht mehr lange amtiren." Darum wird er entlassen. Ist ein solches Verfahren nicht himmelschreiend? Die definitive Anstellung ist der Anfang und das Ende unserer Forderungen. Darauf hin müssen wir mit aller Kraft arbeiten, das sei unser erstes und letztes Ziel. Mit Erreichung dieses Zieles werden dann die anderen Forderungen Hand in Hand gehen; denn mit der definitiven Anstellung kommt dann auch r>ie Pensiousberechtigung. Kann es denn eine Gemeinde veranworten, dass sie einen Beamten, der so und so viele Jahre für ein kärglich Stückchen Brot gearbeitet hat, dann einfach gehen lässt, weil er hinfällig und abgearbeitet ist? Oder muss er bis zum letzten Augenblick seines Lebens im Amte bleiben? Was soll dann die Witwe mit - ihren Kindern anfanhen? Darum ist unsere zweite Hauptforderung Pensionsberechtigung und Versorgung der Hinterbliebenen. Das andere findet sich dann leichter. Ist erst der Beamte definitiv angestellt, dann wird er in der Gemeinde eine ganz andere Stellung einnehmen, denn er ist ein unabhängiger, freier Beamter, der frei und ohne Furcht seines Amtes treu wallen kann. Er ist dann der Gemeinde „nebengeordnet", nicht wie es heute so oft der Fall ist, wie ein Diener untergeordnet. Die Stellung, die der Cantor heute einnimmt, ist — ich spreche dies wiederholt aus — des Cantors unwürdig, und nicht blos seiner unwürdig, sondern auch unserer heiligen Religion; denn in den meisten Fällen vertritt doch der Cantor unsere Religion nach außen hin. Wer den Vertreter der Religion nicht achtet, der misachtet seine Religion, das ist klar. Eine durchgreifende Besserung in der socialen Stellung, wie auch in materieller Hinsicht ist unbedingt erforderlich. Äaum Kippur. Von Rabbiner Dr. Jakob Nacht, Jassy. Wenn wir ein Buch, das wir leihweise erhalten, lesen und hie und da, wie es zuweilen vorkommt, unterstrichenen Stellen begegnen, überkommt uns ein eigenthümliches Gefühl. Wir machen unwillkürlich Halt, sehen uns die unterstrichenen Stellen genauer an, prüfen sie ans ihren Inhalt hin und ziehen daraus Schlüsse auf die seelische Verfassung des unbekannten Lesers. Je fetter die unterstrichene Stelle, desto auffordernder, zur Betrachtung anregender wirkt sie aus uns ein. Wie mit der Lectüre des wirklichen Buches, so verhält es sich mit der des gewaltigen, alles umfassenden Buches: „Leben". Wollen wir Einsicht gewinnen in das Völkergetriebe, wollen wir ihr psychisches Leben kennen lernen, so müssen wir auf die verschiedenen Sitten und Gebräuche, denen ein jedes Volk huldigt, achten. Je fester das Band, das eine Nation an diesen oder jenen Brauch knüpft, desto berechtigter sind wir, dies als die Grundlage ihrer ethischen Weltanschauung und ihres nationalen Characters aufznfassen. Unterstrichene Stellen im Buche des jüdischen Lebens sind die Festtage, jene Tage, wo der ganze Zauber jüdischer Familienliebe sich in seiner majestätischen Pracht und erhabensten Herrlichkeit aller Welt offenbart. Doppelt unterstrichen unter den jüdischen Festtagen ist der Versöhnungstag. Er führt die Doppelbezeichnung „Dabath Sabathon." Es ist der „ehrsurchtgebietende Tag," das Fest, an dem ganz Israel mit unerschütterlicher Treue festhält. Und was ist diese doppelt unterstrichene Stelle in unserem Buche anders als ein deutlicher und unwiderleglicher Beweis dafür, dass „Versöhnung" eines der wichtigsten jüdisch-nationalen Merkmale bildet? Nichts ist daher dem jüdischen Volkscharacter so zuwider wie Zwiespalt, nichts seiner ethischen Weltanschauung so entgegengesetzt wie Parteizwift und Kastengeist. Versöhnung ist der Grundpfeiler, von dem die ideale Welt des jüdischen Volkes getragen wird. Gleich nach der Ankündigung des neuen Jahres durch die Schofartöne, das Symbol der jüdischen Freiheit, tritt uns Jaum Kippur mit seinem heiligen Ernste entgegen. Es wird uns gleichsam damit angedeutet, dass in das neue Jahr, wo Altisrael die' Freiheitsklänge vernommen, der Geist der Versöhnung und der Gleichheit einziehen muss. Denn, wo diese fehlt, da kann die Freiheit nicht gedeihen. Diese Versöhnnngsstimmung darf aber nicht aus die Synagoge und diesen Tagallein sich beschränken. Die Jaum Kippur-Lehre muss das ganze sociale Leben unseres Volkes beherrschen. Auch außerhalb der Synagoge, in der Familie und im Verkehre mit unseren Mitmenschen soll sich die Gnadensülle dieses heiligen Tages offenbaren; nicht blos in den Momenten der Noth und des Ernstes, sondern auch in denen der Freude soll der Versöhnuilgs- und Gleichheitgeist die Triebfeder unseres Schaffens sein. Und wahrlich, ein Blick in diese Geschichte unseres Volkes lehrt uns, dass Altisrael die erhabene Lehre dieses Textes in ihrer vollen Tiefe zu erfassen wusste. „Es gab keinen schöneren Festtag in Israel," erzählt der Talmud, „als den 15. Ab und Jaum Kippur. Da zogen die Töchter Israels hinaus ans Wiese und Flur, um sich an der freien Natur zu ergötzen. Arm und Reich genossen ohne Unterschied des Standes der Festesfreude in gleichem Maße. Liebe und Gleichheit waren die Seele des Festes. Jene Gleichheit, die jene wunderbare Einrichtung geschaffen, dass Arm und Reich in derselben Kleidung auf dem Feste .erscheinen sollten. Die Neichen mußten zu Gunsten der Armen verzichten. In schlichter, weißer Gewandung, die sie von Andern geliehen, erschienen die Reichen auf dem Festplatze, damit die ärmere, besitzlose Classe sich nicht zurückgesetzt fühlen solle. Der irdische Glanz und Prunk mußte abgelegt werden, um dem idealen, geistigen Schmuck Platz zu machen. Gleichheit war der geistige Edelstein, der die Töchter Zions schmückte, Liebe, Einigkeit und Freiheit die Gewandung, in die sie sich gehüllt. Der Versöhnungsgeist, der heilige Hauch des Jaum Kippur wehte durch die geweihten Festesräume unserer frommen Mütter.