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Die Wahrheit · 1900-10-02 · Heft 36 (2.10.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 36 (2.10.1900)
Date
1900-10-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Ttv. 36. Die Wahrheit. Seite 5. Blut nötig hätten, sondern aus Hass und um sich an den Christen zu rachen, wie sie einst, als sie die Macht dazu hatten, Christus und seine Jünger öffentlich verfolgten. Aber er ermahnt die Christen seiner Zeit ernstlich, den lächerlichen, ihnen nicht wenig zur Verachtung gereichenden, der Heiligen Schrift und dem Gesetze der Natur und Vernunft widersprechenden Wahn fahren zu lassen, dass die Juden Christenblut zu brauchen nötig hätten. Sah sich sogar ein Dunkelmann vom Schlage Pfefferkorns veranlasst, in dieser Angelegenheitdie Juden zu vertheidigen, wie schon vor ihm kaiserliche Richter und päpstliche Bullen die Inden gegen so nichtiges Gerede in Schutz zu nehmen versucht hatten, so haben dagegen in unser« Jahrhundert Glieder der schwarzen Internationale, angebliche Kämpfer für Wahrheit und Recht, leider auch in Deutschland sich in den Dienst des schamlosesten Antisemitismus zu stellen gewagt, zum Beispiel der ultramontane Theologe Rohling, dessen „Talmndjnde" von dem gelehrten lutherischen Theologen Franz Delitzsch eine vernichtende Kritik erfuhr, dennoch aber dem Verfasser durch den Prager Erzbischof und Cardinal Schönborn die Würde eines Kanonikus einbrachte, und der Wiener Priester und Kirchenzeitungsschreiber, Sebastian Brunner, der in seinem Fanatismus jüdische Ritualmorde als verbürgte und leicht begreifliche Tatsachen ansah. Vor wenigen Monaten hak der internationale Orientalistencongreß in Rom einstimmig folgende Erklärung angenommen: „Die Beschuldigung, dass jemals durch irgend welche für Anhänger der jüdischen Religion geltende Vorschriften die Benutzung von Christenblut für rituelle Zwecke gefordert oder auch nur angedeutet worden wäre, ist eine schlechthin unsinnige und des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts unwürdig." Zugleich meldete die „Bonner-Zeitung" vom 14. October 1899, dass in Oesterreich antisemitische Abgeordnete den Wiener Oberrabbiner wegen seiner Behauptung, es sei eine schamlose Fälschung, dem Juden Ritualmorde vorzuwerfen, zur gerichtlichen Verfolgung angezeigt hätten, weil in der Behauptung des Rabbiners eine Beleidigung der katholischen Kirche läge. Natürlich hat der Staatsanwalt dieser Anzeige keine Folge gegeben. Dieselbe Zeitung bringt am 12. April 1900, wie hier nachdrücklich bemerkt werden mag, eine eben im niederösterreichischen Landtage abgegebene Erklärung, in der die strafbaren Versuche, die Bevölkerung durch Ritnalmärchen gegen die Juden aufzuwiegeln, vom Statthalter gebührend gegeißelt werden ..." Bemerkenswerrh sind auch die Aeußerungen Professors Kamphausens über Zionismus oder eigentlich über die biblischen Zionshoffnungen Israels, die übrigens von jüdischer, selbst dem Zionismus nicht huldigender Seite nicht ohne Widerspruch bleiben werden: „Kürzlich las ich in dieser Zeitschrift (September 1899, S. 291) ein merkwürdiges Beispiel von Verkennung der Bedeutung, die dem Alten Testament wirklich jetzt noch gebührt. Ich meine die Mittheilung des Grafen von Greppi, der als Attache der österreichischen Botschaft in Rom 1842 die Archive der Botschaft durchstöbern durfte. Dabei fand er, dass ich seine eignen Worte gebrauche, „Documente, die mich äußerst frappirten. Eines derselben hatte den Vorschlag zum Gegenstände, den einmal der Chef der Familie Rothschild gemacht hakte und der darauf hinausging, dass ihm Jerusalem und sein historisches Gebiet abgetreten werde, damit er auf demselben ein jüdisches Königreich errichte, in dem alle auf der Welt zerstreuten Juden sich sammeln sollten, wobei er sich verpflichtete, den Großmächten sehr hohe Abgaben zu entrichten. Es war das eines der vielfachen Projecte, die ihren Ursprung dem Kriege zwischen Mehemed Ali, dem Pascha von Aegypten, und der ottomanischen Pforte verdankten." An die Errichtung eines jüdischen Königreichs in Palästina ist aber schon darum nicht leicht zu denken, weil das aus ursprünglichen Hirtenstämmen entstandene Volk, die in Kanaan sesshaft gewordenen Hebräer, später nach dem Verlust ihrer staatlichen Selbstständigkeit durch wiederholte Exitirungen heimgesucht und in der Zerstreuung an ganz aikdere Lebensbedingungen gewöhnt wurden, so dass das einst in Palästina größtentheils zum Ackerbau übergegangene Volk sich immer mehr in ein Handelsvolk verwandelte. Vor dem babylonischen Exil gab es wenig Gelegenheit zum Betreiben größeren Handels, da man durch die Philister und die dem Handel noch stärker ergebenen Phönizier von der See abgeschnitten war. Daher ist auch in den ältesten Gesetzen (Exod. Cap. 20 bis 23 und Cap. 34) vom Handelsverkehr, der natürlich nicht ganz fehlen konnte, noch keine Rede. Auch der Handel, den Salomo und einige Könige des Reiches Juda von der vorübergehend im hebräischen Besitz befindlichen Hafenstadt Elath am Rothen Meere ins Leben zu rufen suchten, hatte keine sonderliche Beveutung. So begreifen wir denn nicht nur, dass der Name „Kaananiler" (vergl. Jes. 23, 8; Spr. 31, 24) für den Krämer oder Kaufmann von alters her in Gebrauch war, sondern verstehen auch, wie die ernsten Propheten dem Handel so ungünstig gesinnt sind, dass sie die Beschäftigung mit demselben als ein Buhlen mit aller Welt (vergl. Jes. 23 16 ff.) bezeichnen. Mag auch eine gewisse, den Semiten eigne Naturanlage nicht in Abrede gestellt werde», so hat sich doch der Handelsgeist bei der eigenthümlichen Entwicklung und Lage des jüdischen Volkes in der langen Reihe von Jahrhunderten so scharf allsgeprägt, dass eine erhebliche Rückkehr zum Ackerbau, wodurch das Volk zu erfolgreicher Colonisation befähigt würde, für absehbare Zeit völlig ausgeschlossen zu sein scheint. Ein unter den Palästinapilgern der letzten Jahre hervorragender Gelehrter, D. v. Soden, dem wir interessante „Reisebriefe aus Palästina" (Berlin 1898) verdanken, hat uilter dem Titel „Palästina und seine Geschichte" auch für den Gebildeten lesenswerthe „volksthümliche Vorträge" (Leipzig 1899) herausgegeben und als seine Ansicht (S. 108) ausgesprochen, dass selbst eine starke zionistische Einwanderung in Palästina nach den bisherigen Erfahrungen mit den jüdischen Siedelnngen im Lande kaum einen wesentlichen Beitrag zur Hebung der Cultur verspreche. Dagegen meint dieser deutsche Professor, der den blühenden Colonieu der schwäbischen Templer in Jaffa, Sarona, Jerusalem und Haifa gewiss wohlverdientes Lob spendet, dass es dem von Kaiser und Reich geschützten Dentschthum vielleicht mehr als anderit christlichen Nationalitäten beschieden sein werde, die Culturaufgabe zn lösen, die das unter dein Fluch der Türkenwirthschaft so jämmerlich darniederliegende Heilige Land betrifft. Und hoffnungsvoll schließt v. Soden seinen letzten Vortrag mit den schönen Worten: „Dann thut dies Land vielleicht noch einmal in dem ihm eigensten Gebiet, dem Gebiet der Religion, der Welt einen Dienst. . . ." Tempeleinweihung in der Lrigittenan' Am 20. September d. wurde der in der Brigittenau neu erbaute Tempel in besonders feierlicher Weise eingeweiht. Programmgemäß begann die Feier mir einem vom Obercantor Roman weihevoll intonirten und exakt vorgetrageiken Choralgesang, worauf der Obmann des Brigittenauer Bethausvereines, Herr Hermann E l t b o g e n. eine -feierliche Begrüßungsansprache hielt, die von allen Seiten beifällig anfgenommen wurde. Hierauf erfolgte das Anzünden des Rsr Tomid durch Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann, welcher dasselbe mit einer gehaltvollen, auf die Miffion des Jndenthums hinweisenden und mit einem Gebete auf Erleuchtung aller Bewohner des Staates abschließenden Ansprache begleitete. Der Vereiusrabbinnr, Herr Dr. Bernhard Templer, hielt sodann die Festpredigt, welche in dem Gedanken ausklang, dass der neuerbaute Tempel eine Stätte des Friedens sein und in den Herzen aller Bewohner des Staates Frieden einkehren möge. Den Schluss der Feier bildete das von Herrn Rabbiner Dr. Schmiedel in gewohnter schwungvoller Weise vorgetragenen Kaifergebet, worauf von dem Tempelchore die Volkshymne gesungen wurde. Das Fest war sehr zahlreich besucht, so dass das geräumige Gotteshaus die erschienenen Gäste kaum fassen konnte. Vertreten waren der Herr Cultusminister, der Statthalter von Niederöfterreich, der Polizei-Präsident von Wien, der Bürgermeister von Wien. Ferner waren persönlich erschienen: der Leiter des Polizeicommissariates Brigittenau Polizeirath Skacel in Be-

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