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Die Wahrheit · 1900-09-21 · Heft 35 (21.9.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 35 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6. Die Wahrheit. Nr. 35. dienst, nie und nimmer aber ein Gottesdienst, demnach noch «ehr als unjüdisch'. .... An die Thatsache, dass das Neologenrabbinat dem Vicepräsidenten gelegentlich des Jubiläums den „Morenutitel" verlieh, wird folgende Bemerkung geknüpft: „Weil wir eben vom hochehrwürdigen Rabbinate sprechen, sei uns die folgende, zeitgemäße Bemerkung gestattet. Angesichts der geradezu erschreckenden Häufigkeit vou Selbstmordfällen aller Arten und in allen Kreisen der hauptstädtischen Bevölkerung muss man sicherlich sehr vor-- sichtig mit seinem Urtheile sein und sich unbedingt eine große Reserve auflegen, so die Umstände Jemanden zwingen, über die unheilbringende und scheinbar unheilbare Krankheit der entnervten und irreligiösen Elemente, welche einen Theil unserer modernen Gesellschaft bilden, das Wort zu ergreifen. Wir sind genügend tolerant, die Selbstmörder nicht in Bausch und Bogen unerbittlich zu verdammen. Es gibt in der That nur allzuviele Fälle, die geradezu erschütternd wirken und allgemeines Mitgefühl wachrufen. Wir stehen leider häufig genug vor einem gewaltigen Fragezeichen und kein Mensch wäre im Stande — selbst mit Hilfe des zersetzendsten Verstandes — des traurigen Rüthsels Lösung zu finden. Aber unter allen Umstanden bilden die nicht genug zu beklagenden Selbstmordfälle der Gegenwart ein überaus heikles Thema, wobeit stets zu bedenken ist, dass diese nie und nimmer gutgeheißen, gebilligt oder gar sanctionirt -werden dürfen. Dem Deutsch'schen Cultusregimem, das im Abstreifen des Religiösen es „herrlich" weit gebracht hat, blieb es Vorbehalten, dass jüngst ein Gemeindeprediger — der thatsachlich als der klügste Kops des Pester Rabbinats gilt — sich von seinem Mitgefühl derart Hinreißen ließ, dass er an der Bahre eines hochbegabten, hostnungsreichen jungen- Mannes, welcher einen Selbstmord verübte, seine Trauerrede mit den vielsagenden Worten schloss: „ E s i st meine h e i l i g st e U e b e rzeuguug (?!), der beklagen swerthe, junge Mann ist sün den rein in die Welt gekommen und geht jetzt sündenfrei von uns fort!" Das, hochwürdigster Herr Doctor, dürste denn doch etwas zu weit gegangen sein. Sie könnten gegebenen Falles für den Selbstmörder beten und den Gott der Gnade und der Barmherzigkril anrufen, aber irgend welche Absolution ertheilen, dürfen Sie entschieden nicht, beim das ist religionswidrig und absolut nicht gestattet!" . . . „Kauft nur bei Christen!" So oft wir dieses antisemitische Losungswort vernehmen, ist uns dies — offen gestanden — nicht angenehm und nichts liegt uns ferner, als in den gleichen Fehler zu verfallen und den Juden anzurathen. dass sie nur bei Juden kaufen sollen. Unfassbar bleibt jedoch das Vorgehen der Pester israelitischen Religionsgemeinde ge- - legentlich des Deuts ch'schen Jubiläums. Es waren für die an den allerneuesten Moreuu zu richtenden Adressen Enveloppes, oder Albums auznfenigen, welche die Gemeinde — die doch nur aus Juden und durch Inden besteht — einem Christen übergab, ohne sich auch nur vorher beim Juden anzufragen. Eine hiesige jüdische Firma, — das soll speciell in unserem Falle ganz besonders betont werden — fertigte Prachtalbums für fürstliche Personen, Staatsmänner und hervorragende Akademien an. So lieferte sie das mir seltener Pracht ausgestattete Krönungsalbum das die ungarische Nation ihrem gekrönten Könige huldigend verehrte, ferner-die Albums für Franz Deak, für die Änd r ä s s y's, L 6 n y a y's, T i s z a's und noch viele Dignitäre des In- und Auslandes und erhielt hiesür zahlreiche Orden Medaillen und Anerkennungs-Diplome. Wir müffen nun darüber staunen, dass die Gemeindeorgane nicht auch bei dieser Firma Umschau gehalten, denn was für einen der mächtigsten Herrscher aus Erden gut gewesen, dürste doch auch — so denken wir — dem Jubelvorsteher nicht zu gering erscheinen! . . . Nun, liebe Gemeinde, sag' selbst, ist das etwa jüdisch?! . . . Auch dir gilt das Wort: „Gedenke!" Jawn Hasikoraun. Eine Rosch Haschonoh-Betrachtung von Rabbiner Dr. Jacob Nacht, Jassy. Göthe sagt irgendwo: „Wenn wir einen Brief, den wer unter gewissen Umständen geschrieben und gesiegelt haben, dnr aber den Freund, an den er gerichtet war, nicht trifft, sonderi wieder zu uns zurückgebracht wird, nach einiger Zeit eröffnen, überfällt uns eine sonderbare Empfindung, indem wir unser eigenes Siegel erbrochen und uns mit unserem veränderten Selbst wie mit einer dritten Person unterhalten." Ein ähnliches Gefühl beherrscht uns am Neujahrsfeste, den „Jaum hadin“. An diesem Tage sollen wir vor unserem innern Richter erscheinen und Rechenschaft ablegen über unser Thun und. Lassen; über unser eigenes Selbst sollen wir wie über eine dritte Person zu Gericht sitzen. Eine schwer zu lösende Aufgabe. Sind ja viele unserer Handlungen die Ausgeburt momentaner Erregung und Gefühlsaufwallnng, wo wir außerstande sind, unser Thun zu beobachten. Und dennoch gibt es ein Mittel, das auch die richtige Beurtheilung solcher Augenblicke ermöglicht. Es ist dies die Erinnerung. Sie setzt uns in den Stand, unsere Thaten, die wir im Laufe des Jahres verübt, , unsere Gedankenarbeit, die wir in die weite Welt hinausgeschickt, die Worte, die unserer Lippe entspruilgen, aus dem Meere des Lebens und den reißenden Fluthen der Vergangenheit hervorzuzaubern und sie von neuem au unserem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen. Die Erinnerung lässt gleichsam die abgeschickten Briefe an ihren Absender zurückbringen. und es bedarf nur der Eröffnung des Briefes, um die eigenen Schriftzüge zu erkennen und das eigene Selbst ohne Verschöuerungstünche im L'chte der objectiven Kritik erscheinen zu lassen. Nur durch die Zuhilfenahme der Erinnerung können wir Ausschluss erhalten über jene Handlungsweise, die unserer Gefühlswelt ihr Entstehen verdankt. Rosch Haschonoh, der Jaum hadin, der an uns mit der heiligen Forderung herantritt, unser eigenes Selbst einer Kritik zu unterziehen, dieser Tag, an dem das gewaltige Buch aufgeschlagen wird, wo „eines jeden Siegel aufbewahrt ist," dieser Tag ist daher zugleich auch ein „Jaum hasikoraun“, da nur die Erinnerung, den wahren Jaum hadin möglich macht. Und so ist es den der „Jaum hasikoraun“, die Erinnerung, die uns zum „Erkenne dich selbst", dem höchsten Ziele, dem der Mensch zustreben sollte, führt. Denn es ist die Selbsterkenntnis, die wir erlangen, indem wir uns auf uns selbst besinnen, es ist die Rettung der eigenen Individualität, die wir uns dadurch erkämpfen. Unsere Weisen haben Recht, wenn sie sagen, Israel werde am Monat Tischri, der mit dem Jaum hasikoraun seinen An-! fang nimmt, ans den Banden der Sclaverei erlöst werden; denn wie die Erinnerung die invidiuelle, so bedeutet sie auch die nationale Freiheit Israels. Das jüdische Volk braucht sich nur an seine große Vergangenheit zu erinnern, um das verlorene Selbstbewusstsein ivieder zu getvinnen und der Freiheit sicher zu sein. Leider ist gar wenigen der „Jaum hasikoraun“ auch „Jaum hadin“. Vielen ist der Erinnernugstag nichts mehr als etwa, um das erwähnte Bild fortzuführen, der Brief, der an seinen Absender zurückgeschickt wird, der aber, anstatt den Brief zu eröffnen, um beim nochmaligen Dnrchlesen Selbstbetrachtungen anzustellen, denselben in den Papierkorb wirft, wo er ohne Nutzen verloren geht. Es sei blos auf eine Erscheinung im jüdischen Leben, das uns jetzt hauptsächlich interessirt, hingewiesen. Ich meine nämlich, die Assimilation. Gar viele Briefe haben die Assimilanten an vermeintliche Freunde gerichtet. Sie haben den Freund nicht getroffen, wurden zurückgeschickt. Haben diese Herren etwas daraus gelernt? Haben sie ihr eigenes Siegel erbrochen, den Brief, den sie selbst geschrieben, geöffnet, um Einsicht in ihre verfehlte Gedankenrichtung zu gewinnen? Mit Nichten! Nur eine geringe, auserlesene Schaar verstand sich auf das edle Werk der Selbstkritik, es sind dies die sogenannten „neuen Zionisten".

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