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Die Wahrheit · 1900-09-21 · Heft 35 (21.9.1900) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 35 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Seite & Nr. 34. Die Wahrheit. zweig dem Judenthüme über Alles, als eine hohe, heilige Pflicht zu gelten hat! Und wenn zudem noch erwogen wird, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der unserer Jugend im Elternhause, wie Eingangs erwähnt, eine nur sehr geringe und spärliche Dosis von Religiosität, Glaubens- und Gotteslehre eingeimpst wird, dann wird ein Vorschlag, der nichts anderes als die Completirung des Religionsunterrichtes außerhalb der Schule und des Elternhauses bezweckt, eine Anregung, die ausschließlich den religiös geistigen und ethischen Ausschwnug unserer Schuljugeud anstrebt, sicherlich Jedermann nur willkommen .sein und allenthalben ein sreundliches Entgegenkommen finden. Aus der Ludapefter Cultusgemeinde. Es gereicht keinem Gemeinwesen zum Segen, wenn innerhalb derselben eine Persönlichkeit eine präponderirende Stellung einnimmt, da dies zumeist ben Frieden und das einträchtige Zusammenwirken untergräbt und die Entwicklung der Gemeinde hemmt. Derartige Verhältnisse scheinen auch in der Budapefter Cultusgemeinde zu herrschen, wo der allmächtige Einfluss des Vicepräsidenten, Herrn Samuel D e u r s ch, aus allen Verwaltungsgebieten lebhaften Widerspruch Hervorrust. Die Fehler und Nachtheile einer derartigen Autokratie zu zeichnen, bezweckt eine unter dem Titel „Gedenke!" an die Mitglieder der Pester israel. Religionsgemeinde gerichtete und auch uns übermittelte Flugschrift des Herrn D. H. Spitzer in Budapest, deren Inhalt wir, mit Hinweglassung der rein persönlichen Momente, im Nachstehenden auszugsweise wiedergeben: „Nur wenige Tage noch und wir schreiben den 1. Tischri 5661. An diesem Tage feiert das Gesammtisrael sein erhabenes und erhebendes Neujahrsfest, das dreimal heilig ist: als Welt- Schöpfungstag, als Tag des Gerichtes und als Tag des Gedächtnisses. An diesem hochheiligen Tage vernimmt man an allen, dem Einig-Einzigen geweihten Andachtsstätten des Schofars Klang, des Jubelhornes Schall und auch wir lauschen bewegten Herzens aus das uns entgegentönende: „Gedenke!" . . . Wohlan, wir wollen gedenkeit der Geschehnisse des soeben von uns scheidenden Jahres. Es brachte leider nichts Gutes. In der Verwaltung der Pester israelitischen Religionsgemeinde will's noch immer nicht besser werden, sondern es wird — theils durch die Ungunst der Zeiten, theils durch die seil Jahrzehnten eingerissene Willkür Herrschaft eines Einzelnen — tagtäglich schlechter. Hier wurde das Sprnchwort: ,, Kleine Ursachen, große Wirkungen" zum betrübenden Wahrworte. Hier werden die unbedeutendsten Dinge, die durch einige versöhnende Worte in ihr Nichts versinken müssten, Jahre hindurch leichtfertig sortge'chleppt, bis sie sich zu einer großen Affaire herauswachsen und eine riesige Verbitterung Hervorrufen. Blos mit einem Bischen guten Willen könnte Vieles anders, Alles besser werden. Doch die Halsstarrigkeit des Generalgewalngen bildet den mächtigen Hemmschuh, welcher die edelsten Jntentionelr vereitelt, die bestell Absichten zu nichle macht. Und nach dieser Richtung hin stünde es am „Tage des Gerichts" nicht sehr rosig mit der hiesigen Gemeindevertretung, denn: „was könnte sie reden, was sagen, womit sich rechtfertigen?" . . . Es sollte und müsste die Pester israelitische Großgemeinde, als die erste und bedeutelrdste Jsraelitengemeinde des theuerrr Vaterlandes, stets als Vorbild gelten und daher mit gutem Beispiele vorangehen. Sie dürfte es sich demnach mit der korrekten Administration allein nicht genügen lassen und sich nicht nur mit der gewissenhaften Ueberwachung aller Einnahms- und Ausgabsposten beschäftigen, sondern sie sollte, ja müsste vor Allem, und zwar mit der Anspannung aller ihr zur Verfügung stehenden Geisteskräfte, ihre besondere Sorgfalt und das Gros ihrer Wirksamkeit auf die stete Aufrechterhaltung und Verherrlichung der Moseslehre besonders bei der Heranwachsenden Jugend verweitden. Denn nur durch das wirkliche Hegen und Pflegen der jüdischen Religion, und nicht durch blendende Scheinwerfer verdient sie den Ehrentitel: „israelitische" Religionsgemeinde! Diese Mahnung gilt zunächst der Cultussection, welche auch für die geringsten Uebelstände die größte Verantwortung trifft. Einen geradezu unwürdigen Vorgang beobachtete sie bei dem Doppeljubiläum, das der Vicepräfideut der Cultusgemeinde, Herr Samuel Deut sch, anlässlich seines 70. Geburtstages und der Vollendung seines 40. Jahres seiner Borsteherschaft begieng. Die Cultussection arrangirte nun die Jubiläumsfeier und lud hiezu die ganze Gemeinderepräsentanz — die selbstverständlich nur aus Juden besteht — für den „e r st e n Tag des Pfingstfestes" ein. (pünkösdünnep 1. napjan.) Das ist un jüdisch! Schämt sich die Cultussection des Offeubarungs, estes, kennt sie dem nicht das Fest der Gesetzgebung, oder ist das Wocheufest ihr unbekannt, dass sie zum Pingstfeste ihre Zuflucht nehmen musste?!.... Und Solches t h u n Juden, Juden gegenüber! . . . Das Fest der Offenbarung ist ein universelles, denn die am flammenden Sinai mir Donnerstimme verkündeten 10 Worte bilveit das größte Heiligthum aller monotheistischen Religionen, sie sind demnach interconseisionell. Es ist zwar bedeutend älter, als das nichtjüdische Pfingsten, trotztet» aber noch lange tlicht veraltet und wird — trotz der Irreligiosität unserer Zeit — bis au's Ende aller Tage fortbestehen. Die Cultussection hätte unbedingt das Fest aller Feste mit seinem hebräischen Namen benennen müssen. Was folgt nun weiter? Unsere Gemeinde besitzt 2 ständige, monumentale Gotteshäuser: den herrlichen Tempel in der Tabak- > gaffe — dem Fortschritte geweiht — in welchem Orgelklang und! moderner Kunstgesang hörbar wird; daun die prächtige Synagoge j in der Rombachgasse, die von den Couservativen besucht, den ■ orthodoxen Ritus beibehalten hat. Hier befindet sich noch der! Almemor in der Mitte und wird die alte Gebetordnung un-! verändert aufrecht erhalten. Es kann da überhaupt nichts ge- I funden werden, was gegen den Schulchan Arnch auch nur im j Geringsten verstoßen würde. Und doch mussten tvir gerade da,! am 2. Festtage ein blaues Wunder erleben. Zu Ehren des! Jubiläums errichtete man im Tempel einen, einige Ellen hohen; Galasitz für den Jubilar, dessen reiche Decorirung schon; am Freitag beendet war, somit weder der Sabbat, noch; der Festtag entweiht wurde. In der orthodoxen Synagoge jedoch! — allwo auch jubilirt werden musste, trotzdem sie gerade! das Stiefkind der Gemeinde ist und ganz besonders vom Cultus-! Vorsteher ignorirt ivird — wurde der Rabbinersitz zum „Ehren-; sitz" für den Jubi.lar umgewandelt und die nöthige Decoj rirung am Festtage vorgenommen. Das ist doch sicherlich j nicht nur unjüdisch, sondern vielmehr unverantwortlich, ja; unverzeihlich! ... | lieber Feiertage, die Menschen zu Eh reu eingesetzt werden, schrieb im Jahre 1785 der berühmte christliche Gelehrte Prof. I Theol. Balthasar H a u g in Stuttgart in höchst abfälliger j Weise u. A.: „'Roch viel schwächer sind die Gründe, wenn von > feierlichen Tagen zu Ehren der Menschen die Rede ist, wovon j wir kein Exempel im alten Testamente finden. Denn, wenn i solche Verehrung nur dem lebendigen Gotte zukommt, so muss I geradewegs alle Feier für Menschen Wegfällen, man mag auch unter dem bekannten Gottes- und Menschendienst einen noch so künstlichen Unterschied machen. — Anno 1102 erwähnte der Presbyter P o t h o n, dass auch em gewisser Erzbischof! Michael ausdrücklich sich beklagte, dass statt des Gottesdienstes! ein Menschendiensl eingeführl werde." Was solle» nun wir —! als Juden — dazu sagen, dass man das heilige Fest dazu j missbrauchte, um in den beiden Gotteshäusern der Gemeinde z eine profane Feier;u begehen; ja noch mehr, dass man den Sitz des Jubilars in der Synagoge mit mächtigen untz | prächtigen Blumengewinden umgab, während der Alme>nor gänzlich; ungeschmückt blieb. Das Pult des Deutsch'schen Sitzes bedeckten! srische Rosenbouquets, und die Thorarollen, welche das untrer» fälschte Gotteswort enthalten und bewahren, die das kostbarste! Gnadengeschenk unseres Gottes bilden, und denen das Fest , eigentlich galt, waren nicht einmal mit einem bescheidenen Laubkränzchen versehen! . . . Das ist doch sicherlich nur Menfcheu

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