Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 35 (21.9.1900)
- Date
- 1900-09-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Ee..e 4. Dre Wayrhert. Nr. 35. harren, sind keine geringen. Zur Bewältigung derselben brauchen wir Männer, die mit feinem Verständnis auf alle Strömungen der Zeit lauschen, die tiefgehende Bewegungen nicht unbeachtet lassen und. denen die Bedürfnisse aller Schichten der Bevölkerung nicht fremd sind; Männer, die sowohl ihre eigenen Fähigkeiten nicht überschätzen als auch die der Gemeinde jeweilig zu Gebote siebenden geistigen und materiellen Kräfte genau abzuwägen wissen, um sie zum Wohle derselben richtig verwcrthen zu können; Männer, die nicht wie Schnittlauch auf jeder Suppe, überall an der Oberfläche erscheinen, sondern thatsächlich vie Eignung besitzen, mit einem Mandate betraut zu werden; Männer der That, nicht Männer der Phrase; Männer, die nicht, hart nach unten und biegsam nach oben, nur dem Augenblicke dienen, sondern charakterfest gegenüber allen Personen und Verhältnissen treu und unentwegt jene Ziele vor Augen haben, welche den -erhabenen Traditionen des Judenthums entsprechen und deren Erfüllung Pflicht eines jüdischen Gemeinwesens ist — mit einem Worte, Männer, die wirklich Führer und nicht die Geführten sind. Die Schofartöne mahnen auch die jüdische Publicistik an ihre heilige Pflicht, in so ernsten Zeiten mit der möglichsten Deutlichkeit und Rücksichtslosigkeit auf die Fehler und Gebrechen hinzuweisen, an welchen unsere jüdischen Gemeinwesen und Organisationen leiden, und unbekümmert darum, ob unsere warnende und tadelnde Stimme gefällig oder missliebig in's Ohr tönt, wollen wir uns, getreu unserem bisherigen Wirken, auch fernerhin dieser Pflicht unterziehen! Der Schofar mahnt uns an den „Tag der Erinnerung". Mögen seine Töne das jüdische Volk, die Mitglieder der jüdischen Gemeinden, aus ihrem lethargischen Schlafe wecken und den Führern in Israel zum Bewusstsein bringen, dass schwere Zeiten ganze Männer brauchen und jedermann die Würdigkeit für einen Ehrenplatz durch Thaten beweisen muss. Ei» Vorschlag zur Completirung des Religionsunterrichtes uujerer Schuljugend. Von Daniel Skutetzky, Wien. Abermals hat ein neues Schuljahr begonnen und abermals haben sich die Pforten der Schulhäuser aufgethan, um der lernfähigen und lernbegierigen Jugend Einlass zu gewähren, sie im Wissen eiuzuführen und zu bereichern, im Geiste zu schulen und zu veredeln, in sittlicher und ethischer Beziehung zu vervollkommen und fürs Leben und die menschliche Gesellschaft heranzubilden. Da erscheint es nun vielleicht räthlich, die allgemeine Aufmerksamkeit einem Unterrichtszweige zuzuwenden, der wohl iu der guten, alten Zeit, in der es noch jüdischconfessionelle Schulen gab, als allerwichtigster Factor galt, heutzutage aber, in der modernen, aus den Schwingen der Cultur und des Fortschrittes sich wiegenden und aufstrebenden Zeit, in der interconfessionellen Schule, stiefmütterlich behändest und als untergeordneter, nebensächlicher Lehrgegenstand hingestellt wird. Wer dieses Aschenbrödel der geistigen Pflegestätte der Jugend ist, das wird der erfahrene Leser, dem die dermaligen Verhältnisse auf dem Gebiete des jüdischen Religionswesens in den hiesigen Communal- und Staatsschulen bekannt sind, wohl leicht errathen. Es liegt nicht in der Absicht dieser Zeilen, den Vorstand -er hiesigen Cultusgemeinde als das oberste, staatlich befugte und berufne Organ zur Leitung des jüdischen Religionsunterrichtes an den öffentlichen Schulen für diese Erscheinung verantwortlich zu machen, da es doch eine allbekannte und anerkannte Thatsache ist, dass derselbe speciell auf diesem Gebiete vollauf seine Pflicht übt, Außerordentliches leistet und die größtmöglichen materiellen Opfer bringt.*) Wenn aber trotz alledem das erwünschte und erwartete Ergebnis nicht erzielt wird, so liegt -ies einestheils iu dem minimalen Zeitausmaße, das seitens der *) Dieser Anschauung des Autors können wir keineswegs beiftnnnien, wir sind vielmehr der Ansicht, dass der Vorstand, dem diese Verhältnisse nicht unbekannt sind, durch geeignete Maßregeln eine Besserung herbeizuführen oder wenigstens anzubahnen verpflichtet ist. (Die Red.) Schulbehörde für den jüdischen Religionsunterricht normirt ist und nicht überschritten werden darf, anderntheils trägt der Jntifferentismus,die Indolenz, jener allgemeine religiöse Schwächezustand daran Schuld, der sich in unserem eigenen Lager mit jedem Tage mehr und mehr fühlbar macht und cons equenterweise sich auch auf unsere Kinder, auf die die Schule besuchende, zarte Jugend fortpflanzt. Zur Behebung der bekannten Uebelstände auf dem Gebiete des jüdischen Religionsunterrichtes wollen wir nun einem praktischen Vorschlag zum Durchbruch zu verhelfen, aus welchem der Cultusgemeinde keine neuen Kosten und den zur Verwirklichung dieses Vorschlages berufenen Factoren keine allzugroßen Opfer an Zeit und Mühe erwachsen sollen. Bekanntlich besitzt Wien außer einer erklecklichen Anzahl von Gemeindetempelu und Gemeindebethäusern auch noch ein ansehnliches Couttgent von Vereinssynagogen und permanenten Privat-Gotteshäusern, die ihre Entstehung lediglich der religiösen Begeisterung zu verdanken haben, welche noch immer in weiten Kreisen für die alten, angestammten traditionellen Formen des Gottesdienstes herrscht, und die namentlich in der letzteren Zeit als erfreuliches Zeichen des noch nicht ganz erschlafften jüdischnationalen Selbstbewusstseins eine geradezu auffallende Zunahme und Verbreitung zu verzeichnen hat. Thatsächlich zählen einige dieser theils auf Vereinskosteu, theils auf Kosten anderer Förderer allgemein jüdischer Interessen erbauten Synagogen in Bezug auf Baulichkeit und Ausstattung zu den Sehenswürdigkeiten der Andachtsstätten, an denen es in der großen Metropole des Reiches wahrlich nicht mangelt. Nun verfügen viele dieser Vereinsbethäuser nebst dem für den öffentlichen Gottesdienst bestimmten Hauptraume auch noch über andere, verschiedenen Vereinszwecken dienende Nebenräume, und die meisten Vereine haben;' zur Ausübung der gottesdienstlichen Funktionen außer Obernnd Untercantvren und diversen anderen Funktionären auch Rabbiner, sogenannte Synagogen- oder Vereinsrabbiner angestellt, die einen vollständigen, wohlorganisirten Beamtenstand repräsentiren, um den sie manch kleine, im Aufstreben begriffene Provinzgemeinde aus vollem Herzen beneiden könnte. Wie wäre es nun, wenn die Herren Vorsteher und Obmänner dieser Vereine sich entschlössen, jeeinen ihrer mit pädagogischen Fähigkeiten begabten Funktionäre dazu zu verhalten, dass er den die städtischen Schulen besuchenden Kindern der Vereinsmitglieder außer der Schulzeit, gleichsam zur Completirung des Religionsunterrichtes in der Schule, Privatunterricht in der Religion ertheile, der nebst Bibel, Pentateuch und deren Comentaren zum großen Theile die Erläuterung und Definition sämmtlicher gottesdienstlichen Ceremonien und Gebräuche der Synagoge, der Familie und des öffentlichen jüdischen Lebens umfassen sollte. Würde ein so gewichtiger Schritt der Thätigkeit dieser Vereine, die sich die Förderung der gemeinnützigen Zwecke und humanen Tendenzen zum Ziele gesteckt, nicht die Krone aufsetzen und dazu beitragen, unserer für äußere Einflüsse so empfänglichen Nachkommenschaft eine feste Basis und eine sichere Gewähr zu bieten, um in dem jeweiligen geistigen Kampfe gegen die Anstürme, Anfeindungen und Verfolgungen ihrer Gegner Stand zn halten und kräftige Gegenwehr leisten zu können? „Mipi aulolim wj’aunkim josadto aus“ ruft der weise König und große Psalmist begeistert aus: „Der Kinder und der Säuglinge Lallen begründet und befestigt dein Reich." „En hoaulom miskajim eie bischwil hawol pihem tinaukes schel bes rabon“ folgert der Talmud aus dem tiefsinnigen, gedankenreichen Ausrufe „Die Welt, Zukunft und Existeusberechtigung Israels hängt einzig und allein von dem Hauche ab, der den Kindern in den Schulen und Lehrhäusern entströmt." „En mewatlin tinaukos schel bes rabon afilu lebinjan bes hamikdasch.“ Die Schule als die geistige Pflegestäjte der Jugend darf selbst iu dem Falle, wo es sich um den Bau eines Tempels handelt, nicht zurückgesetzt werden und keinen Abbruch erleiden. Bedarf es also nach den angeführten Citaten, die ja doch offenbar nur für die Existenz und Förderung des Religionsunterrichtes in den Schulen eintreten, eitles weiteren Commentars, dass dieser Unterrichts-