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Die Wahrheit · 1900-09-21 · Heft 35 (21.9.1900) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 35 (21.9.1900)
Date
1900-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaction u. Administration Wien, II/l, Novaragasse 27. fl. k. österr. Postsparcaffa Eheck-Conto Rr. 846.251. Jasirale: 20 Heller per Noupareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. Unabhängige Keitfchrift für jüöische Iniere^en. Erich eint jeden Freitag. flloffa: „Das Siegel Gottes ist Mahrheit!" Lezagspreir: Ganzjährig . . . ft. 12.— Halbjährig ... fl. 6.— Für daltusbeamte: Ganzjährig . . . fl. 10.— Für Ausland: Ganzjährig .... 12 M«: 6 Rubel oder 16 Frcs. Ar. 35. Wien, 21. September 1900. Inhalt r Schofarklänge. — Ein Vorschlag zur Completirung des Religionsunterrichtes unserer Schuljugend. — Aus der Budapester Cultus gemeinde. — Jaum Hasikoraun. — Verschiedene Nachrichten. — Zur Organisationssrage. — Publicationen des österr.-ungar. Cantoren Vereines. — Feuilleton: Nihilist. Allen geehrten Mitarbeitern, Freunden und ' Gönnern unseres Ltattes wünschen wir zum Jahreswechsel E"rr Die Rrdaction. | Schofarklänge. | Wenn der Sommer seine letzten Scheidegrüße uns sendet, dringt alltäglich aus den jüdischen Gotteshäusern der Klang des Schosars und verkündet den Glaubensbrüdern das Herannahen der hohen Festtage. Die langgezogenen Töne ergreifen nicht j nur die Frommen und Gläubigen, auch die Indifferenten und! Lässigen werden aus ihrer Gleichgiltigkeit aufgerüttelt und mit I unwiderstehlicher Gewalt zieht es sie in den Kreis der Gemeinschaft, dem sie das ganze Jahr hindurch serngestanden sind. Die losgelösten Glieder rücken näher aneinander, Parteizwist und Hader werden bei Seite gelegt, ein allgemeiner Gottessrieden herrscht in der Gemeinde und die religiöse Weihe umschlingt Alle mit einem einigenden Band. So vollzieht sich von Jahr zu Jahr, wenn die Jomim nauroim einkehren, immer wieder ein Verjüngnugsprocess, der für den Fortbestand des Judenthums aus religiöser Grundlage von großer Bedeutung ist und dem auch von den Führern der jüdischen Gemeinden die größte Aufmerksamkeit zugewendet werden sollte. Die erhöhte Empfänglichkeit, die sich zur Zeit > der hohen Festtage für religiöse Uednngen knndgibl, muss auch i für den übrigen Theil des Jahres wach erhallen und mit weiser j Fürsicht auf alle Erscheinungen und Bethätignngen des jüdischen! Lebens gelenkt werden. Nur so kann der jüdische Sinn wieder! geweckt, das tief darniederliegende jüdische Selbstbewusstsein gekrästigt, das Interesse an unseren altehrwürdigeu Traditionen gehoben und die jüdische Gemeinde wieder zum Brennpunkte des jüdischen Lebens gestaltet werden, der uns in der gegenwärtigen Zeit der inneren Zerfahrenheit und äußeren Bedrängnis mehr denn je Noth thut. Von innen, aus uns selbst heraus n üssen wir die Kraft schöpfen, um den Gefahren von außen wirksam zu begegnen. Und fürwahr nach allen Seiten müssen wir scharfe Wache halten. Nicht nur in Wien, wo der offene Judenhass am Ruder ist, sondern auch in anderen Theilen des Reiches werben die Erwerbsadern jüdischer Steuerträger unterbunden, bewährte Kräfte beamteter Juden nicht gewürdigt oder brachgelegt, die wahnwitzigsten Beschuldigungen gegen die Bekeuuer des Judenthums erhoben und die Erfolge ihres Fleißes, ihrer Fähigkeit und Nüchternheit als Resultate ihres angeblich betrügerischen Vorgehens bezeichnet. Und was hat bisher die Regierung, an deren Amtsantritt so hoffnungsvolle Erwartungen geknüpft wurden, gegen diese Hetzereien gethan? Nichts, gar nichts! Sie lässt die Machthaber im Wiener Rathhause und ihre Verbündeten im Reiche ruhig gewähren und hindert sie nicht im geringsten im Ansireben ihrer dunklen Ziele. Wie konnten wir übrigens Hilfe von einer Regierung erwarten, die sich selbst nicht zu Helsen wusste und aus den Wirrnissen, in denen das ganze Reich sich bestndet, keinen anderen Ausweg fand, als die Auflösung des Reichsrathes und die Ausichreibuug von Neuwahlen? Für diese Neuwahlen mögen uns die Schofarklänge, die aus den jüdischen Gotteshäusern dringen, ernste Mahner sein und jedem jüdischen Wähler als unabweisliches Gebot dringender Selbsthilfe zurusen, dass er, ehe er seinen Stimmzettel in die Urne wirst, sich klar darüber werde, wem er seine Stimme zuwenden solle. Das „Trau, Schau, Wem" muss er sich jetzt mehr denn je vor Augen halten, denn alle politischen Parteien, denen die Juden bisher treue Gefolgschaft leisteten, haben sich als höchst undankbar und unverlässlich erwiesen. Darum ist es Pflicht der Juden, dort, wo ihre Zahl wirklich ausschlaggebend und bestimmend ist, verlässliche jüdische Vertreter in den Reichsrath zu entsenden und am sonstigen Wablkamvie sich nur dann zu betheiligen, wenn es gilt, gegen Anhänger der antisemitischen Partei zu entscheiden. In allen sonstigen Fällen, namentlich wenn das nationale Losungswort im Wahlkampfe ertönt, mögen sie lieber strenge Wahlenthaltung ausüben, bevor sie ihre Stimmen unverlässlichen Parteirichtungen geben oder sich ohne jeden Dank den wülhigeu Angriffen der nationalen Exaltados im deutschen und c.zechischen Lager aussetzen. Wenn wir uns vom politischen Schlachtselde ein wenig zurückziehen, wird uns daraus kein großer Schaden erwachsen; im Gegentheil, die dadurch zur Disposition gestellten jüdischen Kräfte finden zur Bethätigung ihrer Fähigkeiten im eigenen Hause, aus dem Boden der jüdischen Gemeindeverwaltung ein reiches und ergiebiges Feld, das rühriger und tüchtiger Hände bedarf, um zweck- und zeitgemäß bestellt zu werden. Auch im Schooße der Wiener Cultusgemeinde wird es bald Wahlen geben, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden darf. Neue Führer sollen gewählt werden, und die Ausgaben, die ihrer

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