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Die Wahrheit · 1900-09-14 · Heft 34 (14.9.1900) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 34 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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<seite b. Die Wahrheit. Nr. 34. glänzende Proben jüdischer bildender Kunst aus den verschiedensten Gebieten, welche er bezeichnet: Keramische Arbeiten, Webereien, Stickereien, Spitzenarbeiten, Holzarbeiten aus golhischer Zeit, Beschneidungsstühle, Holzverzierungen als Wandbekleidung dienend, sowie ungemein zahlreiche Arbeiten aus dem Gebieteder Metallindustrie von Eisen bis zu den Edelmetallen Gold und Silber, wozu zu bemerken sei, dass bei der Anfertigung die verschiedensten technischen Verfahren beobachtet wurden. Herr Direktor Frauberger verstand es, eine Fülle von Anregungen zu geben, wie das Ausfinden und Sammeln jüdischer Kunstdenkmäler gefördert werden kann. Seine Initiative hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich im Jahre 1897 in Frankfurt a. Meine „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler bildete. .Zn dem damals zur Versendung gelangten Circular hieß es: „Es ist beabsichtigt, bervorrageude, fachkundige Gelehrte in allen Ländern der Welt zur Mitarbeit heranzuziehen. welche diese Forschungen betreiben und dieselben wissenschaftlich durch Berathung und Begutachtung fördern sollen, und ferner ein Organ zu schaffen, in welchem alle Ergebniffe der Nachforschungen mitgetheilt, neue Anregungen gegeben werden und ein Austausch der Ansichten der Forscher und Sachkundigen erfolgt. Der Redacteur dieses Blattes würde zugleich die wissenschaftliche Cen» tralstelle bilden, während die technische Leitung des Unternehmens in den Händen des Herrn Director Frauenberger ruht." Redner gab in seinem Vorträge dem Wunsche Ausdruck, es möchten jüdische Frauen in recht ausgedehntem Maße sich bereit finden lassen, sich wie in den älteren Zeiten der.Herstellung von Vorhängen für Aron Hakodesch, von Tbora-Mäntelchen, Schulchandecken und anderen Cultusgegenstäuden mir Liebe und Eifer zu widmen, dann wird ihr Beispiel, wie immer, auch auf die Männer segensreich einwirkeu, dann wird Begeisterung und lebendiges Interesse erweckt werden für die aus den ältesten Zeiten hereinrageuden Zeugen jüdischen Geistes, jüdischen Talentes und jüdischen Fleißes, und die bildende Kunst wird sich als ein Ehrenblatt darstellen, in. der au Glanzpunkten so überaus reichen Geschichte des jüdischen Volkes. „DerJüuitgene“ Zeiten. Die merkwürdige Thatsache, dass die iu den 30er Jahren erbaute Synagoge des wüittembergischen Städtchen Buchau mit einem Glockenthurm und vollständigem Geläut ausgerüstet ist, welches heutzutage allerdings itichr mehr ertönt, war als culturgefchichtliches Unikum bezeichnet worden. Man war der Ansicht, dass diese, für ein jüdisches Gotteshaus unerhörte Neuerung zum ersten Male in der ehemaligen freien Reichsstadt am Federsee angebracht worden sei. Dieser Ruhm gebührt aber dem 20 Jahre älteren Tempel der Jacobson-Schule in Seesen a. Harz. Israel Jacobson, der durch seine Reformbestrebungen wohlbekannte Stifter dieser Schule, die im Herbste nächsten Jahres das hundertjährige Fest ihrer Gründung feiern wird, erbaute 1809 auf dem Grundstück der Schule den noch bestehenden stattlichen Jacobstempel und ließ ihn nicht nur mit einer Orgel versehen, sondern auch in dem ihn krönenden kleinen Thurme zwei Glocken anshängen. Er war damals Präsident des israelitischen Cousistoriums in Kassel für das Königreich Westfalen und bestrebte sich ganz besonders, den jüdischen Gottesdienst durch zeitgemäße Reformen zu veredeln. Ja, wie einst Salomo den Tempel auf Zion auch dem Fremdling, der da käme zu beten, öffnete, so hoffte und wollte Israel Jacobson, dass sein Tempel in Seesen eine gemeinsame Andachtsstätte für Jedermann, der sich zu dem Glauben an den einen Gott bekenne, ohne Unterschied der Confeffion werde. Bei der feierlichen Einweihung des Tempels am 17. Juli 1810 riesen die Glocken zum ersten Male die Festgemeinde zusammen. Ein auserlesener, großer Kreis von Staatsmännern, Gelehrten, Künstlern, Geistlichen und Schulmännern, Rabbinern und Lehrern war herbeigeströmt. Die Begeisterung der Gäste, namentlich auch der christlichen, machte sich in den deutschen, lateinischen und hebräischen Gesängen Luft. Eines dieser im Archiv der Schule noch befindlichen Gedichte nennt sich „Der Christ im Jacobstempel zu Seesen" und ist „Augustin" unterzeichnet; in einem anderen singt ein Domprediger aus Halberstadt: „Mir Roms und Augsburgs Glaubensföhnen weilt Aarons Enkel Hand in Hand". Die Glocken werden heut nicht mehr geläutet, aber noch hängen sie über dem Tempel, weithin sichtbar, im offenen Thurme, ein. Denkmal vergangener Zeiten der Toleranz und Menschenverbrüdernng. verschiedene Nachrichten. Wien. Anlässlich des Todestages weiland Ihrer Majestät der Kaiserin Elisabeth fand Montagden 10. d. ll2l Uhr Abends im Tempel, in.der Seitenstettengasse anschließend an den Abendgottesdienst eine Träuerandacht statt, welcher der Präsident der Cultusgemeinde kaiserl. Rath Heinrich Klinger, der Vicepräsident Dr. Gustav Kohn, die Vorsteher Bezirksschulräth Dr. Spitzer, Architekt Fleischer, Oberingenieur .Ritter v. Mises, Dr. Berger, die Bethausvorsteher Wasservogel und Stiaffny der erste Secretär der Cultusgemeinde kais. Rath Dr. Lieben und zahlreiche Gemeindemitglieder beiwohnten. Obercantor Singer recitirte das Minchagebet und hierauf wurde das Sulzer'sche Requiem „Schim’ot sos* vom Chore mit Orgelbegleitung gesungen. Nach demselben sprach Oberrabbiner Dr. Güdemann das „Menucho nechauno“ und das Kaddischgebet und mit dem hieraus folgenden Maariw-Gebet, vorgetragen vom I. Cantor Schiller, schloß die Trauerfeier, die gerade durch ihre Schlichtheit und Einfachheit bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck hinterließ. Wien. (Tempeleinweihung.) Donnerstag den 20. d.M.. 4 Uhr Nachmittag findet im XX. Bezirk, Kluckygasse, die feierliche Einweihung des neu erbauten Gotteshauses statt. Sitze in den neu erbauten Tempel in der Brigittenau werden in der Vereinskanzlei, XX., Webergaffe 20, I. Stock, Sonntag zwischen 1L —12 Uhr Virmittags, an den übrigen Tagen zwischen 1—3 Uhr Nachmittags vermiethet. Wien. Fräulein Paula Si m o n, Tochter des Cultusvorstehers Director S i m o n, hat sich mit Herrn Dr. Max Schornstein, Rabbinerin Leitmeritz, verlobt. Wien. (Mädchenraub in Galizien.) Die „Oesterreichischisraelitische Union" ersucht uns um Aufnahme folgender Mittheilung: Am 27. Juni d. I. verschwand die l7jährige Szalka Sobel aus ihrem Elternhause in Podgorze bei Krakau, während die Eltern Baruch und Beile Sobel abwesend waren. Nach einigen Tagen gelang es der Mutter, den Aufenthaltsort des Mädchens zu erforschen — sie befand sich im Kloster der Felicianerinnen. Beile Sobel hat seither wiederholt mit ihrer Tochter durch ein Fenster gesprochen, und diese bat die Mutter, sie ctuä dem Kloster zu befreien. Allein alle Anstrengungen der nnglücklichen. Frau, sich Zutritt zu ihrem Kinde zu verschaffen, blieben bisher erfolglos. — Am 7. Juli d. I. wurde die 15jährige Deborah Sattler, Tochter der Witwe Sarah Sattler in.Gosprzedowa bei Lupnice murowana, von der Psarrersköchin Bojarska überredet, aus der elterlichen Wohnung in das Pfarrhaus zu flüchten. Sie übernachtete dort, wurde am folgenden. Tag, als Knabe verkleidet, von dem Lehrer des Dorfes mittels Fiakers nach Slotwina und von da mittels Bahn nach Krakau ins Kloster ber- Felicianerinnen gebracht. Ein kleines Mädchen aus demselben Dorfe wird in dem Kloster zu leichteren Dienstleistungen verwendet. Diese brachte der Mutter die Botschaft, dass Deborah Sattler unaufhörlichjammere und weine und sie dringend bitte, nach Krakau zu kommen und sie zu befreien. Als die Felicianerinnen sich anfangs weigerten, das Mädchen freizugeben, wendete 'sich Sarah Sattler an den Magistrat, der jedoch die erbetene Assistenz versagte. Nun begann die Mutter vor dem Kloster derart zu lärmen, dass die Nonnen das Thor öffneten und das Mädchen freiließen. Pilsen, 9. September. (D i am ante.ne Hochzeit.) Am 8. d. beging im hiesigen israelitischen Tempel das greise Ehepaar, Herr David Abele s mit seiner Gemalin Frau Sophie geb. Löwy, das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Herr Abeles ist 90 Jahre, seine Gattin 84 Jahre alt. Das noch sehr rüstige Ehepaar, welches seit 6 Jahren, in Kkimnitz bei Pilsen wohnt, ist vollkommen gesund. Zu dem seltenen. Feste fanden sich alle Mitglieder Familie, und zwar 5 Kinder, 4 Schwiegerkinder, 25 Enkelkinder und 9 Urenkel ein, darunter kais. Rath Anninger in Wien, Julius Abeles, Fabrikant in Mähr.-Trübau, Wilhelmine Kohn.

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