Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1900-09-14 · Heft 34 (14.9.1900) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1900
Issue
Heft 34 (14.9.1900)
Date
1900-09-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063013-3063047--00960-3067510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Rr. 34. Seite 5. Die Wahrheit. . || Und so bleibt doch nichts als Hass und Neid; darauf aber baut man keine Partei, die Bestand hat,"nicht einmal einen studentischen Verein, und damit treibt man keine ersprießliche Politik. Wie unvornehm aber die ganze Bewegung ist, das zeigt schon -er eine Name — Ahlwardt, dem sogar die akademische Jugend in Berlin eine Zeit lang als „dem Rector aller Deutschen" zugejubelt hat; der Prozess wegen der von der Firma Löwe gelieferten „Judenflinten" hat bewiesen, wie unsubstanzirt und leichtfertig antisemitische Beschuldigungen in die Welt geschleudert Merden. Dass sie aber in ihrer Skrupellosigkeit auch im höchsten Grade gefährlich ist, das ließ der Mordprozess Buschhoff in Xanten in furchtbarer Deutlichkeit erkennen: wenn die Ungarn in Tisza^Eszlar an das Märchen glaubten, dass Juden Kinder an sich locken und stehlen, um sie zu schlachten und ihr Blut zu rituellen Zwecken zu verwenden, so rechnen wir das billig Zu „Halbasien"; wenn aber dasselbe auch in Deutschland geglaubt und dadurch deutsche Städte in Aufruhr und deutsche Gerichte in Bewegung gesetzt werden, dann verhüllt der Genius unseres doch auch an Leffing großgewordenen Volkes beschämt fein Haupt. Kommt es gar, wie in dem pommerischen Neustettin, zu Volksausschreitungen, so ist es an der Zeit, dass die ganze Bewegung als grober Unfug betrachtet und behandelt wird. Und wenn wir gesehen haben, wie in Frankreich der Antisemitismus, im Bunde mit den conservativen Mächten des Clericalismus und Militarismus, durch Lüge und Fälschung, durch brutale Drohungen und hochverrätherische Machenschaften die Gerechtigkeit niederzuschreiten versuchte, das Volk in athemlose Aufregung D ersetzte und den Staat an den Rand des Verderbens führte, so ist auch das für uns eine Warnung, wohin wir es nicht kommen lassen dürfen. Aber auch auf das Judenthum selbst hat der Antisemitismus ungünstig gewirkt. Was in tausend Jahren an den Juden gefehlt worden ist, konnte natürlich in den dreißig oder vierzig Jahren nicht mit einem Male gut werden; und doch war die Verschmelzung und Angleichung des jüdischen und deutschen Wesens auf dem besten Wege; möglich ist sie nur durch das Aufgehen der 600.000 Juden unter den 52 Millionen Deutschen. Dieser Prozess aber wurde gestört und gehemmt durch die Feindseligkeit des Antisemitismus. Die obere Schicht — ich meine gerade die gebildetsten und edelsten Vertreter des Judenthnms — war auf t>em besten Wege, ganz deutsch zu werden und deutsch zu fühlen; auch im Uebertritt zum Christenthum sahen Manche nur noch die äußere Besiegelung des Verhältnisses. Jetzt traten auch sie wieder einen Schritt zurück, fühlten sich solidarisch mit ihren verfolgten Glaubens- und Stammesgenossen, und heute ist der Uebertritt eines Juden zum Christenthum keine indifferente, sondern — besondere Fälle abgerechnet — eine recht verächtliche -Sache. So hat der Antisemitismus die Kluft, die sich zu schließen anfing, aufs Neue aufgerissen und erweitert und damit gerade das Gegentheil von dem erreicht, was er anzustreben vorgab. Er hat bis jetzt fast nur zersetzend, fast nirgends wirklich reinigend und aufbauend gewirkt, und deshalb kann ich ihn nicht zu den gesunden, sondern nur zu den Krankheitssymptomen unserer Zeit ^rechnen." _ Der jüdische Lultus und die Luust. Der Director des Kunstgewerbemuseums in Düffeldorf, Herr Frauberger, hielt vor einiger Zeit über dieses hochinteressante Thema einen überaus anregenden Vortrag, dessen Inhalt wir im Nachfolgenden auszüglich wiedergeben: Der Redner klarte zunächst die Zuhörer darüber auf, wieso er dazu gekommen sei, sich die Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler angelegen sein zu lassen. Zufällig kam eines Tages -ein Kunstgewerbetreibender ins Düsseldorfer Kunstgewerbemuseum, um nach einem Motiv zu suchen, er sollte für einen reichen Herrn «in Umfassungsgitter für das Grab seiner Eltern ausarbeiten, und zwar sollte dieses in einer — vom specifisch-jüdischen Standpunkt aus betrachtet — stylgerechten Weise geschehen. Er (Director Frauberger) sagte dem Manne hierauf: Das ist sehr einfach, gehen Sie nur in den Vorlagen-Saal, da finden Sie jedenfalls in genügendem Umfange, was Sie suchen. Der Mann .suchte und suchte, konnte aber nichts finden. Nun wurde Redner stutzig, recherchirte und kam zu dem Ergebnis, welches er bis dahin nicht für möglich gehalten hatte, der Vorlagen-Saal enthält wohl 30.000 verschiedene Exemplare für alle erdenklichen Zweige des Kunstgewerbes. Dass Katholiken und Protestanten in überreicher Auswahl hier Vorzeichnungen für Kirchen finden können, versteht sich von selbst. Aber käme auch ein Muselmann, könnte er tausend Proben von Moscheen in herrlichster- Ausführung sehen, ein Budhift würde ebenso auch Vorbilder für seinen Tempel in reichhaltiger Auswahl finden, nur für jüdische Zwecke und nach jüdischem Style war gar nichts vorhanden. Dies ist dem Redner, der zwar selbst nicht Jude ist und damals auch zu jüdischen Kreisen keine Beziehungen hatte, als eine Anomalie erschienen, für welche Abhilfe zu schaffen, er sich vornahm. Zu diesem Behufe bestimmte er aus eigenen Mitteln 400 Mark dafür, um ein Archiv jüdischer Vorbilder anzulegen. Er schrieb dann nach den verschiedensten Richtungen an Kunstanstatten und Photographien, besonders nach London, empfing aber von überall her den Bescheid, es sei nichts vorhanden. Hiermit gab er sich jedoch nicht zufrieden. Wie sollte — so dachte er — ein Volk, das die wunderbarste, nach Jahrtausenden zählende Geschichte fein eigen nennt, das durch die Fluchen der Zeiten und Geschlechter seine Eigenart und sein charakteristisches Wesen bis auf den heutigen Tag sich bewahrt hat, nicht auch Zeugen seines Kunstsinnes und seiner Kunstfertigkeit anfzuweisen haben. Redner sah sich dann, wo es ihm möglich war, Synagogen an, kaufte sich behufs Aneignung der jüdischen Sprache eine Fibel und ein Werk aus dem vorigen Jahrhundert, welche indische Gebräuche behandelt. Indem er sich auf diese Weise tu jüdisches Leben und jüdische Art vertiefte, fand er, dass die vielfach verbreitete Anschauung, als hätten die Juden für bildende Kunst nichts geleistet, grundfalsch sei. In Prag, Brindisi, Parma sah Redner alle Synagogen, deren Styl hochentwickelten künstlerischen Sinn und schöpferischen Geist verrieth. Redner findet, dass sich jüdischarchitectonisches Talent schon beim Stiftszelt mit der Bundeslade in glänzender Weise gezeigt hätte, wie schon deren ausführliche und anschauliche Schilderung in den heiligen Büchern verständnisvolles, plastisches Empfinden erkennen lasst. Auf i einen Reisen hat Herr Director Frauberger ein reichhaltiges Material reicher Kunstdenkmäler vorgefundcu und photographiren lassen. Das Gebiet jüdischer bildender Kunst, welches selbst so ziemlich noch eine torra. incognita ist, scheidet Redner in zwei Gruppen. Die dem Heiligen gewidmete Kunst (in der Synagoge) und die Kunst im täglichen profanen Leben der Juden. Beide Gruppen scheiden sich wieder in zwei Unterabtheilungen; die Kunst nach Außen (Gebäude) und die innere Ausschmückung von Synagoge und Haus. Für alles fand Redner zahlreiche Beispiele: Alte Synagogen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Holland, der Türkei und dem heiligen Lande, ferner herrliche Exemplare des Aron hakooesch, Umhüllungen für Thorarollen, Sefer Thoras, Jad u. s. w. Aus alt jüdischen Häusern wurden t»ns Gegenstände gezeigt, die sich nur auf das rein jüdische Leben beziehen, wie kunstvoll ausgeführte Sabbath- und Chanuka-Leuchter, Besomim- Büchsen, Seder-Schüsseln, Kele kodesch, Mohelbücher, Mohelmeffer, ferner hochinteressante Exemplare von Mischnas, Tefilas und illustrirten Hagadas u. A. Wenn jüdische Kunstwerke manchmal auch von nicht jüdischen Händen ausgeführt worden seien, so sei dies trotzvem jüdische Arbeit, da die Anfertigung dann nur auf Grund genauer Angaben und vräcis vorgezeichneter Entwürfe geschah. Redner macht itns auch bekannt mit Berlobungsringen ans dem 14. Jahrhundert, ebenso mit solchen aus Filigran aus dem 15. Jahrhundert stammend. Jüdische Goldschmiede, die gewöhnlich gleichzeitig Münzmeister waren, spielten eine bemerkenswerthe Rolle, als die Mauren in Spanien herrschten. Der Werth überaus kunstreicher Goldstickereien und Silberwebereien, welche in den Synagogen von Rom und Padua sich befanden, soll eine Million übersteigen. Redner fand ■ B

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.