Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 34 (14.9.1900)
- Date
- 1900-09-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. hat? Angenommen, es lüge ein Lustmord vor oder ein Todtfchlag bei einer Verführung, so wäre die Vorstellung von einem „Ritualmord", einem „Blutmord", die Vertiefung in die Geheimnisse des „Schächtschnittes" der sicherste Weg, die Ermittlung des wirklichen Thäters zu verhindern. Bleibt' das Verbrechen dann, in Folge der Konitzer Gutgläubigen, aber darum nicht minder beuagensweEeu Verirrung der Behörden ungesühnt, so beeilen sich die antisemitischen Blätter, dunkle Andeutungen zu machen, dass „das Vorhandensein eines Blutmordes" zwar nicht erwiesen, aber auch nicht ausgeschlossen sei. Mit demselben Rechte könnte man behaupten, dass zwar die Schuld von Redakteuren jener Blätter nicht erwiesen, aber auch ihre Unschuld nicht dargethan sei. Die Konitzer Verhandlung har auch nicht den Schatten eines Beweises für die Behauptung, dass der Gymnasiast Winter von Juden, geschweige in Folge jüdischen Glaubens oder Aberglaubens, gemordet worden sei, erbracht, und das Urtheil des Gerichtshofes ist umso bemerkenswerther, als die Persönlichkeit des Angeklagten, eines mehrfach bestraften Säufers, so widerwärtig ist, bäss für sie weder Christen noch Juden das geringste -Mitgefühl hegen konnten." Die geistigen und socialen Strömimgeu des «emyeh«teu Jahrhunderts. Hervorragende deutsche Dichter, Gelehrte und Staats- Männer bemühen sich seit Jahren, die von gewissenlosen Hetzern bethörten Volksmassen über Wesen und Bedeutung, über Ursachen und Ziele des Antisemitismus aufzuklaren, doch ihre warnenden Stimmen verhallen fast ohne Wirkung und der Weizen der Antisemiten steht noch immer in schönster Blüthe. Um so anerkenuenswerther ist es dass jene wackeren Männer in ihrer fast vergeblichen Aufklärungsarbeit nicht müde werden, und so verdienen auch die Bemerkungen des Professor Theobald Ziegler, bie derselbe in seinem Werke „Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts" über beit Antisemitismus macht, die weiteste Verbreitung: „Der Antisemitismus gehört sraglos zu den bedeutsamsten, über, um es gleich zu sagen, auch zu den unerfreulichsten Erscheinungen und Stimmungselementen fin de siede. Abneigung Tutb Antipathien gegen die Juden hat es zu allen Zeiten gegeben, das mag jeder Einzelne mit sich ausmachen, und auch ist das Jedem zu überlassen, wie er sich persönlich und gesellschaftlich zu ihnen stellen will. Von Antisemitismus reden wir erst da, wo ganze Richtungen oder Parteien gegen sie Stellung nehmen, sie von sich ausschließeu und aus ihrer Antipathie ein Princip, «ms dem Subjektiven ein Programmatisches nnd objektiv Gellendes machen. Auch an solchen Formen und Kundgebungen hat es das ganze Jahrhundert hindurch nicht gefehlt. Am Anfang siehen freilich Schleiermachers Freundschaft mit Henriette Herz und Fr. Schlegels Beziehungen zu Dorothea Veit und damit eine Verbindung gerade der gebildetsten Männer aus dem romantischen Kreis mit jener jüdischen Berliner Gesellschaft, die den -Bemühungen von Moses Mendelssohn ihre Erfüllung mit deutscher Cultur und Bildung verdankte und vor allem für Göthe schwärmte. Allein, je mehr die Romantik christlich und kirchlich wurde, desto mehr wurde sie antisemitisch.. Namentlich zeigte sich das in der deutschen Burschenschaft mit ihren christlich-germanischen Anschauungen und Lebensformen, und so konnte, wie heute wieder, so damals schon die Frage aufgeworfen werden, ob Juden in die Burschenschaft Aufnahme finden können. In gelegentlichen Ansprüchen, des Mob in verschiedenen deutschen Städten zeigte sich der Unwille des Volkes über den jüdischen Besitz, der durch das geschicktere, sparsamere und nüchterne Wesen der Juden den Vorsprung gewann, bei Vielen aber allerdings auch aus skrupelloserer und vor Wucher nicht zurückschreckender Geschäftsgebahrung beruhte. So traten da schon zwei Motive der antisemitischen Bewegung, das religiöse und wirthschaftliche, deutlich zu Tage, während das nationale selbst bei.der Burschenschaft mit ihren Deutschen" Tendenzen noch fast ganz ausgeschlossen blieb. Die Romantik war antisemitisch geworden; im Mittelalter hatte man die Juden ja auch verfolgt. Um so selbstverständlicher, dass , das junge Deutschland judenfreundlich dachte, wenn wir auch davon absehen, dass Börne und Heine Juden waren; das junge Deutschland im Allgemeinen aber um ihretwillen als eine jüdische oder von Juden geleitete Coterie anznsehen, ist schon früher als falsch zurückgewiesen worden. Das Philosemitische in ihm hängt mit seinem Liberalismus, seinem Eintreten für alles zusammen, was Emanzipation heißt. Das Jahr 1848 brachte ihnen noch, was sie wünschten, die volle bürgerliche Gleichberechtigung, die nicht nur in ’ bie deutschen Grundrechte ausgenommen wurde, sondern selbst in der preußischen Verfassung eine Stelle fand. Die Versuche der reaktionären Partei in Preußen, sie ihnen in den Fünfziger Jahren wieder zu entziehen, scheiterten, nur aus dem Verwaltungswege konnten ihnen die principiell zngestandenen Rechte im einzelnen Fall verkümmert werden. Unter Kaiser Wilhelm I. fielen namentlich in der liberalen Aera der Siebziger Jahre auch diese Beschränkungen von Fall zu Fall stieg, im Parlament machte sich Laskecs Einfluss nach dieser Seite hin geltend. Leonhardt als Justizmimster, Fülk als Cullusmftnster trugen kein Bedenken, Juden , in ihren Ressorts anzustellen. und auch Bismarck galt, schon wegen seiner Beziehungen zu Bleichröder, für judenfreundlicher, als er es vielleicht thatsächlich war. Allein die Keime zu einem neuen Umschwung reichen eben in jene Zeit zurück. Im Zusammenhang mit dem Sieg und dem Fünf-Milliarden Segen kam der gewaltige Aufschwung der Industrie auf der einen und auf der andern Seite das Speculationssieber der Gründerperiode mit ihrer wahrhaft erschreckenden Corruption. Auf der andern Seite darf aber auch nicht vergessen werden^ dass es im prellßischen Landtag der Jude Lasker war, der 1873 in jener großen Rede zuerst muthig den Finger in diese Eiterbeule legte und den Reinigungs- und Gesundheitsprozess dadurch energisch einleitete.-- Nun glaubte Treitschke seine Zeit zu verstehen und nahm sich mit seiner lauten Stimme der antisemitischen Bewegung an. Auch bei ihm war es wohl einerseits Abneigung gegen die Berliner Fortschrittspartei, die stark mit, jüdischen Elementen durchsetzt war nnd durch den sachkundigen Manchestermann Bamberger der neuen Schutzzollpolitik den entschiedensten Widerstand entgegensetzte. Es war aber doch vor allein das rein nationale Pathos und Interesse; das Judenthum erschien ihm als ein Tropfen fremden Blutes im deutschen Volkskörper. Da;u kam, dass er unter dem Einfluss des 70er Krieges religiöse Jugendeindrücke wieder belebte unb legendenartig nach rückwärts, nach dem Muster von 1813, auch in dem Krieg von 1870 der Frömmigkeit eine bedeutsame Rolle zuweisen wollte. So begegnete er sich auch hier mit Stöcker: er schmähte den Liberalismus und näherte sich dem antisemitischen Conservatismus. In den damals noch von ihm redigirten.„Preußischen Jahrbüchern," in seinen Vorlesungen und — wo es am schlimmsten ist — in seiner Deutschen Geschichte hat er in seiner temperamentvollen Weise und Form diesem Antisemitismus immer mehr die Zügel schießen lassen. Machte er anfangs noch den Unterschied zwischen Judenthum und jüdischen Auswüchsen und wetterte er gegen diese mit sittlichem Ernst und nationalem Pathos, so beschimpfte und verhöhnte er schließlich den Juden wegen seiner krummen Nase oder wegen seiner dünnen Stimme und gewann sich dadurch im Colleg den Beifall radaulustiger Studenten. Gelegentlich freilich graute ihm doch selber vor seinen antisemitischen Parteigenossen, aber dann decretirte er schlankweg: „Wenn wir ein unsauberes Antisemitenthum emporkommen sehen, so tragen die gemäßigte» Parteien die Schuld!"- Unser moderner Staat ist nicht christlich und nicht einmal ausschließlich germanisch: an seinen Rändern gehören Polen, Dänen, Franzosen zu ihm; sollte er also die paar hunderttausend Juden nicht auch ertragen können? Der Gedanke, die Juden selbst durch schlechte Behandlung zum Verlassen Deutschlands zu bewegen, und die daran sich anschließende Bewegung der Zionisten, die auf Gründung eines national-jüdischen Staates in Palästina ausgeht, ist völlig utopistisch und anachronistisch und stört nur den längst schon mit Erfolg eingeleiteten Assimilationsprozess.