Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 33 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063046--00948-3067497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 33. Die Wahryen. in Wien gegen das Heer der jüdischen Cultusbeamten in Oesterreich, und wie klein das Leid der Ersteren im Verhältnis zu der Noch und dem Elende, dem die Letzteren preisgegeben sind. Tausendfältigen Dank und unvergängliche Verdienste würde sich der Bundespräsident und mit ihm der Bund erwerben, wenn er dazu beitragen wollte, die jammervolle Existenz der jüdischen Cultusbeamten in dm meisten jüdischen Cultusgemeinden zu verbessern und einem Zustande abzuhelfen, der dem Judenthume geradezu zur Schande gereicht. - Diese und andere ähnliche, ebenso wichtige Aufgaben, die im eigensten Wirkungskreise der Gemeinden liegen, harren des Bundes. Diese hat er zu lösen, dann wird er auch die Unterstützung und Mitwirkung der Gemeinden und Privaten in reichlichem Maße finden. Wenn aber der Bund, gleich den übrigen Vereinen, seine Thätigkeit ans das politische Gebiet'verlegt und sich nur mit Rechtsschutz- und Abwehrfragen beschäftigt, dann hat er in unseren Augen jede Existenzberechtigung verloren und seine Gründung war eine vollkommen überflüssige, da in anderen Vereinen für diese Richtung schon zur Genüge gesorgt ist. I»r Iudeufrage in Galyien. (Schluss.) Wer nur jemals in Galizien selbst die Hütten der armen jüdischen Bevölkerung ausgesucht und dort die vielen durch Mchml'tz und Unreinlichkeit ganz verkommenen Gestalten mit Mitleidigem Blicke betrachtet hat, oder in den Spitälern Wiens und anderer von galizischen Einwanderern stark ausgesuchten Großstädte Gelegenheit hatte, den großen Percentsatz kennen zu lernen, welchen diese bedauernswerthen Geschöpfe, beiderlei Geschlechtes und in allen möglichen Altersstufen; zu schweren Augen-, Haut- und' anderen hereditären Erkrankungen stellen, der wird sicherlich den vorangegangenen Ausführungen der Verfasserin zusiimmcn und zu der Ueberzeugung gelangen, dass die Anbahnung «iues physischen und dadurch auch geistigen Regenerationsprocesses -er galizischen Judeumassen im angedeuteten Sinne eine absolute Roihwendigteit ist, ohne welche jede materielle Hilfsaction keinerlei Lauernden Erfolg verspricht. Sehr zutreffend sind auch die Bemerkungen über die Hausindustrien : „Man will sich bemühen, Hausindustrien in Galizien einzuführen! Dazu muss man die Frauen und Mädchen erst au Hausfleiß, an häuslichen Fleiß gewöhnen. Die erhaltende Thätigkeit der Frau, der Werth ihrer Leistungen und Arbeit im Haushalt als solcher wird sehr oft nicht geachtet und nicht berechnet, dennoch kann eine geschickte, fleißige, haushälterische Frau ans dem Verdienst eines Mannes das doppelte und dreifache an Lebenswerthen ziehen, als eine Frau, die nicht stopfen, flicken, kochen, ihre Kinder nicht pflegen, ihre Töchter nicht zu gleicher Thätigkeit anhallen kann. Vielleicht findet Jemand solche Details lächerlich und kleinlich — sie sind es nicht; auf ihnen berühr die gesundheitliche und ökonomische Existenz eines Volkes." Bei der zum Schluss? aufgeworfenen Frage, wer die als nöthig geschilderte Herkulesardeit rhun soll, werden wir an den verhältnismäßig geringen Antheil erinnert, den die jüdischen Seelsorger an der Armen- und Volkspflege nehmen. Allein wir wollen den sich uns nach dieser Richtung anfdrängenden Gedanken bei einer anderen Gelegenheit Raum geben und heute nur die treffende Antwort verzeichnen, welche die Verfasserin auf diese Frage gibt: „Die Tochterreligion der jüdischen hat die mosaische Lehre der Nächstenliebe in so engen Zusammenhang mit der Ausbreitung des christlichen Glaubens gebracht, dass der christlichen Kirche, der protestantischen sowohl wie der katholischen, jederzeit ein Heer von männlichen urid weiblichen Missionären zu Gebote steht, die bereit sind, die Segnungen ihres Glaubens und der allgemeinen Cultur dahin zu tragen, wo Heidenthum und Uncivilisation besteht. Ueber solche Missionäre des Glaubens verfügen wir nicht, aber wir können Missionäre der thätigen pflichttreuen Menschenliebe, beruflich ansgebildete VoWpfleger und Volkspflegerinnen in die galizische Wildnis schicken, und von diesem Punkte aus kann sich eine rasch in Wirksamkeit tretende Hilfsaction für die galizischen Juden entwickeln.: Ich spreche gl'eich von Volkspflegerinnen, weil, wie schon dargethan ist, das Hauptgewicht der pflegerischen Thätigkeit auf jene Gebiete concentrirt werden muss, die recht eigentlich das Gebiet speciell weiblichen Könnens ist. Aerztinneit (und Aerzte, solange noch zu wenig Frauen sich dem medieinischen. Beruf gewidmet haben), Hebammen, Krankenpflegerinnen,' Krippenpflegevinnen, Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen werden die Pionniere sein müssen, die man, richtig instruirt, anssendet. Die von den Stiftungsschulen erkämpften Plätze können die Angriffspunkte werden, von denen ans sich die pflegerische Thätigkeit ansbreitet. Die Schwierigkeiten in der Bevölkerung werden anfangs wohl ähnliche sein,, wie bei der Gründung der Schulen, aber wenn die Lehrer und die Volkspfleger sich, davon überzeugt haben werden, dass sie sich in ihrer täglichen Arbeit helfen und in ihrem Cultnrwerke unterstützen, ist es da denkbar, dass sie sich nicht die Hände reichen werden? Solcher Sanitätsstationen können natürlich nicht gleich viele in Aussicht genommen werden, es tvürdeu dazu die Geldmittel und das Menschenmaterial fehlen. Aber könnte der in Vielen undeutlich und latent vorhandene Wunsch nach einer „Hilfsaction für die Juden in Galizien" nicht probeweise in der Entsendung zweier Volkspflegeriuueu (1 Aerztiu uud 1 Krippenpflegerin) zup Thal werden? Der Versuch wäre nicht kostspieliger als andere Experimente, die in dieser Richtung schon gemacht worden sind. Nur was die Verwendung etwa zur Verfügung gestellter Geldmittel betrifft, so müsste derselben (abgesehen von der geuauesteu Coutrolle) im Gegensätze zu den anderen Stift'ungsfonds eine große Freiheit zugestandeu sein. Eine solche Sanitätsstation kann nur dann zu gedeihlicher Entwicklung gelangen, wen» ihre Mittel leicht flüssig zu machen sind, und zwar gleicherweise etwa für die Anschaffung von Seift. Soda und Desinfektionsmittel, wie zur Ausbildung von Bolkspflegerinneu uud Studiellreiseu, als auch zu Prämien für die bestgeftopfteu Strümpfe, die bestgepflegten Bav>es eines kleine» Bezirkes. Es ist im Rahmen dieser Besprechungeit natürlich nicht möglich auf genaue Details solcher volkserziehlicher Einrichtungen einzugehen. Diese können hier nur theoretisch angeregt 4verden. Die Ausführung bedarf des sorgfältigsten Ausbaues und muss den jeweiligen localen Verhältnissen genau angepasst werden. Zu bemerken wäre nur doch, dass möglicherweise in den von Jndenhetzen aufgewühlten jüdischen Gemeinden Böhmens und Mährens Frauen und Mädchen, vielleicht auch ganze Familien zu finden wären, die in ihrer Existenz geschädigt, sich unter gewissen Bedingungen bereit fiirden würden, in Galizien in der angedeuteten Weise zu arbeiten. Die jüdischen Frauen Böhmens und Mährens sind meist tüchtige, fleißige, saubere Hausfraucn, und da sie an ein slavisches Idiom gewöhnt find, so würde bei ihnen auch die Sprache keine Schwierigkeit bilden. Vielleicht gelingt es auch auf dem angedeuteten Wege die jüdische Bevölkerung Galiziens jo vorzubereiten, dass sie verständiger und bereitwilliger aufnimmt, was die Baron Hirsch-Stiftung und die Jewisch Colonisatiou ihr darbietet. Es sind zwei große Arbeitsgebiete, die in Vorstehendem scizzirl sine: die eigentliche Volkspflege auf Grund sanitärer und erziehlicher Maßnahmen, und die Begründung, die Organisation und Installation dieser Volkspflege, die wohlerwogen und wohldurchdacht der Ausgangspunkt der Hilfsaction werden müsste. , Um den Juden in Galizien eine solche reorganisirende Hilfe zuzuführen, bedarf es großer Mittel an Geld, aber noch größerer an Intelligenz, Willen, Ausdauer, Persönlicher Hingabe und Geduld. Diese Aufgabe soll aber weder als eine coufessionelle,