Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 33 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Gelte 6. Die Wahrheit. Rr. 33. dem Gemeindewesen auferlegen. Und all diese beträchtlichen Ausgaben für Cultus, Bildung, Arme und sonstige Zwecke werden ja in den meisten Fällen nur durch Umlagen und freiwillige Beiträge der eigenen Mitglieder gedeckt, denen hier ihre Confessionfinanzielle Opfer auferlegt, die Angehörige anderer Confessionen nicht kennen und die nur einen immer erneuten Beleg für den bekannten talmudischen Grundsatz bilden: „En Zibbur oni“ — Eine Gesammtheit ist nicht arm. d. h. sofern der Geist der Opferwilligkeit für religiöse und humane Zwecke in ihr lebt. Und der .besteht, was zur Ehre des Judenthums constatirt werden darf und soll, ja in allen jüdischen Cultusgemeinden. Und auch die Totiser Cultusgemeinde darf sich stolz eineS solchen rühmen. Jahrhunderte alt, durch hervorragende Persönlichkeiten in der Geschichte der ungarländischen Judenschaft berühmt, hat die Gemeinde auch heute noch an ihrem alten Ruhm nichts eingebüßt, ja eher ihn vermehrt. All die Institutionen anderer und selbst kleinerer Gemeinden finden sich auch hier, eine alte imposante Synagoge, in der von nahmhaften Rabbinern schon das Gotteswort verkündet ward und in der gegenwärtig, wie schon seit 20 Jahren, Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Markus Händler, einer der wenigen Rabbiner, die schon vor Jahrzehnten der ungarischen Sprache auch die Kanzel einräumten, seines heiligen Amtes waltet. Herr Rabbiner Händler hat sich auch durch namhafte anerkannte Leistungen auf dem Gebiete der ungarisch-jüdischen Litteratur einen bedeutenden Namen erworben, so durch , eine hebräisch-ungarische Grammatik nach eigener vorzüglicher Unterrichtsmethode, die alsbald in vielen Schulen Eingang gesunden, durch eine Reihe in classischem Ungarisch gehaltene patriotische Kanzelreden, hauptsächlich aber durch eine vollständige fünfbändige Sammlung ungarischer Trauungsreden, die nach den Wochenabschnitten des Pentateuchs geordnet, eine bis jetzt einzig dastehende Musterleistuug in ihrer Art bilden. Was den jüdischen Gemeinsinn auSzeichuet, es findet sich in Totis in reichstem Maße. Die Gemeinde mit ihren ca. 300 Familien hat einen Männer- und Frauenwohlthütigkeits-Berein, einen sogenannten „Kreuzerverein" u. s. w. Eine schon durch die Wirksamkeit Abraham Lederer's berühmte, insbesondere für die Verbreitung der ungarischen Sprache in ersprießlichster Weise arbeitende Schule, an der vorzügliche Lehrkräfte thätig sind, gereicht der Gemeinde zur Ehre und ihrer Jugend zum Heile. Besondere Anerkennung aber verdient der bildungSfreundliche Sinn der Israeliten in Tata-Tovaros. Sellen findet sich eine Gemeinde mit einem solch bedeutenden Procentsatz gebildeter, intelligenter Israeliten wie hier, die sich dem Ungarthume in seinen lichtvollen Seiten voll und ganz angeschlossen haben. Fast durchwegs dem Kaufmaunsstande angehörend, haben sich viele unter ihnen hervorragende Namen auf dem Gebiete des Handels und der Industrie erworben, wie z. B. die bekannten, dem ungarischen Adelsstände ungehörigen Inhaber der Herender Porzellanfabrik Fischer de Farkashazy, deren gegenwärtiger Chef, Herr Dezso Fischer, ein ebenso für die Verbreitung wahren jüdischen, wie ungarischen Geistes eifrig thätiges Mitglied der Totiser Gemeinderepräselltanz ist. Eben ist die rührige intelligente Gemeinde unter der Leitung ihres thatkräftigen Vorstandes, der Herrn Dr. Breuer, Adolf Rosenberg und Jakob Schwarz, unterstützt von den Herren Tempelvorstehern Rosenblüh und Ed. Kohn, ersterer ein „Ben- Tauroh" vom alten Schlage, im Begriffe, einen weiteren wichtigen Schritt in ihrer modernen Ausgestaltung zu thun. Der dort seit 15 Jahren amtirende Obercantor, Jaques Kartschmaroff, ein würdiges Glied der ungarischen Catuoreufamilie und Bruder des Groß-Kanizsaer Obercantors Kartschmaroff, ist seit einem Jahre bemüht, die Hebung des öffentlichen Gottes dienstes durch Einführung eines gemischten Chors in Begleitung eines Musikinstrumentes zu fördern. Die bedeutende Mühe, die sich der in seinem Berufe tüchtige und pflichteifrige Obercantor mit der Realisirung dieses den Wünschen der intelligenten Gemeindemitglieder entsprechenden wichtigen Punktes gibt, die wahrhaft glänzend zu. nennenden Proben, die der vortrefflich -geschulte Chor bisher abgelegt hat, hauptsächlich aber, was ich aus Erfahrung und mit Vergnügen betone, die gebildete, moderne Gesinnung sämmtlicher Mitglieder der Repräsentanz, lassen mit Bestimmtheit erwarten, dass ebenso wie ungarische Sprache und moderne Bildung, so auch der moderne Gottesdienst bald in dieser Mustergemeinde ihren Einzug halten werden. Freilich, wie beim Einzelnen spricht auch bei einer Gemeinde der finanzielle Punkt ein gewichtiges Wort mit, wann aber hätte sich der opferwillige Sinn des Juden verläugnet, wo es sich um Einführung einer durch Erfahrung bewährten modernen gemeinnützigen Institution handelt? Die gebildeten Totiser Israeliten, an (der Spitze ihr patriotisch und modern fühlender Prediger, wie auch all die andern um die Gemeinde verdienten Männer, die Herren Gebr. Raditz, Richter, Nobel u. s. w. werden zweifellos auch hier ihrer Gesinnung und der ausgezeichneten Totiser Gemeinde Ehre machen und wie ihre Herzen so auch ihr Gotteshaus baldigst der modernen Zeitrichtung erschließen. Der »MP. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Bon Moritz Scherbet. -Nachdruck verboten.) (36. Fortsetzung) Der alte Rutowski hatte sein Leid mit dem allen nobken Paffionen huldigenden Sohne, und ein großer Theil des Geldes, das er bei Wandelowicz entlieh, floß nach Wilna, um den Begehrlichkeiten des leicht in die Welt hineinlebenden Osficiers gerecht zu werden. Rutowskp war, wie viele russische höhere und niedere. Beamte, neben seinem sonstigen Berufe auch Speculant und so dachte er einst: „Wie wäre es, wenn Du, statt wie bisher den Vermittler zwischen Georg und der Caffe Wandelowicz zu spielen, was mitunter recht unangehm wird, den Ersteren selbst an diese Caffe führst, aus welcher er dann nach eigenem Bedürfnis schöpfen könnte? Wie wäre es, wenn Du Georg zum Schwiegersöhne dieses Geldmannes machtest? Wohl Wandelowicz ist Jude" — und der brave Vater eines braven Sohnes schüttelte fich pflichtmäßig bei Erwägung dieses Umstandes — „er ist Jude — und Du bist ein guter orthodoxer Christ. — Allein wird der Mensch, dem, wie ich schon oft Gelegenheit hatte wahrzunehmen, sein Judenthum nur eine drückende Bürde ist, dasselbe nicht freudig von fich werfen, wenn für seine Tochter eine so glänzende Partie in Aussicht steht? Was kann ihm an dem Bischen Taufwaffer liegen, da er schon längst wünscht, nicht als Angehöriger der verachteten Raffe betrachtet und behandelt zu werden? Gewiss, er wird sich taufen laffen, wenn er in eine verwandschastliche Verbindung mit einem echten Ruffen treten kann; in dieser Beziehung habe ich ihn schon, wie man zu sagen pflegt, in meiner Tasche." ..Doch, Georg, was wird er sagen, wenn ich ihm diese Proposttion mache? O. ich weiß es. er wird sich schütteln, wird Abscheu» Entsetzen empfinden vor — der Tochter eines Juden. Das Schlimmste dabei aber ist noch, dass das Frauenzimmer nicht hübsch ist, sonst könnte man darauf rechnen, dass Amor dabei mithelfen werde. Aber wie fie mir da vor Augen steht, klein, unansehnlich, schwarz — zum Teufel,! der Georg müsste seinen ganzen Muth als Ofstcier daran setzen, wenn er sich ein solches Weib an die Seite bringen soll. Er, der von einer Schönheit zur anderen flattert, wird er in diesen säuern Apfel beißen wollen, wird er die hässliche Jüdin heiraten? Doch er wird es. wenn er die Caffe ihres Vaters mit in den Kauf bekommt. Er wird es, wenn ich ihn zum Bewusstsein bringe, dass ich selbst auf dem Trocknen sitze und nichts mehr für ihn zu thun im Stande bin. Zum Teufel auch mit seinem ewigen Geldbedürfnis! — Er heiratet fie, und heiraten ist noch nicht — lieben müssen. Er wird nicht der Erste sein, der seine Frau nur alS WirthfchaftSstück betrachtet, das man niemals mitnimmt, wenn man seinen Vergnügungen nachgeht. Was er an seiner Frau vermiffen wird, wird er fich anderweitig aufzusuchen verstehen — und Georg, er ist der Mann dafür. Ich muß nun gleich an die Einleitung dieses Werkes gehen, das, wenn eS gelingt, ebensowohl Georg wie mir selbst auf die Beine hilft." Und der gute Mann, der edle, pfiichtgetreue und pflichtbewusste Vater ging an die Einleitung des Werkes. Er befand fich an einem der nächsten Abende bei Wandelowicz zum Thee und machte der Familie die Mittheilung, dass er seinen Georg in der kommenden Woche bei sich erwarts. (Fortsetzung folgt.)