Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 33 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration Vien, n/1, Novaragaffe 27. Unabhängige Keilschrift für jüöifche 1 Lezngrßttn: Ganzjährig . . . ft. 12.— Halbjährig ... ft. 8— ft.*. östrrr. v .. Interessen. Kheck»E0«t0 N?» 25\ Für Lultusbearnte: i 1 Ganzjährig ... ft. 10.— j 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnements- »nd JnjertionS» Ganzjährig .... iS Mark betrüge find in Wien zahlbar. AatU: .Das Siegel Gottes ist Mahrheit!" 6 Rubel oder 18 Frcs. Nr. 33. LMen, 7. eptember IW». J«halt: Unsere Organisationen. — Zur Judenfrage in Galizien. — Unter dem David-Schilde. — Die Jsraelitengemeinde in Totis. — -Feuilleton Nihilist. — Streiflichter. — Obercantor I. Sarasohn, Stettin. — Verschiedene Nachrichten. — Litteratur. Wir ersuchen dringends tum freundliche Einsendung der Abonnementsbeträge. Aie Administration. Unsere Organisationen. 11. Wie wenig unsere allen jüdischen Organisationen in Oesterreich einem ernsten Ansturm Stand ballen und großen Ausgaben sich gewachsen zeigen, dies zu beobachten, Hanen wir in den letzten Monaten anlässlich der sür die rumänischen Auswanderer durch die „Israelitische Allianz" in Wien eingeleiteten Hilfsaktion genügend Gelegenheit. Allein wir wollen heute nicht in die allgemeine Klage einstimmen und jene Männer schmähen, die wirklich all ihr Können einsetzten, sich aber als viel zu schwach erwiesen, um deu säst mit elementarer Gewalt hereiubrecheüden Auswanderungsstrom in ruhige Bahnen zu lenken. Dazu hätte es mehr Voraussicht der kommenden Ereignisse, energischeres Handeln im Momente des Eintrittes der Gefahr und vor Allem reicherer Geldmittel bedurft. Der eine Vorwurf darf aber der Leitung der „Allianz" nicht erspart werden, dass sie den zahlreichen warnenden Stimmen zu wenig Gehör geschenkt har und darum von der Katastrophe überrumpelt wurde. Aus derartigeri traurigen Ereignissen muß man für die Zukunft eine Lehre ziehen und die richtige Erkenntnis begangener Fehler wird ferneren Jrrthümeru Vorbeugen. Doch gestehen wir es offen, nicht viel besser als der „Israelitischen Allianr" wäre es jedem einzelnen unter unseren sogenannten großen jüdischen Vereinen in ähnlichen Lagen ge- '■ gangen. Fast alle haben eine mangelhafte Organisation, und was ihr größter Fehler ist, sie kennen keinen Zusammenhang, keine gegenseitigen Beziehungen. Statt ihre Wirkungskreise genau abzugrenzen, treten sie einander auf die Füße, das allgemein anerkannte moderne Wirthschastsprincip der Arbeitstheilung wird von ihnen zu ihrem eigenen Schaden außer Acht gelassen, und so weiß dann keiner, was seine Aufgabe, was seine Bestimmung ist und was ihm zu thun obliegt. Ein Gebiet ist es besonders, das für alle unsere jüdischen Vereine eine große Anziehungskraft hat, das sogenannte politische. Sie treiben gerne nutzlose auswärtige Politik, die kleinlich scheinende, aber höchst dringende und werlbwolle häusliche Arbeit ist ihnen verhasst. Ost die unwesentlichsten Vorkommnisse im staatlichen j und communalen Leben werden zn lauttönenden, aber innerlich nichtssagenden Kundgebungen ausgeschrotet, hingegen wichtige innere Fragen des Judenthumes stillschweigend übergangen oder nur kurz abgethan. „Stellungnahme zu dem oder Stellung» nähme zu jenem" heißt es in deu Einladungen zu den diversen Vereinsversammlungen, und vor lauter Stellungnahme haben wir das Stehen aus eigenen Füßen, das Gehen im eigenen Hause verlernt und bleiben immer am Boden liegen. Was hier im Allgemeinen gesagt wurde, das gilt auch im Besonderen von einem der jüngsten hoffnungsvollen Sprößlinge der jüdischen Vereins bildung, dem jüdischen Gemeindebunde, oder wie er officiell genannt wird, vom „Allgemeinen österreichisch-israelitischen Bund." „Ja, lebt denn der noch?" wird so mancher Leser verwundert fragen. Ja wohl, er lebt, aber er blüht im Verborgenen wie das wohlduftende Veilchen. Nur wenigen Eingeweihten ist von seiner leisetretenden, sein diplomatischen Thätigkeit etwas bekannt, für die große Masse hat er kein Interesse und sie nicht sür ihn. Vor einiger Zeit hörten wir eine» der Führer des Bundes über die Theilnahmslosigkeit der Gemeinden arge Klagen führen. Woher soll aber die Theilnahme der Gemeinden kommen, wenn der BtMd kein einziges Lebenszeichen von sich gibt, oder, gleich anderen Vereinigungen, seine angebliche Thätigkeit auf Gebiete erstreckt, die ihm ferne liegen, und seinen natürlichen Wirkungskreis außer Acht lasst? Man muss sich ja zunächst vor Augen halten, zu welchem Zwecke der Bund ursprünglich gegründet werden sollte. Er war dazu bestimmt, einen Vereinigungspunkt zu bilden, von welchem aus neue Ideen, neue Anregungen, frische Säfte und frisches Leben in die jüdischen Gemeinden dringen sollten, er war bestimmt, im gemeinsamen Bunde das anzustreben, was den einzelnen Gemeinden in Folge des Mangels der geistigen und materiellen Kräfte auszuführen versagt war. Und darum müßte sich die Thätigkeit des Bundes genau mit dem Wirkungskreis der Gemeinden decken, der, wenn wir die Worte : taurod, awaudoh ug«mila8 chasaodim im weitesten Sinne nehmen, auch für die imposanteste Gemeinschaft und sür die erwähltesten Männer genug zu thun gibt. Es wurde seinerzeit dem Präsidenten des Bundes öffen - liche Anerkennung dafür gezollt, dass er an maßgebender Regierungsstelle für die ilr ihren staatsgrundgesetzlich gewährten Rechten gekränkten jüdischen Communalbeamten in Wien eingetreten ist. j Wie gering ist aber die Zahl der jüdischen Communalbeamten