Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 32 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Beite' 8. Die Wahrheit. Nr. 3 2. Chore, hinweg mit der Sängerschaar! Fort mit ihnen, dort hinauf auf die Galerie! Mau kann sie hören und ihres Gesanges froh werden, zu sehen braucht man sie durchaus nicht. Am Emporium, im Bereiche des Allerheiligsten haben nur Jene was zu suchen, die berufen sind, das Wort Gottes von der Kanzel und am Betpnlt zu verkünden; Ministrant und Laie sollen in scheuer Ehrfurcht sich fern davon halten!" Die aus diesem Grundron ins heilige Pathos der .Gerechten sich Hinein» edenden stoßen ans den heftigen Widerstand Jener, die ebenso pathetisch den konservativen Grundsatz verfechten: „Cantor und Chgr gehören ^llsammeil, wenn sie einander verstehen, einander gehorchen, wenn sie stützend und ablöscnd im wohlabgestimmten polyphonen Gesang einander die Wage halten sollen out den ersten Blick und Wink." So wogt der Meinungswiderstreit zweier Parteien, seitdem man im Judenthnm anfing, den öffentlich synagogalen Gottesdienst seines exclusiv-jüdischen Gepräges zu entkleiden und in Formen zu pressen, nach Anstandsregeln von allgemeiner Landesüblichkeit. Das treibende Motiv Beider läuft auf Eines hinaus. Man soll den Bekennern anderer Confessionen die Ueberzeugung beibringeu, dass auch uns nichts im Wege steht, dem alten Gott Israels neue Prachtbauten zu widmen nach bewährten Mustern der Tempelbaukunst anderer Völker und Culten, dass die Klarheit und Wahrheit unserer liturgischen Grundsätze für Jedermann, der Einblick in ihnen zu nehmen wünscht, sich von selbst offenbart und bei dieser Offenbarung nichts von dem „Abstoßenden" verräth, das der Volksmund ihnen von jeher anzudichten liebt. Wir singen in volksthümlichen Liedern dem Gott Aller Preis und Dank, und dieser Gesang steht demjenigen der bestbekaunten Kirchenlveisen in nichts zurück. Die Predigt wird allerorten in der von der Mehrheit des Volkes gesprochenen Zunge abgehalten. In gleicher Weise wird es auch mit den hochwichtigen Gebeten gehalten, die Einer für Alle, also Rabbiner oder Cantor, angesichts der offenen Bundeslade verrichtet. Wenn wir, die Träger und Pfleger der Stammreligion Moses, uns in etwas von den Bekennern der zweitöcherlichen Weltreligion unterscheiden, so ist es nur die hebräische Betsprache, an der wir aus wohlerwogenem, selbst vom ehrlich 'aufrichtigen Christenthum vorbehaltlos zugestandenem Grunde festhalten müssen. In diesem Auf und Ab liegt der Spiegelgrund des sonst klarverständlichen Gedankenganges aller Jener, die da meinen, mit den Sitten und Riten der breitmassigen Volksschichte durch Dick und Dünn gehen zu können. Die Rechnung hat ein Loch, und das Loch weitet sich zusehends mehr und mehr zum klaffenden Riss. Wenn die wahre Gottesfurcht zum kalt-höflichen Formalismus ausartet, so leidet keiner mehr darunter als das Judenlhuul selbst. Gewiss, das sieht fest. Wer joll's hinwegdispuliren? Sprache und Rhetorik, Gesang und Orgelspiel wollen und sollen zu Ehren Gottes in Dienst gestellt sein. Das ist menschlich, das ist wohlgethan, das entspricht der Güte und Blüte Alles Hessen, was wir zum Heil unser Aller vorzukehren vermög n. Aber . . . dass der Tempel zum Concertsaal werde und der Alrar Gottes zur Schaubühne . . . wer heischt es von uns, tvcr fordert dergleichen? Das ist es, »vas uns zum Nachdenken gibt. Man züchtet im Bethaus eine Gottesandacht, die nicht spontan vom Herzensgrund kommt, die der Anregung und Anteuernng von anßenher bedarf, um uns für Smndesdauer über den bloßen Augenschein htnwegzuläuschen. Die Andacht ist da. Wo ist die Andacht? Verschiedene Nachrichten. Wien. Anlässlich des 2öjährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Sultans Abdul Hamid, findet im Tempel der türkischen Gemeinde, Samstag, den 1 September, Vormittag halb 12 Uhr, ein Festgottesdienst statt. Demselben wird der türkische Botschafter sammt dem Botschaftspersonale und anderen Würdenträgern beiwohnen. Wie«, 28. August. Der als Hebraist und Schriftsteller weit und breit bekannte Buchhändler, Herr Chajim David Lippe, ist vorgestern in Mödling im 77. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war in früheren Jahren Cantor in Eperies, widmete sich jedoch später, unterstützt durch sein umfangreiches hebräisches Wissen, dem schriftstellerischen Berufe. Er war ein seltener. Kenner der jüdischen Litteratur in allen ihren Zweigen und stand mit den hervorragendsten litterarischen Persönlichkeiten in regem Verkehre. Ein von ihm herausgegebenes bibliographisches Lexicon hat vielfache Verbreitung gefunden. Ein kleiner Buchhandel, den er seit Jahren in-Wien betrieb, deckte zur Roth seine bescheidenen Ansprüche-an das Le^n. Trotz reichen Wissens und fleißiger beruflicher Thätigkeit konnte er Kohl nicht zu materiellem Wohlstand gelangen, aber sein bescheidenes, jedem geistigen Protzenthum abholdes Wesen, sein streng reeller, von wahrer Frömmigkeit und Religiosität durchdrungener Charakter hat ihm viele Freunde und Verehrer erworben, und viele aufstrebende Talente haben in dem oft hilfebedürftigen, selbst aber Anderen gegenüber stets hilfsbereiten „Vater Lippe" einen eifrigen Förderer gefunden. Das Leichenbegängnis dieses seltenen Mannes hat vorgestern unter zahlreicher Betheiligung am Centralfriedhofe in Wien stattgesunden. n"aj»n , c-,, Wien» Die jüdisch-national organisirten Arbeiter Wiens veranstalten Samstag, den 1. September d. I., einen Unterhaltungs-Abend, wobei 7 Schauspieler des Jantschtheaters in uneigennütziger Weise ihre Mitwirkung zugesagt haben. Die Festreoe wird Herr Dr. H. Kadisch halten und die Judennoth zum Thema haben. Das Festcomito, anderen Spitze der Obmann des Vereines „zionistischer jugendlicher Arbeiter," Herr Max Strauß, II., Rembrandtstraße 30, und II. Obmann, Herr M. Kohn, II., Miesbachgasse 14, stehen, haben.es sich zur Aufgabe gemacht, durch ein gutes Programm für den animirten Verlauf Sorge zu tragen. Das Reinerträgnis ist für die rumänischen Auswanderer bestimmt. Spenden werden dankend angenommen und nach vorherriger Anmeldung abgeholt. Karten in Vorhinein sind zu haben bei Max Strauß, II., Rembrandtstraße 30, Max Kohn, II., Miesbachgasse 14. und B. Grünhut, VII., Neubaugasse 11. Waden ö. Wien. Anknüpfend an meinen vorwöchentlichen Bericht soll einer Humanitäts-Anstalt Erwähnung gethan werden, die mit zu den Errungenschaften der weltberühmten Schwefelstadt auf dem Gebiete der Wohlthätigkeitseinrichtungen zählt. Es ist dies die Nanette Schlesinger'sche Stiftung, ein zur unentgeltlichen Verköstigung der in der Baron Todrsko'schen Anstalt internirten und außerhalb derselben domicilirenden curbedürstigen armen jüdischen Kranken gegründetes, rituelles Speisehaus. In demselben nehmen die mobilen Pfleglinge 6 Wochen hindurch dreimal täglich gemeinschaftlich ihre Mahlzeiten ein, und den Jnmobilen werden zu gleicher Zeit die Speisen in ihre Wohnungen übermittelt. Das Speisehaus wird derzeit von Fräulein Mina Eichner, einer Tochter des ehemaligen Stadt- und Anstaltrestanrateurs Eichner, geführt, die ihre Mission voll und ganz zu erfüllen versteht und durch ihr freundliches Entgegenkommen den Pfleglingen gegenüber uugetheilter Sympathien sich erfreut. Die Leitung der Stiftung untersteht einem Curatorium, das in Wien seinen Sitz hat, dort seine Amtsthätigkeit ausübt und durchwegs Männer von vornehmer, hochgeachteter Stellung und klangvollem Namen zu seinen Mitgliedern zählt, die, von den edelsten Motivengeleitet, Zeit- und Müheaufwand in den Dienst dieser humanen Institution stellen und im Interesse derselben eine wahrhaft selbstlose Thätigkeit entfalten. Möge das in Kürze entworfene Bild des so still und segensreich wirkenden Institutes, dieser Pflegestätte echter Barmherzigkeit und Nächstenliebe, das Interesse und die Theilnahme unserer reichbegüterten Glaubensgenossen wachrufen und rege erhalten, damit es der Leitung ermöglicht werde, ihre Wirksamkeit verdoppeln und die Zahl der zu begünstigenden Petenten, die trotz der jährlichen Steigerung bisher nur eine beschränkte sein mußte, fürderhin thunlichst vergrößern zu können. Inaim. Sonntag, den 27. d., wurde am Grabe unseres im Vorjahre verstorbenen, früheren Rabbiners Ignaz Holzer ein auf Kosten der Gemeinde angefertigter Grabstein ausgestellt. Die Trauerfeier, an welcher der CultusVorstand unter Führung des Präses Hermann Schneider und des Präses-Stellvertreters Dr. Sigmund Rosenfeld, der Vorstand der Chewra Kadischa unter Führung des Präsidenten Jacob Schidlof und die Familienmitglieder theilnahmen, nahm einen überaus würdigen Verlauf. Herr Rabbiner Dr. Kahan schilderte die Verdienste seines Vorgängers als Seelsorger, Lehrer und Funktionär der Gemeinde, in welcher er sich während seiner langjährigen Wirksamkeit allseitige Werthschätzung und Anerkennung erworben hat. Die aus dem Herzen kommenden Worte riefen bei den Anwesenden einen tiefen Eindruck hervor und wurde dem Redner . aus diesem Anlasse am nächstfolgenden Tage ein