Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 32 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Hesterr.-ungar. Kantoren-Ieitung. Nr. 32. ISeitage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 20. Iahrg. Ems ist nöthig. Von M. T i n t n e r, Bnnzlau. II. Die Vorbildung des Cautors muis sowohl in wissenschaftlicher als auch in musikalischer Beziehung eine größere und tiefere werden.. In wissenschaftlicher Beziehung erwartet man von ihm. dass er ein L e h r e r e x a m e n ablegt; ferner muss er üu Stande sein, das mit den Commentatoren zu lesen, anch leichtere Abschnitte aus v &; er muss die Religionslehre in wissenschaftlicher und methodischer Beziehung gründlich beherrschen;! dann wird er zunächst ein tüchtiger Religionslehrer fein können. Um ein guter Cantor zu werden, d. h. ein Cantor, der nicht blos mechanisch und handwerksmäßig arbeitet, muss er nicht allein die alten und neueren Sangesweifeu gründlich kennen und im Stande sein, die Recitative der Wochentags-, Sabbaih-! und Festlagsgebete auszusühren. Ferner ist es wichtig. was! leider sehr selten bei den jungen Cantoren der Fall ist, dass er j die mrrbD, map, die nAao. nas dy n. s. w. sicher und selbst- - ständig aussühren kann. Dazu genügt aber keineswegs ein mehr-! monatlicher Besuch einer Cantoreuschule, wie es heute so oft der! Fall ist, dazu gehören mindestens drei Jahre emsiges Studium und tüchtige, praktische Uebung. Deshalb sollte der junge Cantor zunächst einige Jahre in einer kleinereit Gemeinde wirken, um sich die die nölhige praktische Uebung anzueiguen, sowohl als Cantor, wie anch als Religionslehrer. Es ist geradezu frevelhafter Uebermuth, wenn solch junge Leute, die kaum ins Amt hineiugesehen haben, sich schon um große Stellen bewerben. Aus die Stimme allein kommt es nicht an. Wir brauchen für unsere Gemeinden würdige, religiöse, j geschulte, kenntnisreiche Vorbeter, ' aber nicht hiinmetstürmende! Sänger. Wer dieser Ansicht nicht huldigen kann, der versuche sein 1 Glück in den Concertsälen oder sonst wo! — „Ki besi bes J tefilloh.“ Der Gottesdienst soll einfach, feierlich und würdig sein, j einen solchen Gottesdienst zu leiten, dazu gehört viel, nämlich j liefe Bildung, religiöser Sinn, reiche Kenntnis und viel praktische! Erfahrung. Der Cantor soll außerdem die Geschichte der Syn rgogal-! Melodien studiren. Allleitung hierzu gibt der hochverehrte College! Obercantor Singer in Wien, in seiner gewiss viel zu wenig! gewürdigten Broschüre „Über die traditiouellen Melodien." Anch j die Liturgik, die Geschichte derselben, die Miuhagim u. s. w. müssen einen wesentlich Bestandtheil seiner abgerundeten Bildung! ausmachen. Selbstverständlich ist es, dass er auch die Geschichte; des Judenthums, wenigstens in allgemeinen Umrissen kennt. Der Cantor soll ja in den meisten Gcmeinden Religionslehrer sein. Ich habe im Vorstehenden so einige der Hauptforderungen, welche wir in idealer Hinsicht an den Cantor zu stellen haben, angeführt. Doch wer wird diese Forderungen beachten? Finden sich Leiter der Cantorenschulen, die sich dieselben Ideale zu eig.» j machen? Ja, und wenn ich mit Engelszungen redete, iver will i es hören? Es wird doch den Bestrebungen aus der Cantoren-! Welt so wenig Interesse eutgegengebrächt. Es gibt so viele j strebsame, gebildete Cantoren, welche, um dem Cantorat einen Dienst zu erweisen, welche, um zum Fortschritt der Cantoren beizutrageir, Aussätze veröffentlichen. Wer liest sie? Sie geben ’ Werke heraus, an denen sie jahrelang Zeit und Mühe verweu-; beten, stürzen sich in Unkosten, die oft mehrere Tausend Mark j betragen. Wer kauft die Werke? Nicht einmal die Cantoren, auf! die der Herausgeber doch zunächst rechnen muss. Nichts von! alledem.' Das Werk bleibt unverkauft, und der Autor hat den Schaden. Wann wird hier eine Wandlung eintreten? Wann werden die Cantoren sich auf sich selbst besinnen? Ja, wer möchte nicht diese Zeit erleben wollen? — Doch gehen wir weiter, und wir werden nun zu den materiellen Forderungen kommen. (Fortsetzung folgt.) Zur Orgamsaiionsfrage. Von Cantor Isidor Schwarz in Linz. (Fortsetzung.) Ein Spiegel des Judenthnms ist das Cantorenthum. In ihm und aus ibm sind alle Vorzüge und Schwächen, kriftallrein in Gestalt und Bild wahrzunehmeu. Es könnte nicht besser gerathen sein, wenn seine Bildsamkeit ein Monopol der Gemeinden wäre, und nicht weniger uugerathen durch die vollständige Freiheit seiner Selbstzucht. Die Gifte und Brauchbarkeit des jeweiligen Cautors — wer hat sie bedingt? Er selbst und sein ernstes Streben. Und da die Welt in Superlativen sich gefällt, und obendrein ganz J'rael, so geschieht es oft, dass ihm etwas in die Quer läuft, was die Meinen vorzüglich, die Anderen gut und nur die Wenigsten minder gut und achselzuckend hinnehmen. wie Jemand, der weiß, was er weiß. Alle Cantoren, die zu Probe singen, machen ihre Sache am besten, denn da droben am Synagogenaltar gibts keine Fragen und Klagen. Erst, luemt der Cantor zu singen beginnt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, was doch erst nach einer langen und bangen Reihe von 'Wochen und Monaten einzntrefsen pflegt, da me: kt man, was er kann und was ihm fehlt. Znm Glücke Helsen sich die Gemeinden mit dem Einwand hinweg: „was Einer nicht ist, dass kann er werden", und da hat es keine Noth. Ja, freilich, darum hat es keine Noth! Ader es hat dennoch eine, zudem noch eine große, eine schier unabwendbare. Ist es nicht Selbsttäuschung und Heller Wahnsinn. wenn man allenthalben zu hören bekömmt: Der Cantor ist jung, der Cantor ist gut, den nehmen wirIst die Jugend eine Panacve des Gilten und die Güte selbst nicht unendlich dehnungssähig? Wüsste man nicht, was von diesem Ansknnstsmitlel, was von dem Borziehen der Ingens bis zur schwäbischen Mannesreise zu halten sei, man wäre versucht zu glauben, die Gemeindet« denken dar«»», eitlen Funktionär für die Dauer eines Menschenlebens zu acqniriren. Judess hat es damit seine guten Wege. Es wäre anch zu albern, mit eiirem Cantor aus Leben und Tod sich zu verbitldelr. So geht dre Red' von Gemeinde zu Gemeinde, die heute den uiiö morgen jenen gerne hören. Auch verliert man schließlich nichts dabei, tveun Einer vergisst;u werden, was er zu sein versprochen. Morgen ist auch ein Tag, und da beköminl mau einen Anderen, einen Bessere» zu hören. Natürlich lassen die Guten und die Besseren nicht auf sich warten, wenn man ihrer bedarf; kaum gerufen, sind sie auch schon da. Sie erscheilleu zu Paaren, zu Haus und Menge, um einauder zu überbieten und nach Thuulichkeil den Rang abzulaufeu, der Eine am Abend, der Andere am Morgen Probe singend in wohlerprobteu Tönen. Die Kehilla genießt den Ohrenschmaus mit behaglichem Schmunzeln, und die kostenlose Geuussfreude ist eine vergnügliche Lustbarkeit, der selbst diesynagogellscheuesteu Leute für einen Abend oder mehrere Abende sich lvillig hiugeben. Die Mewinim hören mit tausend Ohren, und auch das Volk ist ganz Ohr. In den Bankreihen rechts und links gibt's ein Zuuicken ohne Ende, da und dort mit zufriedenem Geberdeuspiel, darunter auch welche mit grimassirendem Spottmuude, uttd alle sind da, nicht des Borbeters halber, der heute wie immer das Allbekarmte vorträgt, wohl aber des Sängers wegen, Catltor genannt, der oben am Podium sich produeirt. Ihm wird Beifall gezollt, Mißfallen bekundet in einer der Gottesandacht gewidmeten Stätte. Noch einen Schritt, und man könnte seiner Gefühlsäußerung ebenso gut durch Händegeklatsch oder Zischen lärmenden Ausdruck geben. Hat man Grund, darob erpicht zu sein, ob Einer Cantor heißt oder Obercantor? Was hat der Cantor, was hat der Künstler mit einem schliach zibbur gemein? „Hinweg mit dem