Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 32 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. ööahrheit: Nr. 32. eine unabsehbar weittragende und eminent wertvolle. Da ist in allererster Linie die anekdotenhaft gewordene Unsauberkeit der galizischeu Juden, gegen die zufelde gegangen werden muß, denn H sie ist Veranlasseritt und Verbreiterin von Krankheit und allem 5 Elende ihres Gefolges. j Das wird freilich kein leichtes Beginnen sein! Menschen, 1 die glauben, dass Ungeziefer ein Beweis von Gesundheit sei,;1 dass Hautausschlage „gesund" seien und darum nicht „veri trieben" werden dürfen, die es für eine Versündigung halten, j einem Kinde in seinem erstell Lebensjahr das Köpfchen zu D waschen — solche Menschen eines anderen zu belehren, ist eine ß Riesenaufgabe. Aber es muß geschehen, wenn man ihnen Helsen, K. wenn ste gesünder, besser und tüchtiger werden sollen. Es fehlen in Galizien die primitivstell Begriffe von Kinf der-, Kranken- und Wöchnerinnenpflege, Jnfection oder gar ' Desinfection. Die Folge davon sind Erkrankungen und Schäden aller Art, die Physisch, moralisch und ökonomisch die Mittel und j Kräfte der Familien aufzehren. Curplätze, Kranken- und Irrenhäuser, Blinden- und Taub- ' stummeninstitute weisen eine hohe Frequenzzahl galizisch-jüdischer i Herkunft auf. Heute müssen viele der Erkrankungen als hereditär bezeichnet werden, die ursprünglich in einer Vernachlässigung der ' einfachsten hygienischen Maßregeln uiib in der Ausübung anderer gesundheitswidriger Normeil fußten. - Die Frauen und Mädchen müssen deshalb lerne»!, die V Kinder zu baden und zu kämmen, die Wäsche zu waschen und in Stand zu halten, mit geringen Mitteln zu kochen, sie müssen j kehren und scheuern lerlten. Was nützt es, wenn die Baron : Hirsch-Stiftung 300 Paar Strümpfe vertheilt, die nach zwei; Monaten ekelerregende Lumpen seilt müssen, wenn die Frauen; und Mädchen nicht verstehen, sie brauchbar zu erhalten?" | (Schluss folgt.) Äuö Rußland. (Orig.-Bericht.) K i e iv,;8./20. August. Eine ungeheure Bestürzung ries in den jüdisch-orthodoxen Kreisen der vor Kurzem erfolgte Erlass des Unterrichtsministers -. hervor, wonach den Eltern der jüdischen Schüler, welche öffentf liche Lehranstalten besuchen, die Unterschrift abgeno»nmen werden soll, dass -sich ihre Kinder an Samstagen und an den Feiertagen r den schriftlichen Arbeiten nicht entziehen werden. Ein sehr an- : gesehener jüdischer Kaufmann, der nichts weniger als orthodox ist, sagte mir neulich: „Ich machte mir nichts daraus, dass mein Sohn am Samstag in der Schule schreibt.; ich drückte ein s. Auge zu, und mein Sohn blieb im guten Glauben, dass ich von s der ihm in der Schule aufgedrungenen Religionsverletzung nichts; wisse. Allein, im Moment, lvo mir das amtliche Formular zur - Unterschrift vorgelegt wurde, wodurch man mich zwingen wollte, meinem Sohne geflissentlich durch meine väterliche Autorität die Verletzung seiner Religion zur Pflicht zu machen, wallte in mir das Blut, und ich schwor mir im Stillen, eher meinen Sohn in Unwissenheit zu belassen, als ihm auf solchem Wege Bildung - zuzuführen. Und ich verweigerte die U nt e rs ch r i ft." Dasselbe thaten, wie ich erfahre, viele sonst freidenkende Juden. Die Absicht dieser Verordnung ist klar: man tvill den Jude», die nach Bildung streben, möglichst den Weg henunen, ohne dabei neue Ausnahmsgesetze schaffen zu müssen. Das Ver-; bot, am Samstag den schriftliche»! Arbeiten fern zu bleiben, : wird, so hoffen die Schöpfer der genannten Verordnung, manchen starrköpfigen Juden veranlassen, sein Kind nicht inehr in die Schule zu schicken. Fürwahr, ein genialer Gedanke! Dass der Regierung nicht im mindestens daran gelegen ist, die Betheiligung der jüdischen Schüler an den Schularbeiten zu fördern, braucht nicht bewiesen zu werden. Die Aufhebung eines der viele»! 'Ausnahmsgesetze, die den Juden den Zutritt zu den öffentlichen Anstalten fast unmöglich machen, hätte die Fortschritte der jüdischen Schüler viel mehr gefördert, als das zwaugweise Schreiben am Samstag. Ueberdies lassen die > Erfolge der jüdischen Schüler nichts zu wünschen übrig und bedürfen absolut keiner Förderung. Die Statistik beweist a»n beredtesten, dass fast an sammtlichen Lehranstalten Russlands die jüdischen Schüler die fleißigsten und tüchtigsten sind. In manchen jüdischen Kreisen ist die Absicht rege geworden, einen Massenprotest an die Regierung zu richten und u»n Aufhebung des Ministerialerlasses anznsuchen. Allein dieser redlichen Absicht stellt sich die heimliche Furcht entgegen, dass etwa dieser Schritt als Auflehnung gegen die bestehende Ordnung aufgefasst werden könnte. An Publicisten, die eine derartige Auffassung herausklügeln werden, wird es gewiss nicht fehlen. Wir besitzen hierzulande eine antisemitische Hetzpresse, die Eure»! „Deutschen Volksblatte" nicht nachsteht. Jedoch ist vorauszusetzen, dass dieser Protest doch eingebracht wird. Den weiteren Verlauf dieses zugleich traurigen und charakteristischen Vorfalles werde ich nicht verabsäumen, Ihnen zu berichten. Ein Eingeweihter. Heimweh. Erzählung von .Eduard Kulte. (33. Fortsetzung.) Ja welches Leid sollte eine Mutter nicht ertragen können wenn ihr ein so himmlischer Trost, wie er nur aus den^Auge , ihres Kindes spricht, gespendet wird! Heiliges Mnttecgefühln stärkstes und festestes Band auf dieser Erde! Du wirst Wunder jeaen Tag und wirst Wunder wirken, so lange das sterbliche, Wesen vorn Weibe geboren wird! Das Kindchen »var aber auch ein liebes und herziges und entfaltete sich mit jedem Tage schöner und schöner, »mb man würde dem guten Josef Unrecht thun, wenn inan annehmen würde, dass es blos zur Freude der Mutter heranwuchs. Wie sehr seine Seele auch belastet war, die gesunde Natur wirkte doch stets in ihm, und dein reinen und frohen Vatergefühl sich hinzugebe»!, bafiir konnten ihm selbst die traurigsten Vorstellunge»!, die sich seiner bemächtigtm, die Elnpfänglichkeit nicht rauben. Mit Lust uiib Freude beobachtete er die einzelnen Stufen dieses u»!beholfenen Kiuderdaseins und bernerkte mit Wonne jeden Fortschritt in der leiblichen Entfaltung eines Wesens, dein er Dasein verliehen. Wie glänzte sein Auge, da ih»n das Kind, wenn es die Mutter oder die alte Brigitte auf Händen trug, die kleinen Händchen entgegenstreckt und dainit zu erkennen gab, dass es ihn erkenne. Wie freute er sich, wenn es ihn bei der Nase packte, oder ihin in die Haare fuhr. Wie jauchzte seine Brust auf, da es zu stammeln bega»!» und die ersten Laute hervorbrachte, in denen er oder die Mutter angerufen »vnrden! Und erst als das Kind anfing mit Hilfe der alten Brigitte ihm in den Schooss zu laufen, und erst als es selbst dieser Hilfe nicht inehr bedurfte, wie sollte er sich da fassen können vor innere»! Seelenjubel! Aber sonderbar! Gerade diese »vonnigen und herzerhebenden Eindrücke, die er aus der Beobachtung seines in Gesundheit Heranwachsenden Kindes empfing, gerade diese Eindrücke waren für ihn zrigleich auch wieder ein neuer Quell der Traurigkeit und Verdüsterung; denn, indem er dieses Kind beobachtete, ka»n es ihin erst zum Betvusstsein, was es heiße,. eiue»n sochen Wesen, das in seiner Unbehilflichkeit verkümmern »nnsste, alle die Sorgfalt zuzuwenden und alle die Liebe, deren es bedarf, u»n über die Gefahren, die deinselben drohen, hinansgehoben zu werden auf sanften Arme,!, alle die Sorgfalt und all die Liebe deren doch nur eine Mutter fähig ist. Und di ka»n ihin denn der Gedanke, dass er, der heute da stehe als ein Mann in der Welt, als Hausvater in seiner Familie, eininal auch ein solch unbehilfliches Kind gewesen sei, und dass er hätte elendiglich zu Grunde gehen muffen, wenn er nicht eben all die Liebe und Sorgfalt auch von seiner Mutter erfahren haben würde, »vie sie jetzt seinem Kinde von Marien z»! Theil »ourde. Er sing es jetzt erst recht an einzusehen, was eine Mutter eigentlich sei. (Fortsetzung folgt.)