Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 32 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063013-3063045--00938-3067486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 32. Die Wahrheit. "«5. gangenheit? Und warum? Lediglich, weil einige Führer sich einer „conventionellen Lüge" gegen sich selbst schuldig machen. Der berühmte Spruch des alten Kaisers: „Dem Volke muss die Religion erhalten bleiben," soll er gerade bei dem Volke Nichts mehr gelten, das seine ganze Existenzb e r e ch t i g n n g der Religion verdankt? Darin liegt ja gerade der Schwerpunkt und der Trumpf der Assimilation, dass durch sie das jüdische Volksbewußtsein zum Schwinden gebracht, der jüdisch-religiöse Geist zur „guantitö negligeable“ degradirt wurde. Und nun sollte man es ohne Religion wiedererwecken können, sollte ein jüdisches Volk mit lediglich tolerirter Religion seine Auferstehung zu feiern im Stande sein . . .? Nie und n i m m e r m e h r! Ist dieses aber erst einmal als richtig allgemein anerkannt, dann wird auch die einzige noch bleibende Differenz zwischen den konservativen Flügeln der Judenheit von selbst schwinden. Wird auch die ersehnte Messiaszeit vielleicht nicht so schnell heraunahen, wie wir politischen Zionisten es ersehnen, für jene, die die religiöse Seite der politischen gleichstellen, wird die Rückwanderung ins heilige Land der B e g i n u jener Zeit sein, welche die Propheten geoffenbart. Sie wird da sein, wenn Gott den Augenblick für gekommen hält. Dass dieser beschleunigt werde — daran mitzuarbeiten sei unserer Arbeit Zweck und Ziel! Darum — und damit wollen wir schließen — hoffen und wünschen wir, dass mit Absetzung der „Cnltursrage" der Stein des Anstoßes hinweggeräumt sei und das Wort sich bald bewahrheiten möge, das in seiner lapidaren Kürze das ganze Streben des Zionismus enthalt das Wort, welches Rabbiner R a b i n o w i t s ch-Sabotkin ans dem letzten Congresse anssprach: „M ö ch t e n unsere g u t e n Z i o n i st e n bessere I u d e u und unsere guten Inden bessere Zionisten werden!" Zur Ludenfrage in Galhien. iii. (Fortsetzung statt Schluss.) „Von den Bestrebungen der Jewisch Colonisatkon Association muss aber auch gesagt werden, dass sie nur langsame und geringe Fortschritte zu verzeichnen haben wird, solange sie nicht auch die Frauen und Mädchen der zur Landwirthschaft designirten Familien für das neue Milieu, in das sie verpstanzt luerben sollen, vorbereitet. Frauen und Mädchen, die gewohnt sind, in höhlenartigen Wohn- oder Verkaufsräumen in geschwätzigem Nichtsrechtesthun hinzuvegetiren oder Fabriksarbeiteriu zu sein, können nicht plötzlich die Pflichten einer tüchtigen, fleißigen Freibäuerin oder Kleinbäuerin übernehmen und aussüllen. Da gilt es, Verstand und Glieder gewandt regen, damit in Küche, Milchhof, Stall und Geflügelhof alles das gepflegt, gehütet und vermehrt werde, was der Mann im Schweiße seines Angesichtes producirt. Demnach wird wohl auch bezüglich der ersten geringeren Erfolge der Jewisch Colonisation Association in der Colonisation Argentiniens manches daraus zurückzusühren sein, dass Baron Hirsch einseitig die Ausbildung männlicher Colonisten dem argentinischen Unternehmen zu Grunde legte." Während die Verfasserin sich bisher fast ausschließlich nur mit jenen Hilfsaktionen für Galizien beschäftigte, aus denen eigentlich erst die zukünftigen Generationen Nutzen ziehen können, lenkt sie im Nachfolgenden unser Augenmerk auch auf die gegenwärtigen Verhältnisse und bezeichnet rationelle, wohlorganisirte, Armen- und Volkspflege auf Grund sanitärer und erziehlicher j Maßnahmen als die einzigen Mittel, um die Juden in Gaj lizien aus Noth und Elend zu einem menschenwürdigen Dasein ' emporzuheben und in geregelte Existenzbedingungen einznsnhren. Infolge der knappen Darstellung ist es fast unmöglich, die betreffenden Stellen auszugsweise wiederzugeben, jeder gestrichene Satz, jedes ausgelassene Wort würde vermisst werden, und j darum wollen wir diesen Theil der Broschüre wortgetreu wiederj geben; Aber all die Unternehmungen, Pläne und Versuche, die in Vorstehendem besprochen sind, können selbst in vollendetster Ausführung nur den kommenden Geschlechtern nützen. Die Menschen, die heute unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein klägliches, menschenunwürdiges Dasein fristen, den Alten, den Kindern im zartesten Alter, den Kranken, den moralisch Haltlosen — soll man über die einfach wegschreiten? Ist es nicht unklug, sie als hemmende Elemente in die erhoffte neue, bessere Zeit hineinragen zu lassen? Ist es nicht grausam, sie leiden zu lassen, da es doch vielleicht Mittel und Wege gibt, ihren Zustand zu bessern und sie heute schon vorahnend einen Strahl des ausgehenden Lichtes sehen und empstnden zu lassen? Das Mittel und der Weg, das heute und in beu nächsten Jahrzenten sicher noch vorhandene sociale Martyrium der galizischen Juden zu lindern ist: dem Massenelend eine Armenpflege im Großen entgege n; u ste ll en. Unter Armenpflege ist aber nicht Almosengeben und Wohlthatenüben im traditionellen Sinne zu verstehen. Armenpflege soll jene sociale Hilfsthatigkeit sein, die in diiectem persönlichen Verkehr die Bedürftigkeit und Unwissenheit aussncht, und event. zur Verfügung stehende Geld- und andere Mittel in ihrer Verwendung kontrolliert. Pfleger und Pflegerinnen müssen immer trachten, in einen freundlich beratenden Verkehr mit jenen Menschen zu treten, die Armuth und Elend stumpf und unbehilflich und darum oft gleichgiltig gegen gut und böse gemacht haben. Sie sollen es unablässig versuchen, die einzelnen Familien und deren Mitglieder über die Zusammenhänge von Reinlichkeit und Mäßigkeit mit Gesundheit und Wohlstand aufzuklären. Kein sittigendes Mittel soll unbenutzt bleiben und jeder mögliche Versuch muß gemacht werden, die Pflegebefohlenen durch Einsetzen der eigenen Kraft in geregelte Existenzbedingungen einzusühren. Die Aufgabe einer wohlorganisierten Armenpflege ist, Familien- und auch Einzelexistenzen, denen durch verschuldete oder unverschuldete Zusammenhänge der Verfall droht, selbständig im Gleichgewicht zu erhalten. Damit dient die Armenpflege dem Staate; ihr letztes ideales Ziel ist, sich durch ihre eigenen Funktionen überflüssig zu machen. Dieses „Einsühren in geregelte Existenzbedingungen" ist aber eine ungemein komplizierte, oft nicht zu vollbringende Aufgabe, die sich in jedem einzelnen Falle anders dar stellt, da man es dabei mit allen jenen verzweigten und sieh kreuzenden Facto reu zu thun hat, die jeweils bestimmend aus Meaf henschicksale einwirken können. Dennoch lassen sich aus der Beobachtung vieler Einzelfälle wertvolle leitende Gedanken abstrahieren, die in der Armenpflege als allgemeine Richlschnür gelten können. Z. B. Man soll nie ohne genaue Prüfung der Verhältniße und Kenntnis des Falles weitgehende Leistungen anbahnen. Krankheit und Tod in einer Familie verlangen rasches Eingreifen, heben aber die Prüfung des Falles nicht ans. Man soll sreundnachbarliche und verwandtschaftliche Beziehungen gelten lassen und nicht gleich durch bezahlte Kräfte ersticken. Man soll immer erst versuchen, lokal bestehende Wohlsartseinrichtungen, Vereine oder Stiftungen zur Hilfe heranznziehen u. s. w. u. s. w. Diese und ähnliche Grundsätze, sowie alle Erfahrungen eitler raltonetleu Armenpflege, die in Centren großer Armuth und Verwahrlofung gemacht worden fiub, müssen für die galizifchen Ghettos in Anwendung gebracht werden. Es kann dadurch viel Noth gelindert werden, ohne dass man unzählige Familien direkt oder indirekt dazu veranlasst, ihre Heimat und ihren Wohnsitz zu verlassen, da man doch nicht in der Lage ist, ihnen dauernde Heimstätten und einen ausreichenden Erwerb zu bieten. Heute muß man, unb noch lange wird matt mit den vorhandenen Thatsachen, mit eingewurzelten Übeln rechnen müssen, wird mit dem Elend zu paktieren haben und in st tler Minirarbeit äußerlich kaum bemerkbare Angriffe bagegen machen. Die Civilisatoren dürfen sich nicht damit begnügen, die Cheder in Schulen ttinznwandeln. In die einzelnen Häuser nnb Hütten, in die einzelnen Familien muß man zu bringen suchen, und die pflegerische Thätigkeit, die sich da entfalten kanlt, ist